„Fettes Brot“

Hymne für die Meinungsdiktatur

Politik gehört ähnlich wie der Fußball zu jenen Themen, bei dem fast jeder glaubt, sich eine Meinung erlauben zu können. Diese wird dann meist sehr emotional, mitunter sogar aggressiv vertreten. Auch jenen gegenüber, die sich zum Beispiel beruflich sehr intensiv mit dem entsprechenden Thema auseinandersetzen.

Sowohl beim Fußball als auch in der Politik bilden sich viele ihre Ansichten bereits in frühester Jugend und verrücken sie später kaum noch. Dem Lieblingsverein ihrer Kindheit halten sie genauso bedingungslos die Treue wie den naiven politischen Idealen ihrer Schulzeit.

Moralische Besoffenheit

Noch eine Gemeinsamkeit haben Fußball und Politik. Beide sind immer wieder Grundlage und Motivation für sehr schlechte Musik. Beim Fan-Lied hilft im Zweifel der Alkohol. Beim Polit-Song bleibt einem da allenfalls die eigene moralische Besoffenheit.

Die Rap-Combo „Fettes Brot“ hat beide Genres schon beackert. 2006 schufen sie, gemeinsam mit Bela B. von der Punkband „Die Ärzte“, mit „Fußball ist immer noch wichtig“ den vielleicht einzigen weitgehend unbeachteten Song zur Weltmeisterschaft im eigenen Land. Jetzt haben die Hamburger Rapper ein musikalisches Statement „gegen Rechts“ veröffentlicht.

Im Stück „Du driftest nach rechts“ rappen die mittlerweile erkennbar ergrauten Hip-Hopper all jenen nach dem Mund, die alle politisch Andersdenkenden bis in das Privateste hinein entmenschlichen und isolieren wollen. Der Text des Songs handelt von einer Frau, die sich sehr zum Mißfallen ihres Freundes seit ihrer Jugend politisch weiterentwickelt hat. In den Lyrics, auf die die Rapper so stolz sind, daß sie sie selbst in einem eigenen Video veröffentlich haben, heißt es:

„Früher warst du ein leuchtendes Vorbild in Sachen Haltung,

Hast voller Begeisterung für Punk Rock geschwärmt,

Heute sind wir leider nur noch äußerst selten einer Meinung,

Im letzten Jahr hab ich dich nochmal ganz anders kennengelernt.“

Realitätssinn könnte Leben retten

Nach den Motiven seiner Freundin fragt der Mann nicht. Es scheint ihm auch gar nicht erst in den Sinn zu kommen, daß sie als Frau gute Gründe dafür haben könnte, „nach rechts zu driften“. Die erhöhte Vergewaltigungsgefahr, die gestiegene Zahl der Messermorde, hunderttausende junge Männer die eine zutiefst rückständige und frauenverachtende patriarchale Machokultur mitbringen… Für den wohlstandsverwahrlosten deutschen Mann von heute alles kein Grund, die eigene linke Haltung aus den 90er Jahren zu hinterfragen.

Auch der Frau an seiner Seite läßt er so viel Realitätssinn nicht durchgehen. Denn dieser Realitätssinn mag seiner Freundin vielleicht das Leben retten, er selbst würde es im Falle eines Falles aber ganz sicher nicht tun. Der Beziehung schadet sie mit ihrem ignoranten Überlebenswillen aber gewaltig. Deshalb sagt er ihr klipp und klar:

„Ich mag’s nicht, wie du bist, wenn der Frust dich frißt,

Du mit verkniffenem Gesicht deinen Haß rausläßt,

Wenn du Wohnungslose und Journalisten dißt,

Und von Geflüchteten als Touristen sprichst,

Wenn du mich dann küßt, verspritzt du Gift,

Und innerlich zerfrißt es mich.“

Drama einer Generation

Diese Zeilen sind ungewohnt ehrlich. Tatsächlich geht es dem urbanen Realitätsverweigerer bei seiner moralischen Selbsterhöhung in erster Linie um sich und das wohlige Gefühl einer von „den Guten“ zu sein. Wer so gut ist, kann sich natürlich nicht mit schlechten Menschen umgeben. Schon gar nicht darf man sich von einem solchen küssen lassen.

Ohne es zu beabsichtigen, beschreibt der Song weit weniger das vermeintliche Abdriften der besungenen Frau nach rechts, als das ganze Drama einer Generation, die geistig und emotional in ihrer Jugend hängengeblieben und nie wirklich erwachsen geworden ist.

Wenn ein Mann mit Mitte 40 selbstmitleidig davon rappt, wie er sich auf „alten Fotos“ anschaut, „wie verliebt“ er und seine „abgedriftete“ Freundin mal waren, er im „Beastie Boys Shirt“, sie „mit lila Haaren“, und ihr dann vorwirft, heute sei ihre „Welt nur noch schwarz und weiß“, dann spricht daraus eine Selbstgefälligkeit und eine moralische Borniertheit, die es dem Gegenüber abspricht, eigene Erfahrungen zu machen und daraus seine Schlüsse zu ziehen.

Der Moral-Macho beharrt auf seiner Sichtweise

Dieses Streben nach völliger Gleichgesinntheit in allen Bereichen des Lebens birgt etwas zutiefst Totalitäres in sich. Da werden politische Äußerungen im Internet („In deiner Facebook-Timeline Nazischeiß“) dann auf einmal wichtiger als der reale Mensch und das, was ihn im Innersten bewegt.

Statt auch nur den geringsten Versuch zu unternehmen, die Freundin mit der er, wie es der Song beschreibt, seit Jahrzehnten zusammen zu sein scheint, zu verstehen, beharrt der Moral-Macho auf seiner Sichtweise als der einzig richtigen.

Als Konsequenz bleibt ihm da nur die brutalst mögliche emotionale Erpressung: Die Drohung, die Beziehung zu beenden:

„Du driftest nach rechts,

Ich verlier‘ dich an die Dunkelheit,

Nach rechts,

Kein Plan, wie viel Zeit uns noch bleibt,

Du driftest nach rechts,

Ich fürchte, bald ist es soweit,

Nach rechts,

Dann muß ich gehen, tut mir leid.“

Denken in totalitären Kategorien

Daß das private so politisch wird, kannte man lange nur aus Diktaturen, in denen Ehen am mangelnden Elan des Partners für den Sozialismus zerbrochen sind, oder Kinder ihre Eltern angeschwärzt haben, weil sie den „Führer“ beleidigt haben.

Heute ist das Denken in totalitären Kategorien wieder en vogue. Bei vielen ist die eigene ideologische Blase längst zur geistigen Festung geworden. Es gibt ein selbst in Diktaturen so kaum dagewesenes, geschlossenes Bündnis zwischen Politik, Medien, Wirtschaft und „Kulturschaffenden“, das die Bevölkerung mit einer Mischung aus Drohungen und Propaganda vor sich hertreibt.

Wer heute 30 oder gar 20 ist, ist meist kaum noch irgendwo mit einer nichtlinken Meinung in Berührung gekommen. Wenn doch, dann vermutlich nur als abschreckendes Beispiel, wenn in der Schule, der Uni oder eben von der Lieblingsband mal wieder vor dem bösen Rechtspopulismus gewarnt wurde.

Problematisches Demokratieverständnis

Eine Demokratie, in der es nur noch eine wirklich legitime Meinung gibt, ist aber eben auch keine wirkliche Demokratie mehr. Die deutsche Gesellschaft bewegt sich mit Riesenschritten auf eine allumfassende Meinungsdiktatur zu. Der Song „Du driftest nach rechts“, von „Fettes Brot“, könnte ihre Hymne werden.

Fettes Brot bei der Verleihung der 1Live Krone 2018 in der Bochumer Jahrhunderthalle Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress

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