Hart, aber herzlich

Am 11. Juni 2004 schlug in Wien-Favoriten die „Stunde der Patrioten“. Die FPÖ beendete ihren EU-Wahlkampf und alle auf dem Viktor-Adler-Markt versammelten FPÖ-Anhänger harrten des fulminanten Auftritts Jörg Haiders. Doch statt des erwarteten Feuerwerks versprühte der Bärentaler nur wenig Esprit, er wirkte müde, blaß und eher lustlos. Im Gegensatz dazu hielt der wenige Wochen zuvor zum Wiener FPÖ-Chef gewählte Heinz-Christian Strache (mehr zur Person siehe „Fragebogen“ JF 06/05) eine Rede wie zu Haiders besten Zeiten. „hc“, wie Strache sich gerne nennt, reüssierte in einschlägiger FPÖ-Manier über „Ausländer, Asyl und Kriminalität“, und viele fragten sich: Wäre der junge FPÖ-Obmann nicht der ideale Nachfolger des Kärntners? Ein Jahr später scheint es der 35jährige mit seinem Motto „hart, aber herzlich“ geschafft zu haben. Haider hat entnervt die Partei verlassen, und Strache wird beim avisierten Parteitag der FPÖ am 23. April als Bundesobmann (Bundesvorsitzender) kandidieren. „Auf mich kann man sich verlassen“, ließ der geborene Wiener verlauten und präsentierte der Presse eine vor drei Wochen mit Haider getroffene „Arbeitsvereinbarung“. Nach der hätte Haider den Parteivorsitz übernommen, und Strache wäre dessen geschäftsführender Obmann geworden. Die Zeichen standen also auf Verständigung der verfeindeten Lager. Eine Verständigung, die vor allem dem Wiener FPÖ-Chef besonders am Herzen zu liegen schien. Doch dann kehrte „der Jörg“ von seinem mysteriösen Auslandsaufenthalt zurück und verkündetete die Gründung des „Bündnisses Zukunft Österreich“ (siehe Beitrag Seite 10). Statt der vereinbarten „kollegialen Führung, Kooperation, Offenheit und Freundschaft“ also die überraschende Aufkündigung der „unteilbaren Gesinnungsgemeinschaft“ FPÖ. Für kurze Zeit schien Strache von Haiders Coup überrascht. Hatte er sich doch schon in aller Stille – und mit Rückendeckung des Europaabgeordneten Andreas Mölzer und des Volksanwalts Ewald Stadler – auf den bevorstehenden Rivalenkampf um den Thron eingestellt. Nun hat Jörg Haider gekniffen, und der Wiener FPÖ-Chef spricht von Kasperltheater: „Haider hat sich wie ein Kind verhalten, das eine Sandburg gebaut hat, und bevor ein anderes Kind damit spielen kann, hupft er drauf und zerstört sie.“ Noch ist die FPÖ allerdings nicht zerstört. Also kann der bis vor kurzem noch als landes- und bundespolitisch unbeschriebenes Blatt geltende Strache beweisen, ob er das Zeug zum Retter der „echten FPÖ“ hat. Für den linksliberalen Standard ist eine Sache schon klar: „Der Wiener Parteichef verfügt über ein gefälliges Äußeres, ist medientauglich, ehrgeizig – und vor allem jung.“ Damit nicht genug. Der pennale Burschenschafter hatte am 8. Mai 2004 auch keine Sorge, die Totenrede bei der „Heldenehrung“ der national-freiheitlichen Burschenschaften zu halten.

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