Gegen die Langeweile helfen die Statistiken

Wahlkampf, gestern noch Europa, morgen schon Bundestag. Die Plakate auf Grünstreifen, an Bäumen und Lichtmasten („An Laternen werben“) sind nicht zu übersehen. Außer Guttenberg physiognomisch nichts Neues: Angela als Konfirmandin, Claudia als Honigkuchenpferd, Steinmeier als Staatsmann, von der Leyen als jugendliche Mutter, Schavan als entrückte Nonne, Oskar als guter Onkel, dazwischen der/die Direktkandidat/in, das (fast) unbekannte Wesen.

Im Angebot sind: Kraft, starke Familien (wo keine Kinder sind), saubere Energie, Leistung, Bildung, Arbeit. vier Millionen Arbeitsplätze verspricht die SPD, Jobs im Grünen verheißen die ökonomisch unbelasteten Grünen. Ums anspruchsvollere Wahlvolk, das Brutto von Netto unterscheiden kann, wirbt die FDP. Realdialektisch-widerspruchsfrei wie stets die Linke: Mit Gysis Konterfei geht es um „Reichtum für alle“, indem man (ohne Foto) die „Reichen besteuern“ will. Und: „Raus aus Afghanistan!“ Das hat Charme. Mäßige Spannung in Zeit, taz und FAZ: Steht die Demokratie am Abgrund, wenn die NPD mit 5,1 Prozent in den Thüringer Landtag einzieht?

Wir können beruhigt sein: Ehe eine Debatte über das Karlsruher Lissabon-Urteil stattfindet, wird ruckzuck das angemahnte Begleitgesetz durch drei Lesungen lanciert. Mutmaßliche Mehrheit: 90 Prozent. SPD-Verhandlungsführer Oppermann freut sich über den bayerischen Löwen als Bettvorleger. Wir erfreuen uns am Idealbild des demokratischen Konsenses, an der Allparteienkoalition zu Nutz und Frommen des Volkes, des Souveräns. Quertreiber allein die Linken, unwählbar für lupenreine Demokraten. Wir nicht. Jetzt, da die Grünen im Osten angekommen sind, vertrauen wir der großdeutschen Regenbogenkoalition: grün-lila-blaßblau, ohne AKWs, mit Windmühlen und Moscheen. Und: Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt.

Gegen die Langeweile des Wahlkampfs helfen Statistiken: 2008 war Deutschland mit nur 8,2 Kindern pro tausend Einwohnern erneut Europameister in der Gebärverweigerung. 844.000 Sterbefälle gegenüber 675.000 Geburten, inklusive Migrantennachwuchs. Von der Leyen hat zu früh gestrahlt, gegen die letale Ethnomorphose versagen gutgemeinte Rezepte. Kein Thema im Wahlkampf. In Deutschland interessiert die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Gut, die Renten sind sicher, dank der Migration: Im Juli 2009 wurden 2.539 Asylanträge gestellt, 41,6 Prozent mehr als im Juli 2008.

Herbert Ammon lebt als Historiker und Publizist in Berlin.

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