Deutsch-polnische Grenze: Die Zeiten sind vorbei, in denen ein europäisches Land sich gestärkt fühlen durfte, weil es seinen Nach-barn geschwächt hatte Foto: picture alliance/chromorange
Polnische Reparationsforderungen

Geschichte muß nicht trennen

Die 800-Milliarden-Euro-Forderung Polens an Deutschland als Reparation für seine Verluste im Zweiten Weltkrieg ist in der Sache närrisch, als ein außenpolitischer Schachzug Warschaus aber ernst zu nehmen. In der aufgemachten Rechnung spiegeln sich neben innenpolitischen Motiven der Regierungspartei PiS auch die historischen Belastungen in den deutsch-polnischen Beziehungen sowie die selbstverschuldete Erpreßbarkeit der Bundesrepublik wider.

Der polnische Außenminister Jacek Czaputowicz hat erklärt, sein Land sei in der Reparationsfrage vergleichsweise schlechter weggekommen als westeuropäische Länder. In der Tat. Wenn Griechenland heute 300 Milliarden Euro an Reparationen verlangt – die Summe, mit der es seine Rettungsschirme, Notkredite und Bürgschaften abdecken könnte, die durch seinen betrügerisch erreichten Beitritt zur Eurozone nötig wurden – und Stimmen in Deutschland meinen, das hätte schon seine Richtigkeit – ja, warum soll Polen dann nicht ebenfalls um eine entsprechend höhere Summe feilschen?

Es gibt alternative Berechnungen, welche die polnischen Kriegsverluste mit dem Zugewinn der deutschen Ostprovinzen abgleichen. Danach bliebe tatsächlich eine – allerdings wesentlich geringere – polnische Forderung übrig, die aber mit den deutschen Finanzhilfen, Kreditnachlässen, Entschädigungszahlungen, mit dem Unterhalt der polnischen Bürger, die nach Ausrufung des Kriegsrechts 1980 in die Bundesrepublik flohen, den EU-Zahlungen usw. verrechnet werden muß. Aber wozu das alles? Beide Seiten müssen akzeptieren, daß vollkommene Gerechtigkeit erst im Himmelreich zu finden ist.

Geschichte kann auch verbinden

Polen betont die besondere Grausamkeit der deutschen Besatzung und die Alleinschuld Hitlers am Krieg. Darauf läßt sich erwidern, daß auch die Vertreibung der Deutschen sich in grausamen Formen abspielte und die Politik der polnischen Zwischenkriegsrepublik nach außen auftrumpfend und nach innen rabiat gegenüber den nationalen Minderheiten war.

Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit: Denn woher soll eine Nation, die 120 Jahre unter den angrenzenden Großmächten dreigeteilt war, die von ihnen unwürdig behandelt wurde und sich plötzlich auf der Siegerseite wiederfindet, die innere Souveränität hernehmen, die zu moderater Politik befähigt? Golo Mann, der Melancholiker unter den deutschen Historikern, hatte schon 1957 mit Blick auf Deutsche und Polen gemeint, man täte gut daran, die Ereignisse und Entscheidungen jener Zeit „als eine Kette böser Aktionen und böser Reaktionen zu sehen“.

Wer heute dagegen im übriggebliebenen Breslauer Schloß die Ausstellung zur Stadtgeschichte besichtigt, ist erstaunt, wie respekt-, ja liebevoll die deutsche Vergangenheit ausgestellt wird. In der Stettiner Innenstadt entstand 2015 der vielbeachtete Neubau der Philharmonie genau an der Stelle, wo bereits vor 130 Jahren ein Konzerthaus eingeweiht worden war, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Bei der Eröffnung nannte der Oberbürgermeister den Standort ein Bekenntnis zur deutschen Vergangenheit der pommerschen Stadt. Die Geschichte muß also nicht mehr zwangsläufig trennen, sie kann auch verbinden.

Minderwertigkeitskomplex und Ich-Schwäche

Die Zeiten sind unwiderruflich vorbei, in denen ein europäisches Land sich gestärkt fühlen durfte, weil es seinen Nachbarn geschwächt hatte. Das ergibt sich aus den globalen Machtverschiebungen. Auch deshalb sind die polnischen Forderungen an Deutschland anachronistisch und falsch. Die Verantwortung für den Irrwitz liegt aber hauptsächlich auf deutscher Seite.

Nach 1989 hatten die osteuropäischen Länder ihre Blicke erwartungsvoll und ratsuchend nach Bonn beziehungsweise Berlin gerichtet. Und tatsächlich erwies die Bundesrepublik sich als der entscheidende Fürsprecher ihres EU-Beitritts. Hinter dem Engagement stand jedoch weniger eine politische Strategie für Europa als das Gefühl, eine historische Schuld wiedergutmachen zu müssen.

Deshalb wurden die Benesch-Dekrete durchgewinkt und das geplante Zentrum gegen Vertreibungen bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Daraus sprachen kein staatsmännischer Weitblick und auch nicht die Großzügigkeit des sanften, selbstsicheren Hegemons, sondern der Minderwertigkeitskomplex und die Ich-Schwäche eines bekennenden „Tätervolks“, das reuevoll in einem supranationalen Gebilde verschwinden will.

Dem Wahnsinn eine noch prächtigere Krone aufsetzen

Für die Führungsrolle in einer europäischen Realpolitik fiel die Bundesrepublik damit aus. Die Dialektik der deutschen Hypermoral aber – die Mischung aus Selbstverleugnung und Welt­rettungsanspruch – schlägt auch auf ihre kurzfristigen Nutznießer in Europa zurück, die von der irrationalen Energie-, Sicherheits- und vor allem Migrationspolitik der Bundesrepublik in Mitleidenschaft gezogen werden.

Auf die Weigerung insbesondere Polens und Ungarns, sich der moslemischen Zuwanderung und den globalistischen Verheißungen zu öffnen, reagiert Berlin mit lautstarkem „moralischem Imperialismus“ (Viktor Orbán ) und indem es EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen sie forciert. Vor diesem Hintergrund sind die polnischen Reparationsforderungen ein außenpolitisch motivierter Gegenschlag, der bewußt auf die hypermoralische Empfindlichkeit der verwirrten Nachbarn zielt.

Der aber ist gar nicht mehr fähig, seinen Zustand zu begreifen und sich aus ihm zu befreien. Im Gegenteil, er setzt dem Wahnsinn eine noch prächtigere Krone auf. Bereits 200 Bundestagsabgeordnete unterstützen das Projekt eines „Polendenkmals in der Mitte Berlins zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung 1939–1945“. Der Konnex aus quasireligiöser Schuldergriffenheit, Hypermoral und politischer Irrationalität erhielte eine neue Weihestätte. Den Schaden davon werden Deutsche, Polen und die anderen Europäer gemeinsam haben.

JF 36/19

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