Macron
Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron Foto: picture alliance/Xinhua

Emmanuel Macron
 

Die Grande Nation trägt gelbe Westen

Was man mit Geld und Geschichte alles machen kann. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat es gezeigt, am Tag des Waffenstillstands, den die Franzosen seit einem Jahrhundert am 11. November begehen. Die Wunden von damals sind so tief, die Narben noch so sichtbar, daß dieser Feiertag fast eine ebenso große Bedeutung hat wie der 8. Mai. Macron hat zum hundertsten Jahrestag um den Triumphbogen die Staatschefs der 72 Nationen versammelt, die damals auf französischem Boden gekämpft hatten.

Es sollte eine große Friedensschau werden. Dramaturgisch war der Festakt großes Kino, wie gewohnt in dem Land, das etwas auf seine Grandeur hält. Aber die Staatschefs, an die Macron seine Rede vor allem richtete – Donald Trump und Wladimir Putin – schauten eher gelangweilt daher. Putin betrachtete lange seine Füße, Trump spitzte mißtrauisch die Lippen und beobachtete die jungen Leute, die kurz zuvor in verschiedenen Sprachen Zeugnisse von einfachen Soldaten, Dichtern und anderen Persönlichkeiten aus den Tagen nach dem Krieg vorgetragen hatten. Ansonsten hielten es die beiden mit den diplomatischen Gepflogenheiten von Welt- und Supermächten: sie kamen zu spät und gingen auch früher als alle anderen. Trump nahm an der großen Friedenskonferenz am Nachmittag, die jedes Jahr stattfinden soll, erst gar nicht teil. Er besuchte einen amerikanischen Soldatenfriedhof.

Langweilige Rede

Die Langeweile war berechtigt, die Rede Macrons ging über Bekanntes nicht hinaus. Langatmig versuchte der Präsident zunächst, Emotionen zu schüren und die Geschichte zu beschwören, sogar mit eigenen Erlebnissen. Er habe die Schlachtfelder von damals gesehen und in den Gräben und Kratern die Vision Frankreichs erkannt, die moralischen Werte von immer zu verteidigen. Er zitierte Clemenceau, den Marschall des Sieges: „Frankreich wird immer der Soldat der Ideale sein.“ Nach diesem Stück Theater holte er zum Schlag gegen Nationalisten aus, indem er Patriotismus gegen Nationalismus stellte, eine Alternative, die vor ihm schon etliche andere Politiker bemüht hatten.

Einer seiner Vorgänger, Francois Mitterrand, hatte vor 20 Jahren im Europaparlament vor einem ausgrenzenden Nationalismus mit den Worten gewarnt: „Nationalismus bedeutet Krieg.“ Macron bezeichnete Nationalismus nun als „das genaue Gegenteil des Patriotismus“, es sei sogar „Verrat“ an der Nation. Manch einer auf der Tribüne der Staatschefs mag sich gefragt haben, wen meint er? Denn auch Trump, Putin und andere halten sich für Patrioten, nicht für Nationalisten. Ganz davon abgesehen, daß man unter Nation in vielen Ländern unterschiedliche Vorstellungen hat.

Macron selber aber verfing sich dann in einen grundsätzlichen Widerspruch, als er die Rolle Frankreichs als Friedensmacht so sehr betonte, daß er damit eine gewisse Singularität beanspruchte – natürlich mit ihm an der Spitze. Dafür soll ja auch die Friedenskonferenz von Paris stehen. Symbolisch für diese Singularität beendete er seine Friedensrede mit dem traditionellen „Vive la France‘“. Man darf berechtigte Zweifel hegen, ob die 72, insbesondere die zwei in der ersten Reihe, dies als gleiche Augenhöhe betrachteten.

Benzinpreis ist großes Streittthema

Also außer Spesen nichts gewesen? Der Versuch, Foren für Friedensgespräche zu schaffen, ist in dieser Zeit allemal löblich. Aber der Versuch am Triumphbogen ist gescheitert. Es war ein unterhaltsames Schauspiel für das Fernsehpublikum. Aber schon heute, am Tag danach und erst recht in dieser Woche bewegt das Publikum andere Fragen. Der Benzinpreis und die unter Macron gestiegenen finanziellen Belastungen treiben die Franzosen um. Das neue Datum heißt 17. November. Dann dürfte eine Art unorganisierter Generalstreik das Land weitgehend lahmlegen.

„Gelbe Weste“ heißt die Parole. Viele Autos fahren mit einer Sichtweste, wie sie bei Pannen oder Unfällen angezogen werden sollen, auf dem Armaturenbrett durch die Straßen. Es ist das Zeichen der Solidarität mit der Protestbewegung gegen die erhöhten Steuern und Preise. Der Benzinpreis wird zum modernen Brotpreis, weswegen Franzosen schon öfter auf die Straßen gegangen sind. Aber diese alltäglichen Sorgen des Volkes berühren Macron und seinen Hofstaat nicht. Es ist wie zur Zeit der Großen Revolution.

Als die Königin Marie-Antoinette von den Brotpreisen und dem Mangel an Brot hörte, soll sie allen Ernstes gesagt haben: „Wenn es kein Brot mehr gibt, dann sollen die Leute doch Kuchen essen.“ Es wird jetzt natürlich nicht zu einer Revolution kommen. Aber der Kuchen, den das Elysee dem Volk am 11. November aufgetischt hatte, ist zu süß und deshalb ungenießbar. Und außerdem zu teuer für ein Publikum, das darbt. Der Ärger wächst und an den Protest des 17. November 2018 wird man sich vermutlich länger erinnern als an den 11. November mit all seinem Pomp. Auch das gehört zu den Widersprüchen in der bisher kurzen Ära Macron.

 

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron Foto: picture alliance/Xinhua
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