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Schaf im Wolfspelz

Mit seiner jüngsten Forderung, die verkorkste Rechtschreibreform zurückzunehmen, hat sich der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff wieder einmal in die Herzen der Samtpfötchen-Konservativen katapultiert. Gegenüber dem Zentralorgan dieser Klientel, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, tat er in drastischen Worten – und alter Rechtschreibung – gegenüber kund (JF 28/04), daß er das ganze Projekt für gescheitert halte und die Kultusministerkonferenz mit der Sache offensichtlich überfordert sei. Und damit in Zukunft der Beliebigkeit nicht weiter Tür und Tor geöffnet sei, sollen sich endlich die Ministerpräsidenten mit dem Thema befassen – als hätte er als eben solcher nicht schon längst seinen Worten Taten vorausgehen lassen können. Vielleicht resultiert Wulffs nun zutage tretende Aversion gegen Beliebigkeit und Kompetenzgerangel aus seiner Funktion als stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU und aus der Teilnahme an den letzten Bundesratssitzungen, in denen seine Parteifreunde – bei Themen wie Hartz IV und Zuwanderung – zwischen Kompromiß oder Konfrontation zur Regierung etwas ins Schlingern geraten sind. Nicht so der Niedersachse, der „sturmfest und erdverwachsen“ an seinem Profil als durchsetzungsstarker Landesvater feilen möchte. Im Februar 2003 schaffte er endlich – im dritten Anlauf – mit 48 Prozent den Sprung an die Macht in Hannover. Fast alle Direktmandate gingen bei dieser Landtagswahl an die CDU-Kandidaten, die ihm gemeinsam mit der FDP die Mehrheit im Leineschloß garantieren. Seitdem bestimmt politische Knochenarbeit das Tagesgeschäft des 45jährigen Osnabrückers. Angesichts einer verheerenden Kassenlage und einer umfassenden Verwaltungsreform schwinden seine Popularitätswerte. So kündigten etwa Teile der Beamtenschaft die Gefolgschaft auf, weil die Abschaffung der Bezirksregierungen einen massiven Stellenabbau im Verwaltungsapparat nach sich zieht und darüber hinaus auch am Weihnachtsgeld der Staatsdiener gespart werden soll. Die Schließungen der Orientierungsstufen verlangen die Umverteilung ganzer Lehrerkollegien, und das „Hochschuloptimierungskonzept“ optimiert nicht die Universitäten, sondern allenfalls den Staatssäckel. Daß sich der gelernte Jurist jetzt auf bildungspolitisches Terrain begibt und der Sorge um den Spracherhalt Rechnung tragen möchte, ist ehrenwert; allerdings nur, wenn es sich dabei nicht wieder nur um eine bloß verbale Rückversicherung bei konservativen Stammwählern handelt, die im nächsten Moment schon erneut verprellt werden können. Zu oft – der „Fall Hohmann“ ist jüngstes und traurigstes Beispiel – war solch ein Verhalten typisch für die Union. Daß Wulff eben tatsächlich nur ein Schaf im konservativen Wolfspelz ist, zeigt der Umstand, wie er es mit dem Zeitgeist hält: der verlangt nämlich nicht nur Widerspruch, sondern vor allem Widerstand.

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