Joachim Kuhs

 

„Schule in der Zange“

Herr Dr. Holzapfel, brauchen wir ein neues Schulsystem?

Holzapfel: Nein, aber die Reformen ab den sechziger Jahren haben zu suboptimalen Ergebnissen geführt. Das müßte man ändern.

Und wie?

Holzapfel: Indem wir zunächst mal nach den Gründen für die Fehlentwicklungen fragen. Die sind natürlich mannigfaltig. Aber als langjähriger Gymnasiallehrer habe ich unter anderem miterlebt, wie wir immer mehr in eine Zangenbewegung aus – ich möchte es mal so formulieren – Beliebigkeit und Lebensdienlichkeit geraten sind.

Damit meine ich: Erstens, was einer lernt, ist immer stärker in sein Belieben gestellt worden, sollte also von seiner persönlichen Wahl abhängen. Die Idee war: Was einer auswählt, entspricht seinen Interessen und seinen Fähigkeiten, also wird er sich wohlfühlen, anstrengen und bessere Erfolge erzielen.

Aber?

Holzapfel: Aus dem Belieben wurde Beliebigkeit: Zuviel Lust und Laune, zuwenig Anstrengung einerseits – und Taktik andererseits. Nach dem Motto: „Wie komme ich am leichtesten durch?“ Zweitens hat eine falsche Deutung der Idee, die hinter dem alten Lateinergrundsatz „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir“ steckt, also der Gedanke, daß Schule auf das Leben vorbereiten soll, dazu geführt, daß diese mit allen möglichen lebensdienlichen Inhalten überfrachtet wurde.

Prinzip: „Der ACI ist nicht so wichtig wie die Gesundheit, also machen wir mehr Ernährungserziehung und weniger Latein!“ Darüber gerieten uns mit der Zeit wichtige Inhalte und Prinzipien aus dem Auge.

„Auch Pädagogik verändert und entwickelt sich“

Also ad fontes – Zurück zu den Quellen?

Holzapfel: Ich habe früher mitunter zu meinen Schülern gesagt: „Wenn ihr könntet, würdet ihr mich jetzt wegzappen.“ Ich will damit deutlich machen, daß die Welt von heute eine andere, das Bewußtsein der Schüler von heute ein anderes ist.

Wir können also das Rad nicht einfach zurückdrehen. Wenn ich sage, wir müssen unser bewährtes Schulsystem wiederherstellen, meine ich also, eine Reform orientiert an den Problemen der Gegenwart – aber aus den alten Prinzipien heraus.

Bis wohin müßte man zurückgehen, um diese alten Prinzipien wiederzufinden? Wann haben Sie erstmals festgestellt, daß das alte System lahmgelegt war?

Holzapfel: Sie irren, wenn Sie sich vorstellen, das System sei außer Funktion. So ist es nicht. Im Laufe der Zeit sind Vorstellungen in unser Schulsystem eingeflossen, die zwar zu Fehlentwicklungen geführt haben, die aber an sich nicht verkehrt sind. Man kann also nun nicht einfach zu dem Punkt vor diesen Ideen zurückgehen.

Die Mißstände, die ich etwa eingangs skizziert habe, entspringen zum Beispiel dem positiven Gedanken, mehr auf die Schüler einzugehen sowie immer mehr Schüler zu höheren Abschlüssen zu führen. Man kann nicht so tun, als gebe es einen objektiv richtigen Endpunkt in der Pädagogik, zu dem wir zurückkehren. Auch Pädagogik verändert und entwickelt sich.

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„Man hat Bildungspolitik mit Sozialpolitik verwechselt“

Haben tatsächlich vor allem die Achtundsechziger Schuld an der Misere, wie manche Kritiker behaupten, oder ist das ein Klischee?

Holzapfel: Da ist schon was dran. Denken Sie zum Beispiel nur daran, daß im Zuge der Achtundsechziger-Zeit etwa der Bildungskanon abgeschafft und der Leistungsgedanke diskreditiert wurde. Aber um fair zu sein, es waren nicht nur die Achtundsechziger. Manches reicht auch weiter zurück. Wie kann man so schön bei Wolfgang Hinrichs lesen: „Als vor über vierzig Jahren Georg Picht die deutsche Bildungspanik hervorrief.“ Das war etwa 1965, und Picht war ein Pädagoge, der den Begriff „Bildungskatastrophe“ einführte.

Oder der bis 1965 existierende Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen, der hatte mit den Achtundsechzigern nichts zu tun, übte aber einigen reformerischen Einfluß aus. Und sicher muß man auch Sympathie haben für manchen Achtundsechziger-Lehrer. Mitunter waren das Leute, die mit einem enormen Idealismus ans Werk gingen. „Wir können jeden zu allem befähigen“, war das Motto. Gut gemeint, aber die reine Utopie!

Von den bürgerlichen Bildungspolitikern jedoch würde man erwarten, sie hätten für die Pflege des klassischen Schulsystems schon Sorge getragen. Haben die ehemals bürgerlichen Parteien CDU und FDP versagt?

Holzapfel: Das ist mir zu allgemein formuliert. Aber sicher stimmt, daß man Bildungspolitik zunehmend mit Sozialpolitik verwechselt hat. Aber Schulpolitik ist bei uns ja Ländersache, und wir sehen, daß in langfristig konservativ geführten Bundesländern  wie Bayern oder Baden-Württemberg das Bildungssystem seine Wertschätzung und seine Leistungsfähigkeit bewahrt hat.

„Fehlt nur ein Stuhl, ruft man gleich nach der Einheitsschule“

Welche Rolle spielt die Einwanderung für die Krise?

Holzapfel: Natürlich senken Schüler, die nicht richtig Deutsch sprechen können, oder die vielleicht aus kulturellen Gründen weder Lehrer noch die Schule respektieren, Qualität und Ergebnisse des Unterrichts. Die Frage ist nur, ist es sinnvoll, das als Schuldzuweisung zu formulieren?

Gilt es nicht, Mißstände klar zu benennen?

Holzapfel: Natürlich, aber konstruktiv, also als zu lösende Problemstellung.

Von wo erwarten Sie die Lösung? Von der Bildungspolitik? Der Pädagogik? Oder den Eltern, die durch Taktieren innerhalb des Systems (Stichwort „Scheinumzüge“) oder Flucht aus dem System (Stichwort „Privatschulen“) das Bildungs-Establishment unter Druck setzen?

Holzapfel: Eine Lösung wird es nur geben, wenn alle an einem Strang ziehen. Die Frage ist, in welche Richtung es geht: Mißstände werden nämlich auch benutzt, um radikale Lösungen zu fordern. Überspitzt gesagt: Wenn in einer Schule ein Stuhl fehlt, ruft die GEW gern gleich nach der Einheitsschule.

Was die Privatschulen angeht: Ich bin ein Anhänger des staatlichen Schulsystems, weil nur dieses das leisten kann, was vonnöten ist. Dennoch aber haben auch Privatschulen ihren Platz, da sie mitunter das staatliche System ideal ergänzen und mit ihrer Rolle als Stachel im Fleisch das staatliche System auch unter produktive Konkurrenz setzen.

Dr. Winfried Holzapfel ist Vorsitzender des Bundes Freiheit der Wissenschaft. Der Oberstudiendirektor a. D. war 35 Jahre als Lehrer für Latein und Philosophie, 15 Jahre in der Lehrerausbildung und – bis 2004 – 14 Jahre als Leiter einer staatlichen Schule in Nord­rhein-Westfalen tätig. Geboren wurde er 1940 in Düsseldorf.

Kontakt und Informationen: Bund Freiheit der Wissenschaft, Charlottenstraße 65, 10117 Berlin, Telefon: 030 / 20 45 47 04

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