Der Wilde von Gestern

Die politisch wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Musterschwiegersohn“ dürfte den CDU-Spitzenkandidaten für das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten nerven. Aber warum um alles in der Welt mußte Christian Wulff, der am 2. Februar im dritten Versuch endlich eine Regierung anführen möchte, auch ausgerechnet als erste bundesweite Parteifunktion die Mitgliedschaft im Fachausschuß Frauenpolitik anstreben? Immerhin erhielt Wulff Mitte der neunziger Jahre – zeitgleich zur Titelverleihung „Global Leader for Tomorrow“ durch das Weltwirtschaftsforum – den Ritterschlag, ein „Junger Wilder“ zu sein. Zur Erinnerung: Damit bezeichnete man jene jüngeren CDU-Provinzfürsten, die dem großen Oggersheimer Kohl etwas auf die Slipper traten. Neben dem 1959 in Osnabrück geborenen Wulff erlangten auf diese Weise noch Roland Koch, Peter Müller und Ole von Beust eine über ihren engeren Wirkungskreis hinausgehende Bekanntheit. Doch während seine Mitstreiter mittlerweile die Staatskanzleien in Wiesbaden, Saarbrücken oder Hamburg eroberten, muß Wulff immer noch die harte Oppositionsbank drücken. „Ich mach mein Ding“, so lautet das trotzige Motto des im November letzten Jahres wiedergewählten stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden, und dies ist auch der Titel seiner jüngst erschienenen offiziösen Biographie. Die wohlmeinende Feder des Bonner Publizisten Karl Hugo Pruys schildert darin den Aufstieg des Scheidungswaisen Wulff vom Vorsitzenden der Schüler-Union bis zum niedersächsischen Spitzenkandidaten 1994. Daß es mit der Sympathie für die Wilden ein Ende hat, wenn man selbst nicht mehr so jung ist, bewies Wulff, als ihm vor zwei Jahren ein Vorsitzender des Parteinachwuchses im Land in dieser Zeitung indirekt mangelndes Profil vorwarf. Nach Kohlschem Vorbild gab’s dafür die Höchststrafe: schlaffen Händedruck und Liebesentzug. Dabei war Wulff keinesfalls nur ein angepaßter Ja-Sager: So wetterte der damalige Jura-Student etwa auf dem Parteitag 1984 gegen die Versuche der Parteiführung, Spendenmanipulationen vergessen zu machen. Auch opponierte der überzeugte Katholik gegen den fragwürdigen Abtreibungskompromiß. Sogar dezidiert Konservative zollten dem „Merkelianer“ Wulff Respekt, da er als eines der wenigen CDU-Vorstandsmitglieder die Kohl-Regierung hart anging, die an den mitteldeutschen Enteignungen zwischen 1945 und 1949 festhielt. In dieser Täuschung sah Wulff einen „Glaubwürdigkeitsverlust der Union als Rechtsstaatspartei“, der 1998 die CDU-Niederlage in Bund und Land mitverursacht habe. Gelingt ihm nun in drei Wochen der Sieg wieder nicht, werden ihn seine innerparteilichen Gegner – die zwar schweigen, aber nicht ruhen – wohl in den Vorruhestand schicken. Da hätte Wulff dann viel Zeit, „seine Dinge“ zu machen; er bliebe ja noch „Leader for Tomorrow“ – von gestern.

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