Maria Süssmuth

Mit Gästen hat es die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer beruflich diese Woche im doppelten Sinne zu tun: erstens ist sie Gastgeberin, wenn im Bundeskanzleramt Vertreter von Parteien und Verbänden zum sogenannten „Integrationsgipfel“ zusammenkommen; zweitens obliegt ihrem Amt die Sorge um jene Mitbewohner, die selbst – oder besser: deren Vorfahren – einst mit dem Präfix „Gast-“ versehen hierherkamen und blieben, ohne heimisch zu werden. Das Amt gibt es (mit wechselnden Bezeichnungen) seit gut 25 Jahren, Böhmer ist das erste CDU-Mitglied auf diesem Posten. Daß ausgerechnet sie Nachfolgerin der Grünen Marieluise Beck wurde, verwundert nicht. Bei den Christdemokraten gibt es zwei Möglichkeiten, vom innerparteilichen Konsens abzuweichen: Zum einen nach rechts, dann ist der Betreffende bestenfalls „umstritten“ oder ein „CDU-Hardliner“ – nicht selten aber auch ein zukünftiges Ex-Parteimitglied, in jedem Fall aber politisch kaltgestellt. Zum anderen – und das bietet sich bei Interesse an persönlichem Erfolg an -, programmatisch in der linken Mitte zu fischen und „Tabus“ zu brechen, die längst keine mehr sind: sogenannte „Quer-“ oder „Vordenker“. Lange Zeit stand für diese Variante Rita Süssmuth, nun wird diese zusehends von der 1950 geborenen Pfälzerin Maria Böhmer beerbt, der man unter anderem attestierte, die Union von einem „erstarrten Familienbild wegzuführen“ (Tagesspiegel). Die Parallelen stechen ins Auge: Wie Süssmuth hat auch Böhmer politisch ein Feld beackert, das nicht als genuin christdemokratisches Terrain gilt, sondern eher als linke Domäne; hier wie dort waren es „weiche Themen“, die zum Karrieresprungbrett wurden, in erster Linie „Frauen“. Böhmer wirkte in Rheinland-Pfalz von 1982 bis zum erstmaligen Einzug in den Bundestag 1990 als Landesfrauenbeauftragte und profilierte sich parteintern (wie Süssmuth) in der Frauenunion. Auch sie hatte vor der politischen eine (gesellschafts-)wissenschaftliche Karriere absolviert, lehrte als Dozentin und Professorin für Pädagogik in Mainz und Heidelberg. Die ledige Katholikin erbte nicht nur ein typisch rot-grünes Aufgabenfeld, sondern übernahm auch gleich das dazugehörende Vokabular, woraus eine weitere Degression konservativer Inhalte abzuleiten ist. Statt von Einwanderern redet sie von Migranten oder wahlweise vom Migrationshintergrund und macht damit unterbewußt deutlich, daß längst nicht mehr die Perspektive der Autochthonen zählt, sondern die der irgendwie weltweit in Bewegung Geratenen. Was bei dem anstehenden Gipfel herauskommen soll – ein „Integrationsplan“ -, ist noch ebenso unklar wie die genaue Teilnehmerliste. Daß die Deutschen mehrheitlich nicht fremdenfeindlich, sondern gastfreundlich sind, war in den letzten Wochen zu beobachten. Die gute Gastgeberschaft hängt vielleicht auch mit der Art und der Zahl der Gäste zusammen. Und damit, daß diese irgendwann auch wieder gehen.

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