Antigone von Halbe

Auf dem Soldatenfriedhof der brandenburgischen Kleinstadt Halbe, etwa 50 Kilometer südlich von Berlin, sind schätzungsweise 22.500 gefallene Deutsche bestattet; die meisten von ihnen starben hier in einer grauenvollen Kesselschlacht Ende April 1945, als die Reste der 9. Armee versuchten, den Vormarsch sowjetischer Truppen auf die damalige Reichshauptstadt aufzuhalten. Auch heute noch liegen vermutlich zigtausend Gefallene in den Wäldern rings um Halbe, die unmittelbar nach Kriegsende nur notdürftig verscharrt worden waren. Werden ihre Gebeine gefunden, so erfolgt die Umbettung auf den Friedhof, und manches bisher ungeklärte Schicksal kann identifiziert und den Hinterbliebenen mitgeteilt werden. Verantwortlich dafür, den Gefallenen ihre Würde wiederzugeben, ist vor allem Erdmute Labes, Pfarrerin der evangelischen Gemeinde in Märkisch-Buchholz. „Die Toten müssen ihr Grab bekommen“, so lautet die schlichte Feststellung der Seelsorgerin. Über 1.800 Toten hat die 62jährige auf diese Weise zu einer letzten Ruhestätte verholfen, sie mit einem Gottesdienst begleitet und ihr Grab mit einem Holzkreuz kenntlich gemacht. Seit 1982 ist die aus Berlin stammende Theologin in der Gemeinde tätig und seit dieser Zeit auch mit dem Schicksal der Unbestatteten befaßt. In der damaligen DDR war dies mit vielen Schwierigkeiten verbunden, denn dem SED-Regime waren die deutschen Kriegstoten als Hinterlassenschaft des „Faschismus“ unbequem und eher lästig. Mit der Wiedervereinigung übernahm der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Pflege des Halber Waldfriedhofs, und seit 1991 ist Erdmute Labes stellvertretende Landesvorsitzende des brandenburgischen VDK. Wenn Militaria-Sammler bei ihrem – in Brandenburg seit 1994 – illegalen Tun im Wald von Halbe wenigstens die sterblichen Überreste Gefallener anonym in der Waschküche des Pfarrhauses ablegen, ist dies für Erdmute Labes Grund genug, den Rechtsbruch zu tolerieren und sich auf die Schweigepflicht zu berufen. In der antiken Tragödie des Sophokles bestattet Antigone trotz königlichen Verbots ihren als Angreifer auf die Heimatstadt Theben gefallenen Bruder Polineikes. „Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil“, so rechtfertigt sie die Übertretung irdischen Rechts unter Verweis auf ein höheres, ein göttliches Gesetz. Hierzulande trifft das Verdikt des Zeitgeistes nicht selten anstelle des Angreifers den Verteidiger von damals. Zum Beispiel, wenn „Antifaschisten“ und politisch besonders korrekte Zeitgenossen die Arbeit des VDK und der rührigen Pastorin als militaristisch verunglimpfen. Der geht es bei ihrem Tun nicht um Ideologie, sondern um etwas „Normales“: daß man Menschen „nicht verscharrt wie einen Hund“, sondern daß er ein Grab, die Trauer einen Ort hat. Und daß ein Friedhof kein Grund zum Hassen, sondern ein Platz der Menschenliebe ist.

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