Medienberichterstattung

Eine Wohlfühlinsel namens Barley

Wirklich gut, daß es Journalisten gibt – zumindest für Politiker. Der „Elfe“ aus der SPD geht es momentan gar nicht gut, die Wähler verschmähen sie. Und so greifen dieser Tage mit „Tagesschau“ und FAZ gleich zwei Medien der märchenhaften Spitzenkandidatin unter die zarten Flügel: Katarina Barley ist „super“, „sympathisch“ und „unheimlich nett“ – bitte wählt sie!

Kurz vor der Wahl zum EU-Parlament dümpeln die Sozialdemokraten in den Umfragen immer noch zwischen 15 und 17 Prozent. Ein Debakel von minus zehn Prozentpunkten deutet sich an. Dabei kandidiert doch eine „Super-Europäerin“ auf Platz eins der SPD-Liste. Das meint zumindest die „Tagesschau“ und hämmert das ihren Beitragszahlern ein.

Barleys Herkunft wird Wahlargument

Sekundiert wird die ARD von der Frankfurter Allgemeinen. Redakteur Peter Carstens bringt es fertig, vier Mal das Adjektiv „sympathisch“ zu benutzen, wenn er über die derzeit noch amtierende Bundesjustizministerin schreibt: „sympathische SPD-Generalsekretärin“, „sympathische Spitzenkandidatin“, „sympathische Kandidatin“, „sympathische Barley“. Irgendwer muß Carstens geflüstert haben, daß die ständige Wiederholung eines Wortes sich für immer in das Gedächtnis des Empfängers eingräbt. Aber falls es noch nicht jeder verstanden haben sollte, hat der Sprachakrobat noch ein weiteres Synonym parat: „eine unheimlich nette Politikerin“.

Die „Tagesschau“ verrät uns dann noch Barleys parteiinternen Kosenamen: „Die Elfe“. Wer mag sie nicht, diese gutmütigen Wesen aus den nordischen Fabeln, die keiner Fliege etwas zu Leide tun können und nur das Beste wollen? Aber selbstverständlich kann „Tagesschau“-Redakteurin Sabine Müller, die mir ihrer tiefen und harten Stimme so gar nicht an eine Elfe erinnert, nicht nur das Vokabular aus dem Willy-Brandt-Haus abkupfern. Sie hat in ihrem Beitrag über „Die Allzweckwaffe mit Europa im Blut“ (Titel des Jubel-Beitrages) mutmaßlich noch eine eigene Wortschöpfung für Katharina Barley parat: Die „Super-Europäerin“. Das müßte doch das „beste Verkaufsargument in diesem Wahlkampf“ sein.

Schließlich sei die 50jährige halbe Britin. Und mit ihrem „spanisch-niederländischen Ex-Mann“ habe sie zwei Söhne gemacht. Und die Kinder hätten dadurch „Großeltern mit vier verschiedenen Nationalitäten“. Wenn das in Zeiten der Multi-Kulti-Religion kein Grund ist, sein Kreuz bei dieser Madonna der SPD zu machen… Als Bestätigung folgt dann ein O-Ton der Gefeierten höchstselbst: „In mir drin – ich glaube, mehr Europa als das geht einfach nicht.“

„Freundlich, verbindlich, natürlich, unprätentiös“

Aber es kommt noch besser: Die Elfe wohne in Trier – und damit „ganz nah dran an Luxemburg, Frankreich, Belgien“. In all der Begeisterung für Barley merkt die öffentlich-rechtliche PR-Tante nicht einmal, daß genau das ihr Argument widerlegt, es sei so einzigartig, daß eine Bundesministerin ihr Amt für das EU-Parlament aufgebe. Vielleicht will die Sozialdemokratin einfach nur näher bei ihrer Familie sein? Wäre „super-menschlich“, aber das schreiben die Kollegen mal lieber nicht. Könnte keinen so guten Eindruck machen. Von Berlin nach Trier sind es 725 Kilometer. Von Trier nach Straßburg nur 220.

Also, wir lernen bei der „Tagesschau“: Das „gab es noch nie“! Daß eventuell auch die grundsätzlich dreimonatige Sitzungspause des EU-Parlaments und die Vier-Tage-Woche für dieses Novum sprechen könnten? Darauf kommt Frau Müller nicht. Auch kein Wort über die 320 Euro Tagegeld, die Barley nun zusätzlich zu ihren Diäten einsteckt, wenn sie sich einfach nur in die Anwesenheitsliste einträgt. Eine solche Regelung gibt es weder im Bundestag noch in einem deutschen Länderparlament. Auch hier also ein Alleinstellungsmerkmal! Allerdings verschweigt die ARD auch das lieber.

Da die FAZ mit ihrer „sympathisch“-Inflation einen neuen Weltrekord innerhalb eines Textes aufgestellt haben dürfte, darf die „Tagesschau“ nicht nachstehen. Die Nachrichtensendung kann das auch – allerdings ein wenig variantenreicher: „Freundlich, verbindlich, natürlich, unprätentiös.“ Und dann folgt der Hammer, bei dem sich der Leser fragt, ob die „Tagesschau“ diese Formulierung in anderen Medien nicht als „sexistisch“ brandmarken würden: Barley sei „eine der wenigen Spitzenpolitikerinnen, die kaum Make-Up tragen“. Oh, là là…

Inhaltliche, vielleicht sogar politische Gründe, die Elfe zu wählen, bekommen wir nicht zu hören. Es geht um eine Wohlfühlinsel namens Barley. Und um damit auf den eigentlichen Zweck dieser beiden Beiträge zurückzukommen: Bisher fehlt doch noch eine Beschreibung des Wahlplakats, das eigentlich ein totales langweiliges Frontal-Portrait von Katarina Barley zeigt. Die FAZ sieht es anders und macht daraus eine Hommage: „Vor astralblauen Hintergründen blickt eine versonnen lächelnde, jugendlich gepixelte Spitzenkandidatin ins Ungefähre.“

Justizministerin Katarina Barley (SPD) im Bundestag Foto: picture alliance/ dpa

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