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Demonstrant: Der Begriff hat eine große Zukunft Foto: dpa

Meinung
 

Inflation der Nazis

Erleiden die Nazis das Schicksal der Vandalen? Aus dem Germanenstamm der Völkerwanderung ist heute ein Synonym für Zerstörungswüteriche geworden. An die ursprünglichen Vandalen denkt heute kaum einer mehr. Auch das Wort „Nazi“ erfährt einen Begriffswandel. Schon seit einiger Zeit werden selbst in der Qualitätspresse nicht mehr nur die Nationalsozialisten der 1930er und 1940er Jahre als Nazis bezeichnet. Auch die Rechtsextrem(ist)en, Rechtsradikalen oder sogar nur Rechten unserer Tage gelten häufig als Nazis.

Je mehr die ursprünglichen Nazis aufgrund der demographischen Entwicklung verschwanden, um so größer wurde die Beschäftigung mit den neuen Nazis. Auch aus den „Neonazis“ – eine Bezeichnung, die zumindest in den 1980ern und 1990ern noch gang und gäbe war – sind inzwischen schlicht Nazis geworden. Da die Altnazis weitgehend verstorben sind, ist eine sprachliche Unterscheidung zu den Neunazis scheinbar nicht mehr notwendig.

Der Nazi als nützlicher Idiot

Die ursprünglich von Linksaußen angeschobene Inflationierung der Nazis hat inzwischen die Mitte der Gesellschaft erreicht. Man vergleiche etwa das „Netz gegen Nazis“, das sich nicht nur gegen Nationalsozialisten richtet. Doch durch die Inflation wird das Wort entwertet und der Begriff unscharf.

Die Unterscheidung zwischen bösen Buben, harmlosen Spinnern oder einfach nur Andersdenkenden wird schwieriger, wenn sie alle unter die Überschrift „Nazi“ fallen. Allerdings erleichtert die Inflationierung auch das Denken und Argumentieren. Mit Nazis will niemand etwas zu tun haben. Wer den anderen in eine solche Kategorie einordnet, sieht sich der Mühe enthoben, seinen eigenen Standpunkt begründen zu müssen, denn mit Nazis braucht man sich nicht auseinanderzusetzen. Sie sind ja nicht Teil unseres Koordinatensystems der politisch Satisfaktionsfähigen.

So wird der Nazi von heute zum nützlichen Idioten, denn er hat zwei problematische Aufgaben übernommen. Zum einen schützt er den eigenen Standpunkt vor Kritik, zum anderen stiftet er Identität: Wir stehen auf der richtigen Seite, weil auf der anderen Seite Nazis stehen, und gegen die müssen wir zusammenhalten.

Das Nazi-Paradoxon

Das ist zwar sehr bequem, führt aber zu einer paradoxen Lage: Obwohl sich niemand den Nationalsozialismus zurückwünscht, werden dennoch Nazis gebraucht, um sich seiner selbst vergewissern zu können. Und so wird dieser Ausdruck immer öfter nicht mehr nur politisch gebraucht, sondern als Synonym für Spießer, Pedanten und Besserwisser oder auch einfach nur für Zeitgenossen, die für eine bestimmte Sache schwärmen. Sprachschützer werden also gern als „Sprachnazis“ verunglimpft, obwohl sie sich ja gerade gegen eine Manipulation der Sprache wenden und sich dadurch von Nationalsozialisten unterscheiden. Unvergessen ist auch Reinhard Meys Wutanfall von 2002 gegenüber den „Rasenmähernazis“ und „Gartennazis“ auf Sylt, die ihn mit ihrem Lärm belästigten.

Wie manch andere, so entspringt auch diese Sprachentwicklung in den Vereinigten Staaten. Dort tummeln sich schon seit längerem Tabaknazis (leidenschaftliche Raucher), Jazznazis (Anhänger der Jazzmusik) und eben auch Grammatiknazis, die sich für die Regeln der Sprache begeistern. Anders als auf Sylt regt man sich aber in Amerika darüber nicht sonderlich auf, auch wenn der „Nazi“ als Schimpfwort natürlich weiterhin in Gebrauch ist.

Grammatiknazis und Gendernazis

Die Nazi-Inflation schwappt nun auch in andere Länder und sorgt für Verwirrung, weil man dort Nazis noch für Rechtsextreme hält. Jüngstes Beispiel ist Rußland. Dort sah sich Alexej Pawlowsky dem Verdacht der Staatsanwaltschaft ausgesetzt, mit gefährlichen Grammatiknazis zusammenzuarbeiten. Pawlowsky führt das Unternehmen Bonus Media und organisiert einen Diktatwettbewerb. Die Frage, ob er Menschen töten wolle, die Fehler bei der Rechtschreibung machen, konnte Pawlowsky glücklicherweise verneinen.

In Sibirien soll jedoch tatsächlich eine Frau zu einer Geldstrafe verurteilt worden sein, weil sie einen sprachlichen Rat mit einem Reichsadler und dem unsensiblen Spruch „Grammatik macht frei“ versehen hatte. Das Gericht wertete dies als „Verbreitung faschistischer Symbolik“. In den Vereinigten Staaten hingegen zuckt man über den „grammar nazi“ nur mit den Schultern. Und selbst Facebook duldet entsprechende Gruppen und Symbole.

Die weltweite Inflationierung der Nazis läßt sich wohl nicht aufhalten, auch wenn sie bedauerlicherweise zur Verdrängung und Verharmlosung des historischen Nationalsozialismus führt. Es wird aber wohl noch eine Weile dauern, bis man auf amerikanische Art andere augenzwinkernd als Nazis anreden kann, nur weil sie sich einer bestimmten Lehre verschrieben haben. „Vegan-Nazis“, „Gendernazis“ oder gar „Homonazis“ müssen ja auch wirklich nicht sein.

Demonstrant: Der Begriff hat eine große Zukunft Foto: dpa
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