Gefallener Schützling

War es am Ende Andreas Renner selbst, der seinen Gegnern den Gedanken lieferte? „Der g’hört abg’schosse“, befand der am vergangenen Freitag zurückgetretene Sozialminister des Landes Baden-Württemberg im August vergangenen Jahres mit Blick auf den amerikanischen Präsidenten und sein maues Engagement für die Flutopfer von New Orleans. Des Ministers Diktum war ein kleiner Skandal. Daß der 1959 im badischen Stockach geborene Renner selbst „abg’schosse“ gehöre, mochten sich die Konservativen der Südwest-CDU schon einen guten Monat zuvor gewünscht haben. Damals übernahm der von Regierungschef Günther Oettinger ins Stuttgarter Kabinett berufene vormalige Oberbürgermeister der Bodenseestadt Singen die Schirmherrschaft für den Christopher Street Day (CSD) in der Landeshauptstadt. Inklusive Auftritt und Grußwort im Rahmenprogramm des homosexuellen Umzugs, der mit dem Motto „Familie heute“ und viel nacktem Fleisch eine „gesellschaftspolitische Neuorientierung“ zu anderen Ufern einforderte. Das rief den Widerspruch der katholischen Kirche auf den Plan, und damals sollen jene Worte gefallen sein, die Renner nun vor dem CDU-Parteitag am letzten Wochenende und der im März bevorstehenden Landtagswahl das Amt gekostet haben: „Halten Sie sich da raus und fangen Sie erst einmal selbst damit an, Kinder zu zeugen“, soll der Minister bei einem Gespräch in der Fraktion dem anwesenden Rottenburger Bischof Gebhard Fürst an den Kopf geworfen haben. Vor allem in stark von Glauben und Bekenntnis geprägten Landesteilen hatte man nunmehr von dem in dritter Ehe verheirateten „Modernisierer“ wohl die Nase voll: „Wenn Du keine rote Linie ziehst, fliegt uns hier alles um die Ohren“, sollen Parteifreunde Oettinger ermahnt haben. Der Parteichef, dem die Frankfurter Allgemeine kürzlich seines Einsatzes für eine Englisch sprechende deutsche Arbeitswelt wegen (JF 2/06) ein „Vorstadt-Schleiflack-Idiom“ bescheinigte, mußte seinem leichtzüngigen Schützling die hegende Hand entziehen. Daß ihm damit das Aushängeschild einer am Zeitgeist orientierten CDU abhanden kam, wird nicht nur von der Jungen Union im Südwesten, in der Andreas Renner politisch groß geworden ist, beklagt. In den Chor der Betroffenen stimmen auch jene ein, an die sich die Union mittels Protagonisten wie Renner anzubiedern versucht: Gemeint ist das alternativ angehauchte junge Trendbürgertum in den Ballungszentren des „Ländles“. Was Wunder also, daß Renner Landespräsidium und Bundesvorstand der CDU erhalten bleibt? Offenbar möchte man den mit 46 Jahren noch „neuwertigen“ Hoffnungsträger sicherheitshalber aufsparen. Man darf also gespannt sein, wo Andreas Renner früher oder später womöglich wieder auftauchen wird – es muß ja nicht zwingend in dessen Heimat, am Bodensee, beziehungsweise zwischen Rhein, Main und Neckar sein.

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