Der Kindskopf

Von den evangelischen Kirchenmännern, die im Herbst 1989 in einem Pfarrhaus nördlich von Berlin die Ost-SPD gründeten, hat Thomas Krüger es am weitesten gebracht: zum Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, die sich – milde ausgedrückt – seit geraumer Zeit auf politischen Abwegen befindet (siehe auch Seite 5). Für ihre Entwicklung hin zu republikanischem Unernst und bierernstem Zeitgeist ist die Präsidentschaft Krügers nicht Ursache, aber Symbol. Seinen Aufstieg betrieb er unauffällig, aber zielstrebig. 1959 in Thüringen geboren, nahm er nach Armeedienst ein Theologiestudium am kirchlichen Konvikt in Berlin auf. Mehr als das Fach interessierte ihn aber der institutionelle Schutzraum für seine Vorstellungen vom richtigen Leben, die von der DDR-Norm abwichen. Von den Kommilitonen unterschied er sich durch Kontakte zur alternativen Künstlerszene und die Vorliebe für Dadaismus und schrägen Punk. Zum Rauschebart des Bürgerrechtlers trug er einen zerfetzten Kapitänsmantel und eine turkmenische Folklorekappe. Nebenbei war er als Versicherungsvertreter tätig. Er stach nicht durch Tiefsinn hervor, sondern durch Umtriebigkeit und kommunikative Fähigkeiten. Nach dem Sturz der SED ergriff er, inzwischen Vikar, rasch seine Chance. 1990 wurde er erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters von Ost-Berlin und 1991 im Gesamtberliner Senat Jugendsenator. 1994 zog er in den Bundestag ein, wo ihn die SPD-Fraktion zum Kultur- und Medienbeauftragten bestimmte. Bemerkenswerte Spuren, Einsichten oder Standpunkte hat er weder in seinen Ämtern noch in seinen vielen Reden und Artikeln hinterlassen. Er vermied es, sich Gegner zu machen. Als 1997 die Diskussionen um die Beteiligung von DDR-Künstlern bei der Ausgestaltung des Reichstags hochschlugen, verfiel er auf die Kompromißformel, daß viele West-Künstler ja aus der DDR stammten! Das traf zu, ging aber am Thema vorbei. Seine Anpassungsgabe ist bemerkenswert. In den neunziger Jahren neigte er zu einer von MTV-Einsprengseln durchsetzten Rita-Süssmuth-Prosa. Inzwischen greift er auf den Manager- und Soziologenjargon zurück. Er versteht es, eine wohldosierte, aber permanente mediale Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So installierte er als Senatsmitglied den Arbeitskreis „Kids beraten den Senator“. Auf den Bundestagswahlkampfplakaten von 1998 präsentierte er sich splitternackt, was man angesichts des schlaffen Körperbaus für mutig halten mag, eigentlich aber nur infantil war. Genutzt hat es nichts, er unterlag einer populären PDS-Rivalin. Umgehend verkündete Krüger, daß er jetzt anstelle seiner Frau das Babyjahr in Anspruch nehmen wolle – und kam wieder in den Schlagzeilen. Er war zum vollendeten Karrieremann gereift. 2000 erreichte ihn der Ruf in die Bundeszentrale. Sein Rauschebart war da schon lange ab. Eigensinn und schräge Töne sind von ihm nicht mehr zu erwarten.

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