Die Favoritin

Unter den drei Töchtern des Chefs ist Marine derzeit die Favoritin. Ihre Schwester Marie-Caroline, die ihrem Vater lange am nächsten stand, hat sie längst hinter sich gelassen. Marine hat die Physiognomie ihres Vaters geerbt, den bretonischen Starrsinn, die Redefreudigkeit und Gehässigkeit. Er hat sie 2003 zur Vizepräsidentin des Front National (FN) ernannt, und nachdem er „aus formellen Gründen“ nicht zur derzeit laufenden Regionalwahl zugelassen wurde, gilt sie den Medien derzeit als Flaggschiff des FN. Die Partei hatte ihr diesmal die als schwierig geltende Hauptstadtregion Île de France zugewiesen. Manche sahen schon einen Überraschungssieg für die herbe Blonde, doch dann erzielte sie „nur“ 12,26 Prozent – allerdings sind das immerhin 448.997 Wähler. Schließlich mußte sich aber der FN die Stimmen der Unzufriedenen mit Kommunisten und Trotzkisten teilen, die zusammen über elf Prozent erzielten. Seit Marine Le Pen 2002 kurzfristig für ihren Vater – von dem sie sich nach eigenem Bekunden „vollständig emanzipiert“ habe, dessen politische Auffassungen sie aber zu „dreihundert Prozent“ teile – bei einem Fernsehauftritt einspringen mußte und sich dort bewährt hatte, gilt sie der französischen Öffentlichkeit als ernstzunehmende politische Figur. Bereits bei den Parlamentswahlen 2002 – bei denen das extra zu diesem Zweck installierte Mehrheitswahlsystem bewirkt hatte, daß der FN trotz 13 Prozent kaum einen Sitz erhielt – erzielte sie mit 24 Prozent einen Achtungserfolg. Immerhin sitzt die 33jährige Rechtsanwältin und Mutter dreier Kinder seit 1998 im Regionalrat von Nord-Pas-de-Calais. Sie gründete die „Génération Le Pen“, einen Verein, der Jean-Marie Le Pen bei der Jugend Ansehen und Gehör verschaffen soll. Böse Zungen behaupten, sie eifere Claude Chirac nach, der allgegenwärtigen Beraterin des Präsidenten. Doch unter den FN-Mitgliedern ist sie wenig beliebt. Das bewies einmal mehr der Parteitag in Nizza 2003, wo man ihr einen Platz in der Parteiführung verweigerte und statt dessen für Bruno Gollnisch stimmte. Also schuf Vater Le Pen kurzerhand eine sechste Vizepräsidentschaft für seine Tochter, was von vielen Parteimitgliedern als Schlag ins Gesicht empfunden wurde, weil so das „dynastische“ Element in den Vordergrund rückt und den FN als bloße Familienangelegenheit erscheinen läßt. Die katholische FN-Fraktion unter Romain Marie kritisiert zudem, daß Marine Le Pen Abtreibung befürwortet. Andere nehmen ihr die starken Worte übel, die sie gegen den angeblichen Rassismus einiger Parteimitglieder richtete, und erst recht ihre erklärte Absicht, Einwanderer der dritten Generation in die Partei aufzunehmen. Während ihre Anhänger dies als Modernisierung des Front betrachten, sehen andere in ihr eine Komplizin des Systems. Jedenfalls gewährleistet sie, daß man mit den Namen Le Pen in Frankreich auch in Zukunft rechnen muß.

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