Türk Obama

Einst war er der „anatolische Schwabe“, jetzt feiert Hürriyet ihn sogar als „Türk Obama“. Cem Özdemir ist gerne Erster. 1994 der erste Bundestagsabgeordnete türkischer Abstammung, nun der erste Einwanderersproß an der Spitze einer Bundestagspartei. Zwar nur Co-Vorsitzender als Realo-Pendant der unvermeidlichen Claudia Roth — wir sind ja bei den Grünen. Aber Hauptsache, Özdemir ist endlich wieder Medienliebling. Zwischendrin war er — nicht so gerne — der erste prominente Grüne, der wegen eines Spendenskandals den Hut nehmen mußte. Vorzugskredit von PR-Hallodri Moritz Hunzinger, dazu Privatreisen mit dienstlichen Bonusmeilen, das kostete ihn 2002 das Bundestagsmandat. Özdemir mußte eine weich gefederte Pause im EU-Parlament machen, wo er sich als Sachwalter türkischer Beitrittsinteressen hervortat. Im Sabbatjahr vor Mandatsantritt ließ sich das Atlantikbrücke-Mitglied, das schon 2002 vom Weltwirtschaftsforum zum „Global Leader of Tomorrow“ ernannt worden war, noch vom neoliberalen German Marshall Fund zum „Transatlantic Fellow“ berufen. Inzwischen entrichtet Özdemir ökologisch korrekt Klimaschutz-Spenden für jeden dienstlichen Flugkilometer, besucht eifrig Moschee-Einweihungen, übernimmt die Schirmherrschaft für Homosexuellenparaden und wohnt — ganz multikulturell — in Berlin-Kreuzberg. Özdemir ist für den Parteivorsitz wie geschaffen: Da muß man vor allem Interviews geben, mit und ohne Claudia Roth, und das macht „der Cem“ ja auch am liebsten. Sitzungen und Sacharbeit seien nicht so „sein Ding“, grummeln „Parteifreunde“, die ihn für medienfixiert, aber faul halten. Bei abgeordnetenwatch.de entzieht er sich jedenfalls hartnäckig der Beobachtung. Das Machtzentrum der Grünen ist allerdings die Bundestagsfraktion. Da hätte er auch gern gesessen, schon damit der Diäten-Absturz aus Straßburg nicht so tief wird, wie ebenfalls aus grünen Parteikreisen zu vernehmen ist. Aber das hat ihm die Basis vermasselt, die ihm unlängst einen — frauenquotenbedingt knappen — sicheren Listenplatz verweigerte. Bei aller Migranten-Liebe ist den Südwest-Fundis der aufstiegsorientierte Joschka-Zögling und schwarz-grüne Perspektivkader suspekt, der 1965 als Gastarbeitersohn auf der Schwäbischen Alb in Bad Urach geboren wurde, das Fachabitur nachmachte, Sozialpädagogik studierte und seither Integrationsliteratur am Fließband produziert. Parteisprecher will er dennoch werden. Mit 16 Parteimitglied, mit 24 im Landesvorstand, 1992 Mitgründer der Einwandererplattform „Immi-Grün“ — Özdemirs Karriere ist die eines Vorzeige-Integrierten. Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sieht ihn als Wegbereiter für weitere türkischstämmige Politiker. Özdemir selbst kann sich nach der Obama-Wahl auch „eine Ministerin mit Migrationshintergrund“ oder gar „eine Ayse im Kanzleramt“ vorstellen. Oder etwa einen Cem? Aber da wäre ja noch die Quote.

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