Meinung

Schulz gibt den Hilfs-Trump

Martin, der Kümmerer, der sein Herz auf der Zunge trägt. Der Mann aus dem Volk für das Volk. Der dafür sorgt, daß endlich wieder mehr Gerechtigkeit einzieht in dieses Land. Der diesen ganzen Berufspolitikern und Karrieristen einmal zeigt, wo den Bürger der Schuh drückt.

Ein Typ mit Ecken und Kanten – und Fehlern. Keiner der Gattung aus dem Kreißsaal über den Hörsaal in den Plenarsaal. So präsentierte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gestern bei Anne Will. Daß Schulz seit 1987 Berufspolitiker ist? Geschenkt!

Daß er mehr als 300.000 Euro im Jahr verdient? Nebensächlich! Daß er als EU-Parlamentspräsident an der Spitze einer Institution stand, die wie kaum eine andere schuld an der steigenden Politikverdrossenheit ist? Schwamm drüber!

Ich für euch und ihr für mich

Und so konnte Schulz Anne Will und einem äußerst gewogenen Studiopublikum erklären, warum er nicht nur der beste Kanzlerkandidat aller Zeiten ist, sondern auch der Retter für diese Republik. Eine Republik, in der raffgierige Manager trotz Pleiten horrende Boni einstreichen, während die arme Kassiererin von nebenan schauen muß, wie sie über die Runden kommt.

Schulz gab den Trump aus der nordrhein-westfälischen Provinz. Einer, der endlich wieder Politik für das Volk machen will. Er bitte nur um ein bißchen Vertrauensvorschuß. Ich für euch und ihr für mich. Daß die SPD seit 1998 regiert – mit Ausnahme zwischen 2009 und 2013 – und dadurch doch irgendwie mitverantwortlich ist für die Verhältnisse und Entwicklungen in diesem Land, wischte Schulz mit der Bemerkung weg, man sei in der Großen Koalition ja nicht die führende Partei.

Daß er sich zuvor ausgerechnet damit gebrüstet hatte, die SPD habe mit Themen wie dem Mindestlohn der Großen Koalition ihren Stempel aufgedrückt, hatte Anne Will passenderweise gerade vergessen.

„Let’s make SPD great again“

Bei einem Horst Seehofer hätte wohl kein Moderator solche offene Flanken ungenutzt lassen, einem AfD-Politiker wären die vermeintlich „einfachen Lösungen“ für „komplexe Probleme“ um die Ohren gehauen worden. Doch die SPD befindet sich seit vergangener Woche in einem an Größenwahn grenzenden Siegesrausch, und da würden kritische Nachfragen oder eine Konfrontation mit der Realität offenbar nur stören.

Martin Schulz, der noch vor einer Woche seine Partei als „Brandmauer vor Populisten“ rühmte, gibt nun selbst den Populisten. Daß er mit seinem „Let’s make SPD great again“ die Sozialdemokratie aus ihrem Jammertal führen wird, darf trotzdem bezweifelt werden. Denn 20 Prozent plus x sind eben noch nicht „great again“. Schulz kann den Wählern und Parteimitgliedern viel versprechen, was er anders machen würde, wäre er anstelle Merkels Kanzler. Schließlich weiß er, daß er diesbezüglich wohl niemals liefern muß.

Martin Schulz am Sonntag in der SPD-Zentrale Foto: picture alliance/NurPhoto

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