Das diesjährige Nürnberger Christkind, Benigna Munsi Foto: picture alliance/Daniel Karmann/dpa
AfD zu Nürnberger Christkind

Dankbare Steilvorlage

Zumindest einen Vorteil hat es, AfD-Politiker zu sein. Nirgendwo sonst sind die fünfzehn Minuten Ruhm so einfach zu erlangen, nach denen laut Andy Warhol jeder strebt. In diesem Fall ein Lokalpolitiker des AfD-Landkreises München-Land. Ein kurzer Kommentar zur diesjährigen Wahl des Christkindes, welches traditionell den Nürnberger Weihnachtsmarkt eröffnet, hat zu einem veritablen Gewittersturm über seine Partei geführt.

In diesem Jahr fiel die Wahl auf Benigna Munsi. Geboren vor siebzehn Jahren in Nürnberg, katholische Ministrantin, Oboe-Spielerin und mit einem ansteckenden Lächeln gesegnet. Eigentlich perfekte Eigenschaften, um den wohl traditionsreichsten Weihnachtsmarkt der Welt zu repräsentieren. Nur, wie der Name ankündigt, wird es diesmal kein blonder Engel werden. Munsis Vater stammt aus Indien.

Erwartbares Medienecho

„Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen“, kommentierte ein Online-Redakteur des AfD-Kreisverbandes die Wahl zusammen mit einem Foto der dunkelhäutigen Munsi. Damit hat er die AfD optimal so präsentiert, wie sie öffentlich gerne dargestellt wird: als Ansammlung Zurückgebliebener, für die jede Veränderung schon schlecht ist, weil sie anders ist. Und auf deren irrationalen Gefühle der aufgeklärte Mensch daher keine Rücksicht nehmen dürfe. Entsprechend dankbar fiel das deutschlandweite Medienecho über den „Rassismus in der AfD“ aus.

Dankbar war aber auch der Oberbürgermeister Nürnbergs, Ulrich Maly (SPD), der sich auf einer Pressekonferenz neben Munsi seine fünfzehn Minuten Ruhm abholen konnte. Freilich die bessere Glorie als Kämpfer für Vielfalt, Buntheit, das Gute überhaupt. Wen interessiert da schon, daß der AfD-Kreisverband dem neuen Nürnberger Christkind gratulierte, der Verantwortliche sich für den Kommentar entschuldigte und zurücktrat.

Über einen anderen Skandal wird nicht gesprochen

Die Sache ist einfach zu schön, um sich von Fakten stören zu lassen. Denn Fakt ist, daß das Gefühl der Verdrängung nicht unbegründet ist. Natürlich, jetzt jubelt man dem brünetten Christkind zu. Doch nur, weil es als falsches Ventil für einen mißratenen Kommentar herhalten mußte. Denn wirklich progressiv wird die Angelegenheit ja erst ohne Christkind. Als „Wintermarkt“ stromlinienförmig verpackt für eine Zielgruppe, deren Kinder niemals Ministranten werden und schon gar nicht Darsteller des „Christkindes“.

Denn sollten diese Kinder jemals den Wunsch dazu verspüren – die Konsequenzen wären weitaus härter als ein AfD-Kommentar aus der Provinz. Daß darüber nicht gesprochen wird, ist der eigentliche Skandal. Und nicht das Aussehen des diesjährigen Christkindes.

Das diesjährige Nürnberger Christkind, Benigna Munsi Foto: picture alliance/Daniel Karmann/dpa

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