Kastraten

Sie geböten über die Stimmen und Töne von Nachtigallen, lobte der französische Literat und Abbé François Raguenet (1660 bis 1722) einst die Kunst der Kastraten. Die Alte-Musik-Bewegung und nicht zuletzt Gérard Corbiaus filmbiographische Annäherung „Farinelli“ (1994) rückten diese Männer, denen Unnatur ein Schnippchen schlug, damit sie der Natur ein Schnippchen schlagen konnten, in den letzten Jahren wieder zunehmend ins Bewußtsein eines breiten Publikums. Neben Mezzosopranistinnen versuchen sich aktuell vor allem Countertenöre in der Nachahmung der einstigen Opernstars. Da dies heute ohne Abschnüren der Hoden oder die Durchtrennung der Samenstränge in Kindertagen über die Bühne gehen muß, sind der Imitation allerdings Grenzen gesetzt – kein männlicher Sänger verfügt heute über den Tonumfang etwa eines Farinelli. Für Corbiaus Film wurden die Stimmen eines Countertenors und einer Mezzosopranistin daher noch zusammengeschnitten, ehe sich 2002 die Mezzosopranistin Vivica Genaux im erfolgreichen Alleingang an einige Extrem-Arien traute. Vor drei Jahren stellte Andreas Scholl seine Stimme in den Dienst des Alt-Kastraten Senesino (um 1690 bis 1759), nun legte Scholls französischer Kollege Philippe Jaroussky eine Scheibe unter dem Titel „Carestini – The Story of a Castrato“ nach. Den nachgeborenen Interpreten kam und kommt entgegen, daß Senesino und Carestini ihr Ansehen nicht größtmöglicher Stimme, sondern vor allem einfühlender Gestaltungsmacht verdankten. Derweil wurde Farinelli, so lassen sich zeitgenössische Urteile lesen, zu Lebzeiten jener Ruhm zuteil, welcher vor einer stupenden Technik kapitulierte, den Sänger aber auch als „Singmaschine“ leicht disqualifizierte. Das Ringen um Ausdruck – neben der Kunst, die äußeren Eindruck schafft – gehörte daher auch zum dramatischen Gerüst von Corbiaus Farinelli-Film. Jaroussky hat weder mit dem Eindruckschinden noch mit dem Ausdruckfinden ein Problem. Er präsentiert eine Auswahl barocker Arien, die einst eigens für Giovanni Maria Bernardino Carestini (1700 bis 1760) von Porpora, Capelli, Händel, Leo, Hasse, Gluck und Graun komponiert wurden. Kongenial und aufnahmetechnisch mit schöner Tiefenstaffelung sekundiert vom Ensemble Le Concert d’Astrée unter Leitung der stets eindringliches Musizieren garantierenden Dirigentin und Cembalistin Emmanuelle Haïm, läßt Philippe Jaroussky erahnen, was Zeitgenossen wie François Raguenet an den Kastraten so sehr fasziniert haben muß: „Atemzüge, in denen man sich verliert und zu atmen vergißt, unendliche Atemzüge, durch die sie Passagen von ich-weiß-nicht-wievielen Takten ausführen“ – Raguenets Beschreibung geht dem Hörer unverstellt auf, sobald sich der französische Countertenor etwa über „Sperai vicino il lido“ aus Glucks Oper „Demofoonte“ hermacht. Für diese auch durch ihre Stimmungswechsel zwischen zurückgenommener Lyrik und aufgewühltem Drama bemerkenswerte Gleichnis-Arie gilt ein weiteres Wort des Abbé, der den Kastraten bescheinigte, sie „zeichnen scharf, sie sind rührend“. Jaroussky kann hierbei nicht nur auf eine wirklich atemberaubende Atemtechnik zurückgreifen, sondern auch auf eine koloraturfeste Stimme, die sich in jedem Augenblick klangschön entfaltet und selbst in hohen Lagen nicht eng und „zickig“ daherkommt. Daß Kastraten zudem „bis in die Seele“ dringen konnten, belegt der französische Sänger samt seiner Kunst etwa anhand der bezaubernden Arie „Ciel nemico, avverse stelle“ aus der Oper „I fratelli risconosciuti“ von Giovanni Maria Capelli oder mit – um eines der bekannteren Stücke dieser Aufnahme zu nennen – Händels „Scherza, infida“ aus „Ariodante“.

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