Kardinal Gerhard Ludwig Müller
Kardinal Gerhard Ludwig Müller Foto: dpa
Aufruf von Papstkritiker Viganò

Der gute Ruf

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller ist ein begnadeter Dogmatiker. Seine Bücher zu dieser Thematik sind Referenzen. Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er in diesem Sinn auch solide Arbeit geleistet. Daß Papst Franziskus den Arbeitsvertrag des Kardinals als Präfekt nicht verlängert hat, war eine spontane Entscheidung, die sich dem Verständnis wohlwollender Beobachter des Kuriengeschehens entzog. Müller zog sich zurück und schwieg. Es war das Klügste, was man in solch einer Situation machen konnte. In der Stille wuchs sein Ansehen.

Ähnlich verhielt es sich mit seinem Kardinalskollegen Robert Sarah. Der schrieb mehrere Bücher, die eine gute Verbreitung finden. Zu Beginn der Corona-Krise kritisierten beide, daß die Kirche (implizit auch der Papst) sich gegenüber der Politik zu unterwürfig zeige. Für Italien, gefangen in der Schreckstarre angesichts so vieler Särge, waren die kirchlichen Reaktionen verständlich.

Von der katholischen Kirche in Deutschland, deren Verhältnis zur Politik übrigens von Konkordaten mit den Bundesländern und nicht mit dem Bund geregelt wird, hätte man sich schon ein paar Worte mehr zur Selbstbehauptung oder wenigstens Ideen zur Gestaltung eines corona-konformen Gottesdienstes mit Gläubigenpräsenz an Ostern erwarten können.

Die Diskussion hätte mindestens Aspekte des Glaubens in die nichtkirchliche Öffentlichkeit getragen. Vielleicht zeigt die eilfertige Botmäßigkeit einiger Bischöfe auch den Grad an Vertrauensverlust in den eigenen Glauben an. Wie immer, eine Diskussion blieb aus, die kritischen Worte von Müller und Sarah klangen wie aus dem Off von Rom herüber. Und verhallten.

Debatte über Aufruf gegen Corona-Maßnahmen

Nun ist eine Debatte angebrochen über einen Aufruf, den der ehemalige Nuntius in Washington, Erzbischof Carlos Maria Viganò, ein fast leidenschaftlicher Gegner von Papst Franziskus, aufgesetzt hatte und den Kardinal Müller als prominentester Unterzeichner unterstützt.

Darin wird nicht nur beklagt, daß die Grundrechte auf Religionsfreiheit und Meinungsäußerung eingeschränkt werden, sondern auch „dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung und der damit verbundenen Kontrolle über Personen und der Verfolgung all ihrer Bewegungen“ durchgesetzt würden und daß dies ferner der Auftakt sei zur „Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht“. Die Debatte hat sich mittlerweile auf eine Kritik an Müller verengt. Der legte noch nach und stellte die Kritiker in das trübe Licht der Intoleranz.

Von besonderer Redlich- und Ernsthaftigkeit zeugt diese Debatte nicht, und auch die Kübel von Häme und Hybris mögen zwar einigen Autoren und vor allem Gegnern der Kirche Genugtuung bereiten. Wohltuend ist in diesem Zusammenhang das nüchterne Urteil des Nachfolgers von Müller im Bischofsamt in Regensburg, Rudolf Voderholzer, der sich von dem Aufruf distanziert – das ist die Hauptsache – und die persönlichen Attacken auf Müller schlicht übergeht.

Aber persönliche Attacken auf Würdenträger lassen sich linksliberale Medien nicht so schnell entgehen, sind sie doch auch ein Vehikel, um progressive Ideen – etwa im Sinne des Synodalen Weges – durch die Schwächung von Gegnern im öffentlichen Diskurs zu stärken. Dafür hat Kardinal Müller in der Tat eine offene Flanke geboten. Der Vorsitzende des „Zentralkomitees deutscher Katholiken“, Thomas Sternberg, griff die Gelegenheit beim Schopf und zeigte maliziös Mitleid mit dem Kardinal. Das ist eigentlich schlimmer als Häme.

Krude Theorien über Weltregierung

Man kann sich fragen, warum ein renommierter Kirchenfürst (ohne Land) sich derart verrennt. Es geht dabei nicht um die Einschränkungen durch Corona – darüber muß man debattieren dürfen –, sondern um die in der Tat kruden Theorien von einer Weltregierung und Totalüberwachung. Man darf sicher auch gegenüber Milliardären wie Bill Gates und George Soros skeptisch sein, weil diese ihre ideologisch geprägten Menschenbilder durch Geld und Nichtregierungsorganisationen weltweit durchsetzen wollen.

Aber sie wollen es auf dem Weg der Beeinflussung tun, dafür braucht man keine Weltregierung und keinen „Großen Bruder“. Das wäre ja nur bürokratischer Ballast. Solche simplen Zusammenhänge und Nicht-Zusammenhänge hätte auch ein Kardinal Müller schnell begriffen, wenn er denn politisch besser beraten wäre.

Das ist der springende Punkt, die Beratungs- und Filterfunktion. Jede große Organisation hat automatische Filter. Die hatte der Kardinal auch, als er noch im Amt war. Der fehlende Widerspruch ist übrigens ein Problem nicht nur in Bischofspalästen, sondern auch an Minister- und Kanzlerhöfen.

Es geht um Ehre und Würde

Seit Müller nun ein Fürst mit Titel, aber ohne Land und konkrete Verantwortung ist, ist er offenbar Beratern ausgeliefert, die selbst niemandem Rechenschaft abzulegen haben. Erzbischof Viganò etwa ist solch ein in geistigen Gefilden umherirrender Don Quijote. Und es gibt sicher noch andere Persönlichkeiten im Umkreis des Kardinals, die sich weder um ihren Ruf noch den des Kardinals scheren.

Ihnen und auch den persönlichkeitszersetzenden Kritikern kann man mit dem Patron der Journalisten, Franz von Sales, nur sagen: „Von allen Gütern dieser Welt ist der gute Ruf das Wichtigste“. Denn mit ihm geht es um Ehre und Würde. Übrigens auch der Institution Kirche, die aus vielerlei Gründen systemrelevant ist. Auch wenn ihre Hirten nicht immer den Eindruck vermitteln, daß sie selber davon überzeugt sind.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller Foto: dpa

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