Thomas Bernhard

Er ist wieder da!

Die DDR, dieser kleine, dumme Mauerstaat, beschwor gern und aufdringlich seine Weite, Vielfalt und Weltoffenheit. Dabei besaß er nicht einmal genügend Stärke für ein Kulturabkommen mit der Bundesrepublik, weil er – völlig zu recht – fürchtete, damit noch mehr in ihren Sog zu geraten. Ersatzweise gab es ein Kulturabkommen mit dem kleinen Österreich, was für DDR-Bürger manche Vorteile brachte. So erschienen in den achtziger Jahren mehrbändige Ausgaben von Bachmann, Broch, Freud, Musil und anderen.

Eine spezielle Entdeckung waren die Bücher des Dichters Thomas Bernhard (1931 – 1989). „Der Untergeher“, „Holzfällen. Eine Erregung“, „Auslöschung. Ein Zerfall“, lauteten einige der Titel, die so gut zur morbiden Stimmung in der zerfallenden DDR paßten. In endlosen Satzkaskaden gifteten und geiferten die Erzähler gegen die Verkommenheit, den Stumpfsinn, den Opportunismus im Land und die Talentlosigkeit der vom Staat ausgehaltenen Künstler. Die Rede war von Österreich und der Wiener Gesellschaft, doch man las sie als Gleichnis auf den SED-Zombie-Staat.

Im Deutschen Theater in Berlin, der Spitzenbühne der Hauptstadt, wurde im März 1989 das Stück „Der Theatermacher“ aufgeführt. Es war eine Offenbarung! Ein größenwahnsinniger Staatsschauspieler will das Drama „Das Rad der Geschichte“ inszenieren. Napoleon, Churchill, Einstein und andere Koryphäen der Menschheit sind die tragenden Figuren. Während der Proben traktiert und demütigt er fortwährend seine Familie.

Selbstgefällig und geschwätzig

Der Frau malt er schwarze Farbe ins Gesicht („Der ganze Schrecken des Atomzeitalters muß in Deinem Gesicht zu lesen sein!“), um sich bei Betrachtung der Maskerade zu entsetzen: „Wie Du aussiehst. Du bist eine Schande für das weibliche Geschlecht!“ Natürlich endet die Farce in einem riesigen Kladderadatsch. Das Stück wirkte wie eine böse Parodie auf den Ausspruch von SED-Generalsekretär Erich Honecker „Wir sind die Sieger der Geschichte.“

Nach dem Mauerfall nahm meine Bernhard-Begeisterung schnell ab. Seine Wortexzesse, Endlosschleifen, die begründungslosen Vernichtungsschläge kamen mir jetzt selbstgefällig und geschwätzig vor, die wütenden Klagen und Anklagen schrumpften zu Ansichten eines Hofnarren, der die Vorzüge der freiheitlichen, der demokratischen Gesellschaft, die endlich auch über den Osten gekommen war, nicht zu schätzen wußte. Als in den neunziger Jahren im Deutschen Theater „Der Weltverbesserer“ gespielt wurde, hoffte ich auf die Wiederholung des „Theatermacher“-Erlebnisses, doch es zündete bei mir nicht mehr. Thomas Bernhard geriet mir in Vergessenheit.

Wegen Bauarbeiten, die für ein allgemeines Durcheinander  in der Wohnung sorgten, mußte ich kürzlich einige Bücherregale leerräumen. Das bescherte mir ein Wiedersehen mit der DDR-Ausgabe des Romans „Auslöschung“, (Ost-)Berlin 1989, die ich damals geradezu verschlungen und in einer meiner ersten Zeitungsrezensionen abgefeiert hatte. Der Erzähler Franz-Josef Murau, der als Privatier in einem römischen Palazzo eine „geistige Existenz“ lebt, wird durch ein Telegramm vom Tod seiner Eltern und seines Bruders informiert.

„Durch und durch verkommener Staat“

Er ist der Alleinerbe des riesigen Gutes und feudalen Familienanwesens Wolfsegg. Mit Grausen erinnert er sich an die dort verbrachte Kindheit. Seine Mutter mahnte ihn, der früh zum Außenseiter und distanzierten Beobachter tendierte, nicht die Bibliothek aufzusuchen, „um abwegigen Gedanken nachzugehen“, sondern seinem Bruder nacheifern., „(der) geht ins Jägerhaus, wo es lustig ist“. Die Lustigkeit der Jäger aber war eine „gemeine und niederträchtige“ und außerdem „abgrundtief primitiv“.

Auch diese Stellen hatte ich damals, in der Endzeit der DDR, markiert: „Was für scheußliche Kreaturen in diesem Österreich heute die Macht haben! Die Niedrigsten und Gemeinsten sitzen jetzt oben. Die Widerwärtigsten und die Gemeinsten haben alles in der Hand und sind drauf und dran, alles, das etwas ist, zu zerstören. Leidenschaftliche Zerstörer sind am Werk, rücksichtslose Ausbeuter, die sich den Mantel des Sozialismus umgehängt haben.“

Selbstverständlich kommen die Konservativen und Katholiken bei Bernhard keinen Deut besser weg als die Linken. „Katholizismus, Nationalsozialismus und Pseudosozialismus“, ein „durch und durch verkommener Staat (…), dessen Gemeinheit und Niedrigkeit nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt ohne Beispiel sind“, und die „verkommenen stumpfsinnigen Regierungen“ hätten ein „bis zur Unkenntlichkeit zutode verstümmeltes Volk“ hinterlassen. Wahrscheinlich sei „der allgemeine Verdummungsprozeß schon so weit fortgeschritten, daß es kein zurück mehr gibt“, so Murau. Deshalb müsse „nach diesem Bericht (…)  alles, was Wolfsegg ist, ausgelöscht werden“.

Also schrieb Thomas Bernhard vor mehr als 30 Jahren.

Jetzt ist er wieder da!

Thomas Bernhard (1981) Foto: akg-images / Brigitte Hellgoth

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load