Die damalige niedersächsische Kultusministerin Frauke Heilignstadt (SPD) im islamischen Religionsunterricht an der Grundschule Mühlenberg in Hannover 2013 Foto: picture alliance/ dpa
Gewalt an Bildungseinrichtungen

Schulen als Brennpunkte

Der Fall von Lünen – die Ermordung eines Vierzehnjährigen durch einen Fünfzehnjährigen in der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule der nordrhein-westfälischen Stadt – ist schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Interesse der Medien war von Beginn an verhalten: kein ausländerfeindlicher Hintergrund, kein Amoklauf. Die Offiziellen haben Betroffenheit und Beileid geäußert, die Verantwortlichen die „Aufarbeitung“ des Geschehens angekündigt, und der unvermeidbare Christian Pfeiffer hat erklärt, daß es sich statistisch gesehen um einen bedauerlichen Einzelfall handele.

Wie auch immer Pfeiffer zu dieser Einschätzung kommt, die verstreuten Hinweise auf die Entwicklung von Gewaltdelikten an deutschen Schulen führen zu einer anderen Einschätzung. So hat die Berliner Verwaltung letztes Jahr zum fünften Mal in Folge einen Anstieg der Zahl schwerer Übergriffe verzeichnet, von Raub und Erpressung bis zu sexueller Nötigung und massiver Körperverletzung. Dahin die idyllischen Zeiten, als man sich lediglich mit „Raufschäden“ befassen mußte.

Importiertes Männlichkeitsritual

Unmittelbar vor dem Mord in Lünen hatte schon ein anderer Schulleiter der Stadt das Problem zunehmender Bewaffnung der Jugendlichen an die Öffentlichkeit gebracht; neben Schreckschußwaffen und Laserpointern seien vor allem Messer in Umlauf. Dabei geht es nicht nur um Angriffe von Schülern auf Mitschüler. 2016 erregte eine Erhebung des Bayerischen Lehrerverbandes Aufsehen, daß im Süden der Republik, wo angeblich noch Recht und Ordnung herrschen, mindestens vier Prozent der Lehrer schon Opfer körperlicher Attacken geworden seien und sich beinahe 25 Prozent irgendwelchen Formen der Drangsalierung durch Bedrohung, üble Nachrede, Cybermobbing und so weiter ausgesetzt sahen.

Viel spricht dafür, daß die Lage an Haupt-, Berufs- und Gesamtschulen besonders prekär ist, während Realschulen und Gymnasien als verhältnismäßig sicher gelten können. Außerdem dürfte der Anteil von Tätern ausländischer Herkunft besonders hoch sein. Die Formulierung im Fall von Lünen, der Mörder sei Deutscher, habe aber „auch einen kasachischen Paß“, ist gerade wegen der Verklausulierung entlarvend, und die Bemerkung, das Messertragen sei ein – importiertes – „Männlichkeitsritual“, aufschlußreich. Denn daß Schulen mit einem besonders hohen Fremdenanteil regelmäßig Gefahr laufen, „Brennpunktschulen“ zu werden, ist ein offenes Geheimnis. Die allmähliche Veränderung der Bevölkerungsstruktur bleibt auch auf diesem Feld nicht ohne Folgen.

Als symptomatisch kann man die Vorgänge an der Mühlenberg-Schule, Hannover, werten. Dort haben 90 Prozent der Schüler einen „Migrationshintergrund“, und die Kleinen üben sich schon in Bandenkriegen, die entlang ethnischer Bruchlinien verlaufen und mit roher Gewalt ausgetragen werden. Regulärer Unterricht ist längst nicht mehr möglich, Schüler aus Familien, „die schon länger hier leben“, werden beiseite gedrängt und Lehrer durch den Aufmarsch ganzer Clans eingeschüchtert, wenn sie die Disziplin durchsetzen wollen. Auch die vor vierzehn Tagen gemeldete Massenschlägerei an der Leipziger Helene-Voigt-Schule zwischen deutschen Jugendlichen und „UMAs“ („Unbegleitete minderjährige Ausländer“) spricht eine deutliche Sprache.

Demonstrative Hilflosigkeit

Ein präziser Überblick ist allerdings schwer zu gewinnen. Als das schleswig-holsteinische Kultusministerium im vergangenen Jahr eine parlamentarische Anfrage zur Gewalt an den Schulen des Landes beantworten sollte, sah es sich dazu außerstande. Es gebe keine belastbaren Daten, hieß es, und auch die Einforderung von Berichten der Schulen bot keine Abhilfe, da es bedauerlicherweise an einer einheitlichen Definition von „Gewalt“ fehlte.

Was so demonstrative Hilflosigkeit bezweckt, ist ebenso klar, wie die dahinterstehende politische Strategie: Man will nicht, daß nach außen dringt, mit welchen Belastungen und Gefahren derjenige konfrontiert werden kann, der den „Schonraum“ Schule betritt, entweder als Kind oder als Jugendlicher oder als Lehrer, und man will verhindern, daß jemand die Klärung von Verantwortlichkeit einfordert. Denn die Situation, die wir heute haben, kann nicht isoliert betrachtet werden.

Sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten bewußt vorangetrieben oder fahrlässig geduldet wurde. Bewußt vorangetrieben haben sie vor allem die, die aus ideologischer Verblendung jede Autorität verhöhnt, das Leistungsprinzip sabotiert und die Schule als Institution so geschwächt haben, daß auch der „Unbeschulbare“ noch durchgereicht oder effektive Maßnahmen zu seiner Disziplinierung in einem Gestrüpp von Vorschriften und Kontrollen enden oder gleich aus kosmetischen Erwägungen unterbleiben.

Die gebotene Härte fehlt

Fahrlässig geduldet wurde sie von all jenen, die Bildung eigentlich für Dekoration halten und sich lieber mit Wirtschaftswachstum befassen, den Linken das Erziehungsressort bereitwillig ausliefern und allenfalls aufmerken, wenn Sohn oder Tochter vor dem Abitur zu scheitern droht oder der eigenen Klientel die Postenquote beschnitten wird. Deshalb nützt es nichts, wenn man jetzt nach Aufstockung der Etats, Vermehrung der Sozialarbeiterschaft, Präventionsmaßnahmen, Deeskalationstraining oder Besinnung auf die richtigen Werte ruft. Um die Maßnahmen durchzusetzen, die nötig wären, fehlt es an den richtigen Leuten. Diejenigen, die an den Schaltstellen sitzen, verfügen weder über die gebotene Einsicht noch über die gebotene Härte. Da wird man auf andere warten müssen.

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Die damalige niedersächsische Kultusministerin Frauke Heilignstadt (SPD) im islamischen Religionsunterricht an der Grundschule Mühlenberg in Hannover 2013 Foto: picture alliance/ dpa

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