Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Herr der Welle

Wenn ein Jugendbuch in knapp drei Dekaden zweimal verfilmt wird, dann muß der Autor den Zeitgeist voll und nachhaltig getroffen haben. Morton Rhue ist das gelungen. Die – deutsche – Neuverfilmung seines 1981 erschienenen Bestsellers „Die Welle. Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging“ startet am kommenden Donnerstag in unseren Kinos (eine ausführliche Filmkritik folgt in der nächsten Ausgabe). Rhues Roman machte das spektakuläre Experiment eines Lehrers einer Highschool im kalifornischen Palo Alto 1967 weltweit bekannt: Um seinen Schülern die Funktionsweise der Massenverführung in totalitären Systemen wie dem Nationalsozialismus zu verdeutlichen, gründete er in der Klasse eine quasifaschistische Gruppierung, genannt „Die Dritte Welle“. Und die Schüler, die sich zuvor sicher waren, auf etwas wie den Nationalsozialismus könnten sie nicht hereinfallen, ließen sich mitreißen. In der Realität eskalierte das Experiment und mußte abgebrochen werden, der Roman dagegen endet in der Selbsterkenntnis der Schüler. So wurde das Experiment wenigstens in der Literatur gerettet. Der 1950 in New York als Todd Strasser geborene Journalist, Werbetexter und Romanautor Morton Rhue kreierte seinen Künstlernamen aus den Wörtern „Mort“ (Tod) und „Rue“ (Straße) – quasi der Übersetzung der deutschen Bedeutung seines Geburtsnamens ins Französische. Doch der morbide Name führt in die Irre. Sein Werk bietet Jugendlichen eine Konfrontation mit den eigenen Abgründen – allerdings aus linkspädagogischer Perspektive. Auf Rhues Netzseite prangt ein Zitat der New York Times: „Dieser Autor weiß wirklich, wie Kinder denken.“ Er weiß auch, wie man aktuelle Themen zu moralisierender Zeigefingerprosa verarbeitet. Egal, ob es sich um ideologische Verführung („Die Welle“), um Amoklauf an Schulen („Ich knall euch ab!“, 2002) oder um brutale US-Erziehungslager („Boot Camps“, 2007) handelt. Nicht seine Sympathie für jugendliche Außenseiter oder die Feststellung, daß Täter auch Opfer sind, ist es, was seine Bücher allerdings so dürftig erscheinen läßt, sondern die eindimensionale Darstellung der Dinge. Und mehr als eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schule und Sozialpädagogik weiß Rhue nicht zu empfehlen: So erwidert er auf die Interviewfrage, wie Gewalthandlungen in Schulen zu stoppen seien: „Die Schulen können das alles nicht erreichen“, aber „was sie tun können ist, den Schülern beizubringen, einander zu respektieren“. Daß Rhues Didaktik die Realität kaum bessern wird, ahnt er also selbst. In seiner plakativen Art kommt der frühere Werbetexter zum Vorschein, der seine Geschichte ausschließlich zur Demonstration der Botschaft nutzt und dazu alle Ecken und Kanten abschleift. Und auch als populäre, linke Gesellschaftskritik ist Rhues Literatur nicht tiefgehend, sondern letztlich harmlos. Was durch seine Kanonisierung zur schulischen Pflichtlektüre ausreichend bewiesen wird.

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