Verwirrung einst klarer Positionen

Die gegenwärtige wirtschaftliche, politische und geistige Großwetterlage fordert gebieterisch, über Versäumnisse, Irrtümer und offenkundige Fehlentscheidungen des establishment nachzudenken. Manager, Publizisten und Politiker gestehen offen ein, in der Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung „falsch gelegen“ zu haben, so der frühere US-Notenbankchef Greenspan. Wer hätte das gedacht!? Nach der Wendezeit von 1989 ist nun eine Zeit des „Wandels“ angebrochen. Doch „Wandel“ wohin? Was im Blick auf die Wende von 1989 häufig genug gesagt worden ist, trifft nun auch auf den Wandel unserer Zeit zu. Er bedeutet nicht taktische Anpassung an veränderte, angeblich nicht vorhersehbare politische Entwicklungen, sondern Sinnesänderung, radikale Umkehr von Irrwegen und illusionären Zielen und Anfang eines neuen sittlichen-religiösen Lebens. Es geht nicht um neue Wege, sondern um ein neues Ziel. Damit ist der Inhalt des Begriffs Buße angedeutet, der im Griechischen mit „Sinneswandel“ übersetzt wird. Nun ist in Deutschland seit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche vom Oktober 1945 sehr viel von Schuld und notwendiger Buße gesprochen und gepredigt worden — bis zum heutigen Tag. Als der Bußtag vor zehn Jahren zur Mitfinanzierung der Pflegesteuer abgeschafft worden ist, war an den vielzitierten Stammtischen (aber nicht nur dort) eine andere Erklärung zu hören: daß in Deutschland jeder Tag ein Bußtag und demzufolge kein besonderer Feiertag nötig sei. Tatsächlich herrscht heute ganzjährige Bußtagsstimmung, wobei die wahre Bußgesinnung sich nicht in privatem Verhalten, sondern in politischen Bekenntnissen ausdrückt. Wahre Bußgesinnung äußere sich, so die Meinung maßgebender Theologen, vor allem in einem „aufgeschlossenen und verständigungswilligen“ Verhältnis zum Kommunismus (Stalin eingeschlossen) und — nachhaltiger — in einem deutlichen Abstandnehmen von allem, was das Dritte Reich ermöglicht hat. Das ist sehr viel und umfaßt weite Strecken der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter. Die einseitige politische Orientierung in der Frage der Schuld und Buße unseres Volkes hat zu einer diabolischen Verwirrung einstmals klarer Positionen und Begriffe geführt und damit zu einem immer weiter um sich greifenden Verlust der kirchlichen Glaubwürdigkeit. Sie hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viele „Zeichen“ gesetzt. Wann endlich setzt sie ein Zeichen ihrer Umkehr?   Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin.

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