Warum die Bestatter auf den Hund kommen

Eine geschmackvolle Publikation erreicht derzeit viele Redaktionen. Das schmale Buch trägt den einfühlsamen Titel „Du fehlst mir …“. Nach ein paar Buchseiten fällt einem auf, daß Trauer hier ganz groß geschrieben wird. Ein fortwährendes Trauerbedürfnis wird dem Leser hier ähnlich suggeriert wie beim Psychotherapeuten die unverzichtbare Wut auf Eltern und Ex-Partner. Wer keine Wut empfindet, hat sie verdrängt. Wer keine Trauer empfindet, nimmt sich nur nicht die Zeit dazu – und das nötige Kleingeld. Denn wie der Therapeut bezahlt sein will, so läßt die Broschüre keinen Zweifel daran, daß Trauer umsonst nicht zu haben ist. Keine Rede davon, daß Hinterbliebene sich etwa am Todestag mit einem Fotoalbum hinsetzen und Erinnerungen heraufbeschwören, vielleicht noch eine Lieblingsmusik auflegen. So geht es nicht, denn: „Das urmenschliche Bedürfnis, fürsorglich mit einem geliebten Menschen umzugehen, benötigt einen fest bestimmten Ort.“ Und noch deutlicher: „Auf unseren Friedhöfen sehen wir, daß die unvorbereitete, in Eile getroffene Entscheidung für Grabstellen ohne Grabpflege in starkem Widerspruch zu unserem eigenen Bedürfnis der Trauerbewältigung steht.“ Das Wort „Bedürfnis“ zielt auf den Konsum – und siehe da, die Schrift ist gemeinsam herausgegeben vom Bund deutscher Friedhofsgärtner, dem Bundesinnungsverband des Deutschen Steinmetzhandwerks, Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. und dem Fachverband Deutscher Floristen. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Werbebroschüre. Dazu hat jede Branche das Recht, vor allem wenn sie immer weniger Umsatz macht. Seit der Totenkult in seiner traditionellen Form mit aufwendiger Beerdigung, regelmäßigem Friedhofsgang und Grabpflege immer mehr aus der Mode kommt, droht den Bestattern etwas, das sie niemals erwartet hatten, die Arbeitslosigkeit. Man stellt an sie eigentlich nur noch ein einziges Ansinnen: „Billig will ich!“ Manche karren ihre toten Angehörigen per Bus bis nach Ungarn, um preiswerte Beerdigung und interessante Busreise zwanglos miteinander zu verbinden. Verständlich, daß es Grieneisen & Co. dabei wenig feierlich zumute wird. Ganz anders sieht es bei unseren vierbeinigen Freunden aus. Vorbei die Zeiten, als man Waldi einfach im Garten begrub. Das ist mittlerweile verboten. Dafür sprießen die Heimtier-Bestattungsinstitute wie Pilze aus dem Boden. Unter www.berliner-haustier-bestattung.de sind Erd- und Feuerbestattungen im Angebot, eine „große Anzahl an Urnen und Särgen“ sowie die Möglichkeit zum „stillen Abschied in der Friedhofskapelle“. Bestattungsbräuche sind also keineswegs aus der Mode gekommen – doch trauert man inzwischen nur noch um die, die man wirklich geliebt hat. Und das sind immer häufiger Katze, Hund oder Streifenhörnchen. Traurig, aber wahr.

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