Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Warum heute noch Papst-Witze?

Kein Deutscher muß gegen seinen Willen Christ sein, geschweige denn einer bestimmten christlichen Konfession angehören. Sagt ihm diese aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu, wechselt er sie eben oder lehnt das Christentum gleich ganz ab. Wer heute also Christ ist, der ist es aus eigenem, freiem Willen. Und aus eigenem, freiem Willen verwirklicht er das, was man christliche Werte nennt. Und für Katholiken gehört zu dieser christlichen Lebensführung selbstverständlich auch die Anerkennung der päpstlichen Autorität.

Das war nicht immer so. Es ist zwar schon ein paar Jahrhunderte her, daß derjenige ernsthafte Konsequenzen fürchten mußte, der Papst und Kirche offen herausforderte, aber diese Zeiten gab es. Und wie es so ist, wenn ein Mächtiger das Leben von vielen kontrolliert, ohne daß diese sich verteidigen können, so wehren sie sich doch. Und ihr Mittel ist der Witz. Das war im Großen nicht anders als im Kleinen. Das gedruckte Pamphlet der Reformationszeit mit dem Papst als Esel, die in das Pult eingeritzte Karikatur der Oberin einer katholischen Schule, es war der gleiche Impuls.

Mit Voltaire auf einer Liste

Allen diesen Handlungen gemeinsam ist, daß sie Reaktionen waren. Der Anspruch des Papstes, bis in die intimsten Dinge hinein als letzte moralische Instanz auftreten zu können, ist die Ursache für eine Flut von Sottisen mal größerer, mal kleinerer kultureller Bedeutung. Auch die Titanic darf sich nun in diese Reihe einordnen, nachdem der Verkauf der aktuellen Ausgabe des Satiremagazins per einstweiliger Verfügung verboten wurde. „Es ist das erste Mal, daß ein Papst zivilrechtlich gegen Titanic vorgeht“, heißt es nicht ohne Stolz in einer Pressemeldung. Endlich mit Voltaire auf einer Liste.

Nur fragt man sich eigentlich warum. Waren Papst-Witze in der Vergangenheit – die so alt wie die Institution selbst sein dürften – noch ein soziologisch leicht zu erklärendes Phänomen, so fehlt ihnen heute ganz einfach die Begründung. Es gibt diese ungeheure Macht des Papstes ganz einfach nicht mehr. Für uns Deutsche der Gegenwart sind es andere Kräfte, die sich anmaßen, unabhängig von unserem Willen über unser Leben zu bestimmen, selbstverständlich nur zu unser aller Bestem. Diese wären eigentlich natürliche Angriffsziele eines Satiremagazins gewesen.

Stattdessen blickte einem am nächsten Kiosk ein Bild von Papst Benedikt XVI. entgegen, in weißer Soutane und offensichtlich inkontinent, zusammen mit der Schlagzeile: „Halleluja im Vatikan – die undichte Stelle ist gefunden“. Man darf sich durchaus fragen, in welchem Jahrhundert die Titanic-Redaktion ihr Publikum sucht. Hintergrund war die sogenannte „Vatileaks-Affäre“, bei der Informationen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld des Papstes an die Öffentlichkeit gelangten. Gewiß, für Papst Benedikt XVI. und etliche katholische Würdenträger eine unangenehme Situation, aber für die katholischen Gläubigen ohne tiefere Bedeutung. Und erst recht für den Rest der Menschheit.

Zweierlei Formen der Verspottung

Warum also widmet die Titanic ihr Titelbild diesem Ereignis, das doch eigentlich niemanden interessiert? Natürlich nur um einen Papst-Witz anbringen zu können, sonst gibt es ja kaum noch Anläße, so selten wie die katholische Kirche ins öffentliche Leben tritt. Warum also dieser Wunsch, sich über den Papst lustig zu machen, unabhängig von der sozialen Realität? Nun, es gibt zweierlei Formen der Verspottung. Die eine, wie oben beschrieben, geschieht aus Schwäche heraus und erfordert Mut vor einer möglichen Vergeltung durch den Starken. Die andere geschieht aus Stärke heraus und erfordert lediglich Lust an der Erniedrigung eines Schwachen.

Die Titanic-Redaktion darf sich daher fragen, ob sie sich entweder in ihrer eigenen Lebensführung vom Papst bedroht fühlt, immerhin gibt er ihnen ein lebendiges Beispiel vor, wie man es auch anderes machen könnte. Oder ob ihre Papst-Witze aus dem Wunsch gespeist werden, sich risikolos über andere Menschen zu amüsieren, von denen man bestenfalls mit einer einstweiligen Verfügung bedacht wird. Für die letzte Form der Verspottung findet sich übrigens das wahrscheinlich berühmteste Beispiel in Matthäus 27,29, Markus 15,17 und Johannes 19,2.

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