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Widerstand gegen Cancel-Culture: „Da ist bei mir Alarmstufe Rot!“

Widerstand gegen Cancel-Culture: „Da ist bei mir Alarmstufe Rot!“

Widerstand gegen Cancel-Culture: „Da ist bei mir Alarmstufe Rot!“

Stand-up-Comedian Nikolai Binner
Stand-up-Comedian Nikolai Binner
Gecancelter Kabarettist Nikolai Binner Foto: Privat
Widerstand gegen Cancel-Culture
 

„Da ist bei mir Alarmstufe Rot!“

Endlich schien Nikolai Binner eine Karriere als Stand-up-Comedian zu gelingen. Doch dann kam dem Berliner Kabarettisten das Festhalten an seinen bemerkenswerten anti-woken und Corona-kritischen Sketchen in die Quere.

Herr Binner, woher nehmen Sie das alles eigentlich? 

Nikolai Binner: Von Gott, der Welt, und Lysergsäurediethylamid.

Lyser … was? 

Binner: Das wollen Sie nicht wissen.

Hoffentlich nichts Illegales?

Binner: Kein Kommentar …  

Etwas anderes: Eventuell muß ich Sie „piepen“.

Binner: Warum?

Nach manchen Ihrer Sketche möchte man duschen …

Binner: Herrje!

… und wir sind ein jugendfreies Blatt.

Binner: Klar.

„Es ist kraß, wie sich das Meinungsklima geändert hat“

Warum sind Sie oft so ordinär?

Binner: Ich glaube, es liegt daran, daß ich ein ordinärer Mensch bin. Zudem ist das Stand-up-Comedy und die ist halt die Kunst der Ungezwungenheit. Witz und Humor findet man vor allen Dingen dort, wo Charaktere sind, die sich nicht allzu viele Sorgen über ihre Außenwirkung machen, und damit geht das oft einher.

Na gut, der Punkt geht an Sie …

Binner: Was wollen Sie denn eigentlich wissen?

Warum Sie so gefährlich sind.

Binner: Inwiefern?

Die „taz“ warnt vor Ihnen, nennt Sie sogar „einzigartig in Deutschland“ …

Binner: Hab mich natürlich gefreut, als ich das gelesen habe. Danke taz, für den Ritterschlag!

… denn, Sie „arbeiten der Neuen Rechten zu“ …

Binner: Ja, indem ich angeblich deren Narrative bediene, etwa „Corona-Kritiker würden mundtot gemacht, Grundrechte untergraben, ein Impfzwang eingeführt“. Klingt in der Tat völlig unrealistisch! 

… dabei, so die „taz“ weiter, „war Binner vor der Pandemie ein Comedian der Berliner Stand-up-Szene, den man auf alternativen Bühnen treffen konnte“.

Binner: Ja, anfangs war ich wohl links – wobei eigentlich auch unpolitisch. Meine Eltern lasen eben taz etc. Ich sah die „Heute-Show“, dachte: Die haben recht! Dann aber kommentierte ich die große Corona-Demo 2020 in Berlin positiv auf Facebook – und wurde dafür angegriffen. Auch von einigen Comedians, einer warf mir sogar Verbrüderung mit Rechts vor. Ich hab das alles gar nicht kapiert. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Warum diese Wut? Erst als ich mal wieder die Mainstreammedien studierte, begriff ich woher das kommt: die konstruieren, die schüren das. Ich bin sicher, wäre ich nicht so angegriffen worden, oder hätte man wenigstens mit mir diskutiert, hätte ich mich nicht so entwickelt. Denn wie gesagt, eigentlich war ich unpolitisch. Wenn man mir aber willkürlich verbietet, etwas zu sagen und zu denken, ich nicht mal fragen darf warum, weil sogar Debatte verboten ist – dann ist bei mir instinktiv Alarmstufe Rot!

„Selbst der ‘Cancelled Comedy Club’ wurde gecancelt“

Das führt uns direkt zur nächsten Frage: Was ist der „Cancelled Comedy Club“?

Binner: Vielleicht das letzte freie Bühnenprogramm Deutschlands. Er ist unsere Antwort darauf, daß ich inzwischen in allen Berliner Comedyclubs Hausverbot habe und „NightWash“, eine der wichtigsten Shows für Nachwuchscomedians in Deutschland, mir mitteilte, mich nicht mehr einzuladen.

Sie waren bei „NightWash“, beim „Quatsch Comedy Club“ – gerade hatte Ihre Karriere Fahrt aufgenommen.

Binner: Ja, eine künftige Mainstream-Karriere, die ich dabei war, mir aufzubauen, habe ich an die Wand gefahren. Also habe ich selbst Auftritte organisiert und dafür eben den „Cancelled Comedy Club“ gegründet – aber der wurde dann ebenfalls gecancelt. Nach unserem ersten Auftritt im Oktober in Berlin wurde die Bühne unter Druck gesetzt.

Hat Sie das überrascht?

Binner: Mir war immer schon klar, daß die Meinungsfreiheit zwar im Grundgesetz steht, in Wahrheit aber nur eingeschränkt existiert. Daß das aber selbst für Comedians gilt, die doch Narrenfreiheit haben, hätte ich nicht gedacht! Es ist schon kraß, wie sich das Meinungsklima bei uns verändert hat: Plötzlich sind Dinge, die vor fünf Jahren noch Mitte waren unsagbar, weil angeblich „rechts“. Und Leute, die das nur satirisch hinterfragen, werden sofort gekickt. Inzwischen meinen ja laut einer Allensbach-Umfrage nur noch 45 Prozent der Deutschen, daß sie ihre politische Meinung frei äußern können. Der niedrigste Wert seit 1953. Heftig!

„‘Entschärfe deine Satire – oder wir werfen dich raus’“

Was sagen Sie denn noch so Schlimmes?

Binner: Neben Corona und Impfen nehme ich etwa das ständige Keulen gegen Rechts auseinander. Nicht weil ich selbst rechts bin, sondern um das System der Denkverbote und Meinungsmanipulation erkennbar zu machen. Der „Rechts“-Vorwurf ist meist nichts als Framing: Wer ausschert, wird als „rechts“ markiert, um ihn besser bekämpfen zu können. Mir war aber natürlich klar, daß es nicht interessiert, daß ich das nicht aus rechter politischer Motivation heraus tue, sondern um aufzuklären, und daß ich daher früher oder später Ärger bekommen würde. 

Warum haben Sie dann nicht damit aufgehört? Bei „NightWash“ und Co. haben Sie schließlich mit unpolitischer, also ungefährlicher Satire Erfolg gehabt – damit hätten Sie doch einfach weitermachen können.

Binner: Sicher. Aber irgendwann war die Wut so groß, war so ein „Feuerwerk“ in mir … Vielleicht spielt eine Rolle, daß ich mich viel mit Selbstfindung beschäftigte. Ich habe zum Beispiel drei Monate in den USA bei Brad Blanton, dem Autor des Buches „Radikal ehrlich“, gelebt und seine Lehre der radikalen Aufrichtigkeit in mein Leben integriert. Ich habe gemerkt, daß der Preis, den ich seelisch zahle, wenn ich brav in der Gesellschaft mitspiele, viel höher ist als alles Geld, das ich verliere, wenn ich auf eine Karriere verzichte.

Hut ab.

Binner: Danke. Aber um ehrlich zu sein, so gradlinig war ich zunächst nicht. Denn endlich war ich bei einer starken Künstleragentur untergekommen, die die deutschlandweit größte Comedyshow veranstaltet! Und dann hieß es: Entschärfe deine Satire oder wir werfen dich raus! Wobei die selbst unter Druck waren, weil echte Comedy-Größen drohten: Entweder Nikolai geht oder ich verlasse die Agentur!

Eine Woche lang habe ich mit mir gehadert. Nach den vielen Jahren des Zweifelns, ob ich je Erfolg haben würde, und der langen Zeit der Existenzangst, weil ich zuvor kaum Geld verdient habe, hatte ich nun zwar noch keine Karriere, aber definitiv einen Fuß auf der ersten Sprosse der Karrerieleiter! Schließlich aber wurde mir klar: Was ist das für eine fuck… äh verdammte Karriere, wenn ich dafür nicht mehr frei reden kann? Wenn ich nicht sagen darf, was ich denke und fühle, wozu dann das alles? Ich wollte doch genau deshalb Comedian werden! Irgendwann dachte ich: „Fi… – Pardon – euch! Das kommt nicht in die Tüte!“

„Eine neue Show auf die Beine stellen“

Wer waren denn die „echten Comedy-Größen“, die Sie denunziert haben?

Binner: Möchte ich nicht sagen, da das vertrauliche Informationen sind und ich keinen Kollegen belasten will. Ich glaube, manche haben weniger aus Überzeugung, sondern eher aus Angst vor „Kontaktschuld“ so gehandelt. 

Sind Sie enttäuscht von Ihren Kollegen?

Binner: Von denen, die mich aktiv gecancelt haben, ja. Es gibt schließlich auch Comedians, bei deren Witzen oder politischer Haltung ich kotzen könnte. Dennoch wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich zu weigern, mit ihnen in einer Show aufzutreten.

Was ist mit den Kollegen, die dazu geschwiegen haben? 

Binner: Wie gesagt weiß ich, wie es ist, Angst zu haben, keine Auftritte zu bekommen, kein Geld zu verdienen. Ich kann also ihr Verhalten verstehen. Auch kann ich von ihnen nicht verlangen, einen ebenso kompromißlosen Weg zu gehen wie ich. Zudem hätten sie nicht einmal einen Rebellenstatus wie ich ihn habe, da sie nicht wirklich „laut“ geworden sind, „nur“ gecancelt worden wären, weil sie mit mir auftreten. Damit aber bliebe ihnen gar nichts mehr.

Wie geht es weiter?

Binner: Wir versuchen, eine neue „Cancelled Comedy Club“-Show auf die Beine zu stellen.

Wird der Druck nicht immer größer, bis keine Bühne in Deutschland Sie mehr nimmt?

Binner: Ich glaube, die, die mich jetzt noch auftreten lassen, werden das auch in Zukunft tun.

Die AfD etwa mußte für einen Parteitag schon nach Polen fahren, weil sie hier keine Halle mehr bekam.

Binner: Klar, das werden nicht viele Bühnen sein, aber ein paar werden sich nicht einschüchtern lassen. Ich bin nicht der einzige, der Comedy aus Idealismus macht.

„Ich muß zum großen Teil von Spenden leben“ 

Auf Ihrem Youtube-Kanal allerdings passiert entäuschenderweise seitdem fast nichts mehr.

Binner: Mein aktuellstes Video wurde auch leider für Deutschland gesperrt, deshalb ist es nun unter anderem auf dem Portal Odysee.com zu sehen. Zudem konzentriere ich mich auf mein Bühnenprogramm. Ist es fertig, soll die ganze Show auch auf Youtube kommen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich die Bühne Youtube vorziehe. Denn live mit einem Publikum zu interagieren ist etwas Großartiges! Da passiert so viel – was man vor einer Videokamera alleine in seinem Zimmer natürlich nicht erlebt.

Wovon leben Sie dann?

Binner: Von meinen Auftritten, dem Verkauf meiner Querleugner-Kollektion und Spenden.

„Querleugner-Kollektion“?

Binner: T-Shirts, bedruckt mit Motiven für staatsdelegitimierende Verschwörungslügenleugner, die gaaanz weit davon entfernt sind, jemals das Bundesverdienstkreuz zu bekommen. Die Kollektion habe ich zusammen mit Harlekinshop.com entworfen, wo man sie auch kaufen kann.

Und davon also kann man leben?

Binner: Nein. Ehrlich gesagt, lebe ich zu einem Großteil von den Spenden meiner Fans. Ohne die wäre ich wirklich total am A… aufgeschmissen.

„Wer als ‘Rechter’ dasteht, dessen Leben ist zu Ende“

Ihre Prinzipientreue hat Sie also nicht nur eine mögliche Karriere gekostet – sondern auch ruiniert.

Binner: Ganz so ist es nicht. Ich verdiene mittlerweile mehr mit dem, was ich heute mache als vor Corona. Ich habe mir zwar die Mainstream-Karriere verbaut, baue mir aber dafür eine viel interessantere andere auf. Vielleicht ist es gut, daß ich mich rechtzeitig der etablierten Comedy-Industrie entzogen habe, bevor ich von ihr so abhängig gewesen wäre, daß ich mich hätte beugen müssen. Ich sehe mich also nicht als der Märtyrer, als den Sie mich hinstellen. Eigentlich habe ich nur die für mich richtige Entscheidung getroffen.

Es geht nicht um einen Märtyrer, sondern darum, was jemandem drohen kann, der hierzulande lediglich seine grundgesetzliche Meinungsfreiheit beansprucht.

Binner: Das Problem ist – nicht nur, aber besonders –, als Rechter dargestellt zu werden. Wenn das gelingt, dann ist nämlich dein Leben am Ende! Wer jetzt meint, ich übertreibe: Wer hierzulande als Rechter dasteht, dessen gesellschaftliches Leben ist zu Ende. Und wessen gesellschaftliches Leben zu Ende ist, dessen Leben ist zu Ende. Denn aus seiner Gesellschaft ausgestoßen zu sein, ist für den normalen Menschen auf tiefenpsychologischer Ebene der Tod.

„Packst du Deutschen bei ihrem Trauma, hast du sie am Wickel“

Sie sagen, uns Deutschen fehle es an „Mut, Rebellion und an …“ – den Rest möchte ich nicht zitieren.

Binner: Ja, ich glaube, wir stecken wegen unserer Geschichte in einem tiefen Schuldkomplex, in einem transgenerationellen Trauma, wodurch wir uns einfacher kleinhalten lassen. Ein Trauma ist etwas, wovor man sich fürchtet, dem man sich nicht stellen und was man abspalten will. Daher kann man Menschen, die man bei ihrem Trauma packt, manipulieren: Packt man die Deutschen bei dem ihren, haben sie kein „Immunsystem“ mehr, sie halten das einfach nicht aus, wollen sich abspalten. Und das ist der Punkt, wo man sie am Wickel hat.

Kein Wunder, daß die „taz“ Sie für gefährlich hält: Sie sind es, denn Sie haben das System durchschaut.

Binner: Falsch, wenn ich überhaupt gefährlich bin, dann höchstens für das Establishment – das vielleicht heute links ist. Als ich aber etwa in Berlin-Friedrichshain meine Gender-Nummer vor rein linkem Publikum spielte, war das ein Erfolg! Wie manche Linke rechts nur Extremisten sehen, so scheinen andere links nur Radikale zu wähnen. Das stimmt aber nicht: Weder Links noch Rechts sind nur schlecht oder nur gut. Es gibt auf beiden Seiten Spinner, aber auch Vernünftige – und zu den letzteren spreche ich.

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Nikolai Binner. Der Berliner mit Berufserfahrung im Landschaftsgartenbau und Network-Marketing, als Promoter, Musikproduzent und Umzugshelfer, in der IT und Veranstaltungstechnik, ist seit 2018 Kabarettist im amerikanischen Stand-up-Comedian-Stil. Seine Sketche sind auf seinem Youtube-Kanal sowie seiner Netzseite – wo er auch zu buchen ist – abzurufen. Geboren wurde Binner 1991 in Gelnhausen bei Hanau.

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