Container-Hafen in Hamburg
Container-Hafen in Hamburg: Tausende deutscher Unternehmen erleiden derzeit Umsatzeinbußen Foto: picture alliance/Christian Charisius/dpa
Arbeitslosigkeit und Konjunktureinbruch

Diese Folgen hat die Corona-Krise für die deutsche Wirtschaft

Was dieser Tage an den Weltbörsen passiert, ist schon ziemlich spektakulär. Der deutsche Aktienindex Dax, der noch Mitte Februar Kurs auf 14.000 Punkte und damit einen historischen Höchststand genommen hatte, ist binnen zweier Wochen auf knapp über 9.000 Zähler gefallen und hat damit 34 Prozent seines Wertes eingebüßt. Nicht anders sieht es beim amerikanischen Dow-Jones-Index aus, der vor zwei Wochen kurz davor war, die ebenfalls historische Marke von 30.000 Punkten zu knacken, inzwischen aber um ein Drittel gefallen ist und aktuell hart an der Marke von 20.000 Punkten notiert.

Auch wenn jetzt noch keiner weiß, ob die Börsenkurse so tief wie in der Finanzkrise von 2007-09 fallen werden – so viel ist inzwischen klar: Die sich im Moment anbahnende Weltwirtschaftskrise kann es, auch wenn ihre Ursachen ganz andere sind, mit der von vor zwölf Jahren absolut aufnehmen.

Nun besitzen ja nur vier Millionen Deutsche Aktien oder Aktienfonds, was gerade einmal 15 Prozent der Bevölkerung darstellt. Und im Gegensatz zu Amerikanern und Briten bekommen die meisten Rentner in Deutschland ihre Rente von der staatlichen Rentenversicherung und müssen im Ruhentstand nicht von Privatrenten leben, die in Aktien angespart wurden.

Weltbörsen und Realwirtschaft hängen eng zusammen

Prima Sache, könnte man sich also denken, die Talfahrt an den Börsen geht kaum jemanden etwas an, weshalb die Schreckensschreie der gequälten Börsenhändler und der wenigen Aktienbesitzer, die genau jetzt verkaufen müssen, in Deutschland weitgehend ungehört verhallen. Könnte man meinen, ist aber nicht so, denn die Entwicklung an den Weltbörsen hängt mit der realen Wirtschaft aufs Engste zusammen. Und die echte Wirtschaft geht jeden etwas an, auch wenn er davon nicht viel versteht und eigentlich nie darüber nachdenkt.

Die nachvollziehbarsten Auswirkungen sind natürlich die auf die Reise- und Tourismusindustrie, und zwar nicht nur auf den Kanaren und Mallorca, wo 60 oder 70 Prozent aller Arbeitsplätze am Tourismus hängen, sondern auch bei uns. Hoteliers, Restaurant-, Café- und Kneipenbetreiber, aber auch Konzertveranstalter, Messebauer, Caterer und Reiseveranstalter haben bereits jetzt enorme Ausfälle zu verzeichnen – und ein Ende ist noch gar nicht abzusehen.

Das ist allein deshalb schlimm, weil das eine Industrie ist, in der viele Menschen mit Zeitverträgen, als Leiharbeiter oder als Mindestlohnempfänger beschäftigt sind, Arbeitsverhältnisse, die jetzt reihenweise beendet oder mindestens beschränkt werden.

Eine Liquiditätskrise auf zwei Ebenen

Genauso problematisch ist die Lage der Unternehmen in Tourismus, Gastgewerbe und der Freizeitwirtschaft, Branchen, die schon in den besten Zeiten als nicht besonders stabil gelten. Selbstverständlich nicht alle, aber viele Wirte, Reiseveranstalter oder Hotelbetreiber verdienen auch in guten Zeiten nicht besonders viel, verfügen also über keine großen Kapitalreserven und haben bei Ihren Banken kaum Möglichkeiten, genau dann zusätzliche Liquidität zu bekommen, wenn sie diese am meisten bräuchten, nämlich jetzt.

Und genau da sind wir am Knackpunkt: Wirtschaftskrisen, die sich oberflächlich gesehen nur auf den Monitoren der Weltbörsen abspielen, haben im echten Leben höchst spürbare Auswirkungen, weil ein Aktiencrash immer eine Liquiditätskrise auf zwei Ebenen einleitet: Zuerst einmal nehmen Unternehmen plötzlich weniger ein, müssen aber ihre laufenden Kosten, die man auch als Fixkosten bezeichnet, weiter stemmen. Ein Hotelbetreiber, dessen Hotel wegen der Corona-Krise plötzlich nur noch zu einem Viertel gebucht ist, muß weiter Köche, Kellner und Zimmermädchen, Autos, Strom Gas, Wasser und die Darlehensraten bei der Kreissparkasse bezahlen.

Nun gibt es ja genau in Situationen, in denen Einnahmen ausbleiben, für Unternehmen das sogenannten Kontokorrent. Ein Kontokorrent ist ein Einlagenkonto für Unternehmen, das an einen Überziehungsrahmen gekoppelt ist, der bis zu einem festgelegten Höchstbetrag beliebig oft in Anspruch genommen werden kann. Das Kontokorrent, das man auch KK-Linie nennt, ist der mit Abstand wichtigste Kredit für mittelständische Unternehmen überhaupt. Ohne ihn läuft gar nichts. Über das Firmenkonto und den dazugehörigen Kontokorrent werden im Mittelstand alle laufenden Zahlungen abgewickelt und teilweise vorfinanziert.

2021 wird es eine Welle von Insolvenzen geben

Jetzt kommen wir zum zweiten Faktor in jeder Wirtschaftskrise, die immer auch eine Liquiditätskrise darstellt, zur Frage, ob ein Unternehmer das Kontokorrent hat, das er jetzt braucht. Die Erfahrung zeigt, daß viele Unternehmen in den jetzt gefährdeten Branchen nicht über die KK-Linien verfügen, die sie bräuchten, um die Krise zu überstehen.

Das liegt hauptsächlich an den Kreditsicherheiten. Banken verlangen im unternehmerischen Mittelstand so gut wie immer Kreditsicherheiten, hauptsächlich Grundschulden auf unbelastete Immobilien. Die hat aber nicht jeder, also kommt es zu ungenehmigten Überziehungen des Kontokorrents.

Das kann ein Unternehmer eine Zeitlang durchaus machen, und Banken haben dafür im Moment auch ein gewisses Verständnis, aber irgendwann ist Schluß, dann wird die KK-Linie gekündigt – und das, und nicht die so oft beschworene bilanzielle Überschuldung, ist so gut wie immer der Auslöser einer Insolvenz im Mittelstand.

Bis so ein Prozeß abgeschlossen ist, vergeht ein Jahr, manchmal auch zwei. Und auch wenn es keine Statistiken gibt, wo gerade so etwas passiert, ist es klar, daß die Umsatzeinbußen, die tausende deutsche Unternehmen im Moment erleiden, zu massiven wirtschaftlichen Problemen und im Jahr 2021 zu einer Welle von Insolvenzen führen werden. Das wird in der Konsequenz zu einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums und zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen.

Ein Silberstreifen am Horizont

Wenn dies alles heute schon klar ist, dann stellt sich die Frage: Kann man dagegen etwas tun? Antwort: Die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Die durch die Corona-Krise ausgelösten massiven Nachfrageeinbußen in Tourismus, Handel, Import und Export können durch staatlichen Maßnahmen – oder gar Verstaatlichungen, von denen die Linke in solchen Situationen ja stets träumt – keinesfalls ausgeglichen werden.

Der einzige Ansatzpunkt bietet sich bei der Geldpolitik: EZB, Bundesbank und im Durchgriff die üblichen Banken des Mittelstands können vermehrt Liquidität zur Verfügung stellen, was sie durch die Nullzinspolitik allerdings seit Jahren bereits tun. Doch viel ist hier nicht zu erhoffen. Jetzt zeigt sich schön, daß diese einstmals scharfe Waffe inzwischen fast vollkommen stumpf geworden ist. Zinssenkungen allein werden diese Krise weder lindern noch verkürzen, geschweige denn beenden, weil man tiefer als Null nicht gehen kann.

Bei all diesen schlechten Nachrichten gibt es allerdings auch einen Silberstreifen am Horizont: Da die Zinsen auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr steigen können, werden die Immobilienpreise ihre hohes Niveau halten, was die alte Wahrheit, die sich schon nach den beiden Weltkriegen gezeigt hat, wieder einmal untermauert: Grund und Boden ist Gold wert. Die Aktienmärkte werden weiter nach unten gehen, aber nach einem oder eineinhalb Jahren werden sie wieder steigen, weil sie das nach Krisen immer tun.

Container-Hafen in Hamburg: Tausende deutscher Unternehmen erleiden derzeit Umsatzeinbußen Foto: picture alliance/Christian Charisius/dpa

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