Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!
FDP-Vorsitzender Christian Lindner
FDP-Vorsitzender Christian Lindner Foto: picture alliance/Carsten Koall/dpa

70 Jahre FDP
 

Die „nationalen“ und „rechten“ Wurzeln vergessen

Die „Freiheit“ des Einzelnen und das „Nie wieder!“ waren, folgt man der Rede Christian Lindners zum 70. Gründungstag der FDP, die Hauptmotive für die Organisation einer liberalen Partei in der Nachkriegszeit. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Nicht ganz falsch, weil ohne Zweifel die Position einer Gruppierung bis dahin unbesetzt war, die Unternehmertum und Entfaltung des Individuums in den Mittelpunkt stellte.

Wenn der 1948 beim Vereinigungsparteitag der diversen westdeutschen liberalen Parteien zum Vorsitzenden gewählte Theodor Heuß in seiner Rede erklärte, daß man „Menschen eigenen Wuchses und eigener Verantwortung“ wolle und den Rechtsstaat „sichern, nicht als abstraktes politisches Paragraphengehäuse, sondern als den weiten Raum unseres gemeinsamen Lebens, um in seelischer Freiheit, mit religiöser Kraft ihn zu gestalten und mit dem Geist der Gerechtigkeit ihn zu erfüllen“, dann formulierte er allerdings einen Konsens, dem die große Mehrheit der Deutschen sowieso zugestimmt hätte. Als Alleinstellungsmerkmal genügte das kaum.

Betont „nationale“ Kraft 

Insofern ist die Feststellung Lindners im Hinblick auf das „Nie wieder!“ nicht ganz richtig. Denn für das erfolgreiche Auftreten einer „Dritten Partei“ oder „Dritten Kraft“ neben den „sozialistischen“ Riesen CDU/CSU und SPD genügte keinesfalls, wenn man auf „Freiheit“ setzte. Das politische Gewicht der FDP in der Nachkriegszeit hatte vielmehr damit zu tun, daß sie als betont „nationale“ und „rechte“ Kraft auftrat.

Heuß war das durchaus bewußt, weshalb er auf dem Parteitag von Heppenheim 1948 zu vermitteln suchte, zwischen denen, die in erster Linie einen gegen die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten gerichteten Kurs verfolgten, und denen, die wie der Vorsitzende der niedersächsischen Jungdemokraten Ehrtfried Böhm in Heppenheim forderten, daß man am „Reichsgedanken“ festhalten müsse und man jedenfalls nicht bereit sei, für die Siegermächte oder irgendwelche wolkigen Ideen von Europa noch einmal die Uniform anzuziehen und zu den Waffen zu greifen.

Plakat der nordrhein-westfälischen FDP zum Vereinigungsparteitag 1948

Landesverbände forderten sogar eine „Generalamnestie“

Solche Äußerungen fanden bei einem erheblichen Teil der Delegierten Anklang. Tatsächlich übte bis in die fünfziger Jahre keine andere Partei so entschlossen Kritik an der Entnazifizierung wie die FDP. Man lehnte die „neue Hexenjagd“ ab, und manche Landesverbände forderten sogar eine „Generalamnestie“ unter ausdrücklichem Hinweis auf die Kriegs- und Nachkriegsverbrechen „der anderen“.

Auch daß die FDP als „Partei der ehemaligen höheren HJ-Führer“ galt, war alles andere als Zufall. Denn vor allem die unter Studierverbot gestellten ehemaligen Wehrmachtsoffiziere, die in der Wirtschaft ein Unterkommen gefunden hatten, der junge Erich Mende etwa, unterstützen sie.

„Die Rheinische Republik ist nicht das deutsche Vaterland“

Aber diese Art von Interessenvertretung war es nicht allein, denn die FDP setzte nach 1945 entschlossen auf die Verteidigung der deutschen Interessen. Das galt auch im Hinblick auf die einseitige Westbindung, der man die außenpolitische Linie eines Gustav Stresemann entgegenstellte.

Positionen, die noch den Parteieintritt des als links geltenden Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein erklärten, der in den fünfziger Jahren einen neutralistischen Kurs befürwortete, oder die Stellungnahmen des eher konservativen Thomas Dehler, des langjährigen Bundesministers und Nachfolgers von Heuß im Amt des FDP-Vorsitzenden, der als Intimfeind Adenauers noch 1960 einmal mit Nachdruck feststellte: „Diese Bundesrepublik, der Rheinbund-Staat, die erweiterte Rheinische Republik, sie ist nicht das deutsche Vaterland“.

Schwarz-Rot-Gold neben Schwarz-Weiß-Rot

In den Zeiten, in denen die FDP tatsächlich eine politische Kraft von Bedeutung war, vertrat sie das protestantische oder nicht kirchlich gebundene Bürgertum. Bei ihren Veranstaltungen konnten die Farben Schwarz-Rot-Gold neben den Farben Schwarz-Weiß-Rot gezeigt werden.

Die Partei zog damit auch die Konsequenz aus der Spaltung des deutschen Liberalismus und der Erfahrung, daß das Brachliegenlassen des patriotischen Feldes zur Konjunktur der Rattenfänger jeglicher Couleur geführt hatte. Seitdem sie diese Lektionen vergessen hat, ist sie abgesunken zur Zeitgeistpartei, Interessenvertreterin der Besserverdienenden oder zum Anhängsel derjenigen, die tatsächlich den Ton angeben.

 

FDP-Vorsitzender Christian Lindner Foto: picture alliance/Carsten Koall/dpa
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