Schuld statt Gnade

Völker haben ihre Schicksalstage. Kaum einer ist so widersprüchlich und vielschichtig, so tragisch und glückserfüllt wie der 9. November, der Schicksalstag der Deutschen. Seine Tiefen und seine Höhe sind paradigmatisch für das 20. Jahrhundert, dessen Laboratorium Deutschland war, und symbolisieren dessen schicksalhafte Verwobenheit mit internationalen und geopolitischen Konstellationen. Vor neunzig Jahren, am 9. November 1918, endete der Erste Weltkrieg. Doch was heißt: endete? Der Erste Weltkrieg war der Beginn eines neuen Dreißigjährigen Krieges, der ein europäischer Bürgerkrieg war, welcher sich zum Weltbürgerkrieg auswuchs. Dieser internationale Großkonflikt hatte eine geo- bzw. machtpolitische und — seit der Oktoberrevolution 1917 — eine scharf ideologische Komponente. Deutschland befand sich in einer doppelten Zwei-Fronten-Situation: erstens zwischen den angelsächsischen und russischen Machtkolossen, zweitens zwischen den westlich-liberalen und den bolschewistischen Herrschaftsansprüchen. Am 9. November 1918, als Deutschland erstmals offiziell die Waffen streckte, dankte der Kaiser ab und die Novemberrevolution erreichte die Hauptstadt. Der Europäische Bürgerkrieg war nun auch ein innerdeutscher. Zu seinen Eruptionen gehörten mehrere kommunistische Revolten und der gescheiterte Hitler-Putsch vor 85 Jahren am 9. November 1923 in München. Der Aufstieg Hitlers ab 1930 ist ohne die Ost-West-Konstellation nicht zu denken: von Westen her die Schuldenfalle, die in der Weltwirtschaftskrise zuschnappte, von Osten die Drohung der Revolution. Hitler manövrierte Deutschland 1939/41 erneut in die tödliche Kriegsfalle — vorne Churchill/Roosevelt, im Rücken Stalin. Geradezu zwangsläufig stellten die Machtblöcke ihre Differenzen zurück und vereinten ihre Macht- und Herrschaftsansprüche gegen Deutschland. Mit dem Judenpogrom am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten überdies klargemacht, daß sie es mit der rassischen Interpretation des europäischen Bürgerkrieges ernst meinten. Das unter anderem führte zur grauenvollen Eskalation im Zweiten Weltkrieg, deren Höhepunkt der Massenmord an den Juden war. Deutschland zahlte danach mit einer totalen Niederlage, mit ungeheuren menschlichen, materiellen, territorialen Verlusten. Es zahlte mit der vierzigjährigen Teilung, die zugleich eine babylonische Gefangenschaft war, materiell und ideell. Von den Bewohnern des größeren, privilegierten Teilstaates wurde sie immer weniger und schließlich gar nicht mehr empfunden, von den Bewohnern des kleineren, sozialistischen Teilstaates um so mehr. Der Abend des 9. November 1989 wurde als ein wahres Wunder wahrgenommen. In der Realität bestand es darin, daß Rußland als der zweite Hauptakteur im Weltbürgerkrieg ideologisch ganz und machtpolitisch bis auf weiteres die Segel strich und seine deutsche Kriegsbeute freigab. Nun hätte sich ein humanes Gesetz bestätigen können und müssen: Wenn der Schuld die Buße und die Läuterung folgen, dann eröffnet sich die Aussicht auf Vergebung. Außerhalb dieses Gesetzes ist eine humane Existenz unmöglich. Deutschland hatte also auf nationale Machtambitionen verzichtet und sie den europäischen untergeordnet. Seine politische Form hatte es in einer Demokratie westlichen Zuschnitts gefunden. Antisemitismus ist hier in keiner Weise gesellschaftsfähig. Wo er sich dennoch äußert, liegen Ursachen wie auch Manifestation in der verfehlten Zuwanderung. Der 9. November 1989 setzte den hellen Akkord der Gnade, derer wir, so Thomas Mann in „Deutschland und die Deutschen“, alle so dringend bedürfen. Doch unsere Funktionseliten verstopfen sich die Ohren und legen beim 9. November den Akzent statt auf die Gnade auf die Schuld. Der Antisemitismus-Antrag, der im Deutschen Bundestag verabschiedet wurde und der bereits im Vorfeld zwischen den Fraktionen für heftigen Streit gesorgt hatte, ist doppelt überflüssig, weil er dessen aktuelle Hauptursache ignoriert. Die babylonische Gefangenschaft, die äußerlich beendet wurde, wird von innen her fortgesetzt. Die bundesdeutschen Politiker begreifen sich mehrheitlich als Funktionäre einer internationalen Zivilreligion, die der Gedächtnisforscher Jan Assmann dergestalt antizipiert hat, „daß in 1.000 Jahren der Holocaust ein absolut zentrales Element der globalen Erinnerung“ sein könnte, vergleichbar dem Tod Christi, und Deutschland eine „Via Dolorosa mit den Gedenkstätten der Todeslager als Leidensstationen“. Das sei keine Frage der Geschichte, sondern der „Gedächtnisgeschichte“, die durch globale Kommunikationsprozesse geschrieben werde. Die damit verbundene „narzißtische Kränkung“ der Deutschen sei der angemessene Preis für „den Fortschritt in der politischen Kultur“. Die Wahrheit ist: Es wäre das Ende Deutschlands als Subjekt, und die Kommunikationsprozesse, die dahin führen, sind der Reflex globaler Kräfteverhältnisse. Der internationale Bürgerkrieg, dessen Ende nun offiziell auf den 9. November 1989 datiert wird, geht auf andere Art weiter.  Der Schicksalstag schließt daher die Mahnung ein, gegen jede Art machtpolitischer und ideologischer Zumutungen wachsam zu sein!

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