„Zu deutsch für Deutschland“

Herr Wylezol, der Bundesrat hat anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Verabschiedung der Charta der Heimatvertriebenen den 5. August zum „Nationalen Gedenktag für die Opfer von Vertreibung“ erklärt. Wie hat die Schlesische Jugend (SJ), der Jugendverband der Landsmannschaft Schlesien, diesen neuen Gedenktag begangen? Wylezol: Wir freuen uns sehr über dieses Signal der Politik, auch wenn es genau betrachtet mit jahrzehntelanger Verspätung kommt. Allerdings müssen wir zugeben, daß wir von dem raschen Beschluß überrascht worden sind. Es war uns nicht mehr möglich, in den wenigen Tagen seitdem ein angemessenes Programm auf die Beine zustellen. Bitte? Wylezol: Die SJ führt bislang ihre Demonstration zur Erinnerung an unsere ehemaligen Ostgebiete traditionell am Tag der deutschen Einheit durch, so haben viele unserer Mitglieder ihren Urlaub auf August gelegt. Die Schlesische Jugend ist sonst als besonders aktiver Jugendverband bekannt, im Mai etwa haben Sie in einer aufsehenerregenden Nacht-und-Nebel-Aktion im heute polnischen Niederschlesien 700 Holzkreuze an Autostraßen illegal aufgestellt, um auf die Vertreibung und Ermordung zahlloser Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg aufmerksam zu machen. Deutsche Zeitungsleser erfuhren allerdings nichts über dieses spektakuläre Unternehmen. Wylezol: Die Aktion wurde bis auf einen Bericht in der Nürnberger Zeitung von den deutschen Medien konsequent totgeschwiegen, obwohl sie in Polen außerordentliches Aufsehen erregt hat. Nicht nur die Medien in Schlesien berichteten, sondern in ganz Polen, bis hin zu Radio und Fernsehen. Haben Sie die Holzkreuze selbst hergestellt? Wylezol: Wir haben alle 700 Stück in mühevoller Arbeit selbst gezimmert, ein Teil wurde von uns in der Bundesrepublik, ein Teil von schlesischen Heimatverbliebenen in der Republik Polen angefertigt. Unsere Kreuze haben wir dann in einem VW-Transporter heimlich über die Grenze geschmuggelt, was allerdings nicht allzu schwer war, da es so gut wie keine Kontrollen gab. Unter „Heimatverbliebene“ versteht man jene noch rund 100.000 Deutsche im ehemaligen Osten Deutschlands, die die Entrechtung nach 1945 überlebt haben und von der Vertreibung zufällig verschont geblieben sind. Wylezol: Wir sind alle Schlesier, und sie haben uns nicht nur bei der Herstellung der Kreuze geholfen, sondern auch bei deren Aufstellung, beziehungsweise haben uns hier und da Unterschlupf gewährt, wenn wir nicht versteckt im Wald übernachtet haben. Wo genau haben Sie die Kreuze aufgestellt? Wylezol: An Straßen, die heute entlang den ehemaligen Vertreibungsrouten verlaufen. In gewissen Abständen haben wir Gruppen von zehn bis zwanzig Kreuzen in die Erde gerammt. Jedes etwa 70 Zentimeter groß und – natürlich in polnischer Sprache – mit der Aufschrift versehen „Deutscher 1945/46“. Sie haben Orte quer durch das Land ausgewählt, so daß diese geheimnisvollen Kreuze „über Nacht“ in ganz Niederschlesien auftauchten. Wie haben die Polen reagiert? Wylezol: Es herrschte natürlich Verwirrung, plötzlich trafen Berichte von ominösen Kreuzen aus dem ganzen Land ein. In den Rathäusern war man ratlos, schließlich begann die Polizei nach den Urhebern zu suchen. Drei Tage lang konnten Sie Katz und Maus spielen, bevor es der polnischen Polizei gelang, Ihnen eine Falle zu stellen. Wylezol: Gerade, als wir die letzten der 700 Kreuze aufgerichtet hatten, sind drei unserer Aktivisten der Polizei ins Netz gegangen, die übrigen setzten sich unauffällig über die Grenze in die Bundesrepublik ab. Was geschah mit Ihren Kameraden? Wylezol: Sie wurden über dreißig Stunden in Untersuchungshaft gehalten ohne Essen, Trinken oder die Möglichkeit, sich zu waschen! Das entspricht nicht rechtsstaatlichen Gepflogenheiten, und dreißig Stunden ohne Wasser, das ist sehr, sehr hart. Zudem wurden unsere Leute mit gewöhnlichen Kriminellen zusammengesperrt. Was als weitere Schikane zu werten ist, denn die Polizisten haben sehr wohl begriffen, daß wir politische Absichten hatten und nicht kriminell gehandelt haben. Zum Glück ist nichts passiert. Wie haben sich die Polizisten gegenüber Ihren Leuten verhalten? Wylezol: Sie müssen bedenken, daß die meisten Polen in der Vorstellung erzogen worden sind, die Deutschen seien bösartige Landräuber, die möglichst niedergemacht werden müßten. Dementsprechend ruppig war die Behandlung. Immerhin kam es aber zu keinem Zwischenfall. Schließlich wurden die Verhafteten über die bundesdeutsche Grenze abgeschoben. Wylezol: Es stellt für die Polen natürlich eine erhebliche nationale Provokation dar, wenn man sie daran erinnert, daß dieses Land kulturell und moralisch gesehen deutsches Land ist und daß seine ursprünglich rechtmäßigen Einwohner von ihnen ermordet oder vertrieben worden sind. Da wir uns aber nicht wirklich etwas zuschulden haben kommen lassen, wurden unsere Leute mit der Auflage, das Land zu verlassen, entlassen. Sie durften alleine bis zur Grenze reisen, wo sie sich beim Zoll zu melden hatten. Hatte sich die deutsche Botschaft eingeschaltet? Wylezol: Nein, aber zu dieser Zeit war gerade Bundeskanzler Schröder in Warschau, da wollte man wohl nichts hochkochen. Wie haben die Landsmannschaft Schlesien und die Jugendorganisationen der anderen Landsmannschaften reagiert? Wylezol: Ausgesprochen positiv. Rudi Pawelka, der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, hat sich beim Schlesiertreffen in Nürnberg gar offiziell für die Aktion bedankt. Dabei war die Landsmannschaft nicht eingeweiht. Wir bekommen bis heute – Monate später – noch täglich E-Briefe, in denen sich die verschiedensten Menschen für unsere Aktion bedanken – übrigens auch von Heimatverbliebenen, und es freut uns besonders, daß wir vor allem diesen Deutschen Mut machen konnten. Die Aktion hat uns zudem viel Respekt beim Nachwuchs eingetragen, und wir hoffen auf einen positiven Effekt. Auch die anderen Jugendvertriebenenverbände waren beeindruckt, wobei man sagen muß, daß auch zum Beispiel die Ostpreußen, sei es nun der Bund Junges Ostpreußen (BJO) oder die Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), sehr aktiv sind. Sind Jugendliche heute tatsächlich noch für die Vertriebenen-Problematik zu interessieren? Wylezol: Zum einen kommen die Kinder der in der Landsmannschaft organisierten Vertriebenen zu uns. Zum anderen aber – Sie werden staunen – haben wir zum Beispiel hier in Düsseldorf vierzig Prozent Rheinländer in unseren Reihen. Unser Angebot aus Freizeit- Kultur- und Lernprogramm, alles gemeinschaftlich erlebt, begeistert sie für uns, so daß wir – immer unter dem Gesichtspunkt, daß die Vertriebenenverbände allgemein im Schrumpfen begriffen sind – derzeit nicht über Nachwuchsprobleme klagen können. Sie haben 30.000 Mitglieder, davon sind 15.000 unter 35 Jahre alt. Wie viele davon können Sie als Aktivisten mobilisieren? Wylezol: Etwa zehn Prozent, allerdings lassen sie sich nicht alle zu einer gemeinsamen Großaktion zusammenbringen. Wir arbeiten mit vielen kleinen Projekten. Zum Beispiel? Wylezol: Zum Beispiel restaurieren wir deutsche Gräber und Denkmäler in Schlesien. Das klingt nach einer kulturpflegerischen Aktion, wo aber ist die politische Dimension? Wylezol: Sie müssen bedenken, daß die polnische Geschichtsschreibung sich nur langsam der historischen Wahrheit öffnet. Traditionell wird dort verschwiegen, daß das Land deutsch war. Junge Polen haben bis 1990 nicht im mindesten geahnt, daß das Land, in dem sie leben, geraubt ist. Polen, Böhmen, Tschechen – alle kamen in der polnischen Geschichtsschreibung Schlesiens vor, nur kein einziger Deutscher. Aus diesem Grund ist die Pflege der Zeugnisse deutscher Kultur hier eine bedeutende Maßnahme zur Aufklärung, sprich eminent politisch! Wir müssen uns dabei allerdings auf Gräber und abgelegene Denkmäler konzentrieren, Bauten in den Innenstädten wären zwar öffentlichkeitswirksamer, aber abgesehen von allen behördlichen Problemen würde das den Unmut der Polen erwecken. Obwohl wir schon jetzt damit zu kämpfen haben, daß so manche von uns mühevoll restaurierte Anlage von Unbekannten des Nachts mit deutschfeindlichen Parolen und aufgesprühten Hakenkreuzen geschändet wird, ist die überwiegende Reaktion der Nachbarn vor Ort bislang gut. Sie nehmen junge Menschen wahr, die friedlich und unauffällig etwas instand setzen. Das hinterläßt einen positiven Eindruck. Darüber hinaus veranstaltet die SJ deutsch-polnische Verständigungsseminare. Wylezol: Wir treffen uns mit polnischen Studenten in gemeinsamen Studiengruppen, um über Geschichte zu sprechen, so gelingt es uns mitunter, etwas Einfluß auf die offizielle polnische Geschichtsschreibung zu nehmen. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Polen Vorschläge, wie die schlesische Geschichte darzustellen ist, und schicken sie an Universitäten und Schulbuchverlage. Denn die meisten Schulbücher in Polen stammen noch aus der Zeit des Kommunismus und verbreiten eine üble deutschfeindliche Hetze. Bekommen Sie nicht von nationalpolnischer Seite Ärger? Wylezol: Die Polen sind insgesamt wesentlich nationaler als die Deutschen, dennoch sind wir wahrscheinlich noch zu wenige und operieren zu vorsichtig, um politischen Protest auszulösen. Uns kommt allerdings zugute, daß eine öffentliche Aufregung möglicherweise eine Diskussion über den deutschen Ursprung des heutigen Westpolen erzeugen würde, woran die nationalpolnische Seite natürlich kein Interesse hat. In unserer Situation muß man mit Bedacht und sehr geschickt vorgehen. Tatsächlich haben wir eher mit der deutschen Seite Probleme. Inwiefern? Wylezol: Wenn ich in Deutschland sage, ich komme aus Schlesien, heißt es: „Aha, Sie sind Pole!“ „Nein, als ich 1961 geboren wurde, war Schlesien noch deutsch, stand lediglich unter polnischer Verwaltung.“ Zack, schon gilt man als Rechter. Wenn man sich dann noch zur Geschichte und Kultur Schlesiens bekennt, ist man in der Regel endgültig als „Rechtsradikaler“ unten durch. Es ist bizarr, aber die meisten Leute machen sich nicht klar, daß wir Schlesier in Deutschland heute in der gleichen Situation sind wie lange Zeit in Polen: Wir müssen uns selbst verleugnen, denn wenn wir nicht lügen, müssen wir in Kauf nehmen, oft erheblich diskriminiert zu werden. Deshalb müssen die Vertriebenen heute auch in Deutschland politisch kämpfen. Wylezol: Zum Beispiel um unser geplantes Zentrum gegen Vertreibung. Das war eine Idee der Vertriebenen zur Erinnerung an unser Schicksal. Doch schließlich hat man in Politik und Kultur gemerkt, daß es eine zu gute Idee ist, um sie zu verhindern. Und so versuchen Politiker wie Wolfgang Thierse und Rita Süssmuth, uns diese Idee wegzunehmen, indem sie das Zentrum internationalisieren, sprich dem Phänomen der Vertreibung weltweit widmen wollen, was die Vertreibung der Ostdeutschen zu einer Episode unter vielen machen würde. Warum tragen Sie Ihren Protest nicht auf die Straße? Wylezol: Wir demonstrieren am Tag der deutschen Einheit in der Innenstadt von Düsseldorf mit schlesischer und deutscher Fahne und Transparenten wie „Breslau, Oppeln und Stettin sind deutsche Städte wie Berlin“. Leider kommen erfahrungsgemäß nicht mehr als 150 bis 200 Teilnehmer. Die Anreise ist zu weit. Man müßte überlegen, ob man dem künftig nicht durch Aktionen in mindestens drei deutschen Großstädten gleichzeitig begegnet. Wie reagieren die Düsseldorfer? Wylezol: Manche klatschen, andere beschimpfen uns, die meisten verstehen gar nicht, worum es geht, was wiederum die Gefahr birgt, daß die Leute uns dann einfach für Nazis halten. Wahrscheinlich sind wir zu deutsch für Deutschland. Früher fand die Demonstration der Schlesischen Jugend immerhin in Berlin statt. Wylezol: Dahin wollen wir auch wieder zurück. In Berlin müssen wir allerdings, anders als in Düsseldorf, mit Sicherheit mit der Antifa rechnen. Was im Prinzip nicht schlecht ist, weil damit die Aufmerksamkeit der Medien rapide ansteigt, die uns sonst nämlich im Zweifel lieber totschweigen, außer um gegen uns zu hetzen. Beispiel: 1993 bildete der Spiegel einen Fahnenaufzug der Schlesier neben der Brandruine von Solingen ab, um den „Vormarsch“ der „Rechtsradikalen“ in Deutschland zu illustrieren. Frustriert es Sie nicht maßlos, sich immer nur ducken zu müssen, nur weil Sie Ihr Menschenrecht auf Heimat in Anspruch nehmen? Wylezol: Natürlich, da entsteht viel ohnmächtige Wut, aber was sollen wir tun? Wir Vertriebenen sind doch politisch völlig allein, auch die Union steht schon lange trotz aller gegenteiligen Rhetorik nicht mehr hinter uns. 1990 haben Polen und Deutschland nicht wie Demokratien, sondern wie imperiale Großmächte des 19. Jahrhunderts über unsere Köpfe hinweg über Schlesien verhandelt. Ein europäischer Skandal! Dabei ist heute allen klar, daß Schlesien politisch nie wieder deutsch sein wird, dennoch bleibt es unsere Heimat, und wir werden weiter gegen jede Form der Entrechtung der Schlesier kämpfen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dies in Zukunft gemeinsam mit den polnischen Schlesiern zu tun. Andererseits gibt es keinen Grund zu hoffen, die deutschen Schlesier würden mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration verschwinden. Wir werden weitermachen von Generation zu Generation. Denn das deutsche Schlesien, und das vor allem ist das Schlesien, das die europäische Geschichte und Kultur kennt, finden Sie im polnischen Schlesien nicht mehr – das kann nur weiterleben in den Herzen der Schlesier in Deutschland. Moritz Schwarz Fotos: Fahnenaufzug der Schlesischen Jugend (2003): Verhaftung und Schikanen / Schlesische Jugend bei Volkstänzen: Gemeinschaftlich erlebte Freizeit Christoph Wylezol ist Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend. Geboren 1961 in Kattowitz/Oberschlesien, siedelte er 1983 in die Bundesrepublik aus, trat der Landsmannschaft Schlesien bei und wurde in der Arbeitsgemeinschaft „Junge Aussiedler“ aktiv. Trotz seiner 42 Jahre leitet er seit 2003 die Schlesische Jugend: „Mein Vorgänger war 23, unser jüngstes Vorstandsmitglied ist 18. Bei uns zählt nicht das Alter, sondern das Engagement. Ich bin vom Jugendamt ausgebildeter Jugendleiter, die sozialpädagogische Kompetenz ist also gewährleistet, und die jungen Leute haben mich schließlich mitgewählt.“ Schlesische Jugend e.V. ist der Jugendverband der Landsmannschaft Schlesien. Gegründet 1948 in Düsseldorf, hatte der Verband zeitweilig 150.000 Mitglieder, heute sind es noch etwa 30.000. Wer einmal beigetreten ist, kann bis zu seinem Lebens-ende Mitglied bleiben, weshalb nur etwa die Hälfte der Mitgliederheute unter 35 Jahren alt ist. Das reichhaltige Programm der Schlesischen Jugend reicht von Kulturpflege und gemeinschaftlicher Freizeitgestaltung bis zu Studienunternehmungen und politischen Aktivitäten. Kontakt: Krischelstr. 4, 02826 Görlitz, Telefon: 0175/1662603, www.schlesische-jugend.de weitere Interview-Partner der JF

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