Schulkleidung einführen?

Schulkleidung ist ein Baustein in der Erziehung zum „Wir“. Kinder müssen sich in Schulklassen einfinden, ohne sich ihre Mitschüler aussuchen zu können. Ihr Wohlbefinden und ihre Chancen dürfen nicht durch fehlende soziale oder finanzielle Möglichkeiten des Elternhauses oder die ethnische Abstammung bestimmt sein. Gegenseitige Achtung und Akzeptanz ist die Grundlage für ein vertrauensvolles Miteinander. Erst wenn sich auch sozial schwache Schüler in der Gemeinschaft sicher und geborgen fühlen, wenn alle ein Verantwortungsbewußtsein füreinander empfinden, sind sie vor Ausgrenzung sicher. Jeder hat das Recht auf seine Schwächen, ohne Gefahr laufen zu müssen, daß seine Mitschüler diese ausnutzen. Von der Persönlichkeit und dem pädagogischen Geschick des Lehrers hängt es ab, ob aus einer Ellenbogengesellschaft ein „Wir“ wird. Schulkleidung ist ein Baustein in der Erziehung zum „Wir“. Erst wenn Kinder es nicht mehr nötig haben, sich mit fetten Markenlogos oder supermodischem Outfit zu verkleiden, sind sie frei. Erst wenn die Kleidung bedeutungslos wird, hat ein kleiner Mensch die Chance auf seine eigene Identität. Nun kann er zeigen, wie er sich fühlt oder welche Kompetenzen er hat: Kinder müssen sich nicht vor Unterdrückung oder Ausgrenzung durch Modediktate fürchten. „Neue“ oder „Andere“ integrieren sich mühelos. Psychosomatische Krankheiten gehen zurück (kein Mobbing). Eltern sparen durch Schulkleidung, weil sie preiswert und gut ist. Die Gesamtausgaben für Kleidung reduzieren sich. Mütter haben es leichter, weil die Kinder morgens vor der Schule nicht mehr ihren Auftritt planen. Lehrer schätzen die angenehme Atmosphäre im Klassenraum. Ein solides Gemeinschaftsgefühl wächst und das sogenannte „Abziehen“ wird sinnlos. Fünf Jahre Erfahrung in Hamburg haben gezeigt, daß Schulkleidung ein Gewinn für alle Beteiligten ist. Die Schüler der R9a sind der beste Beweis. Karin Brose ist Studienrätin und hat einheitliche Schulkleidung an einer Schule in Hamburg eingeführt ( www.schulkleidung.com ). Einheitliche Schulkleidungen stoßen selbstverständlich beim Großteil der Schülerschaft auf Ablehnung. Und das zu Recht, da doch die Kleidung eines jeden Menschen ein individueller Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Die Schule soll auf das spätere Leben vorbereiten. Die Schüler müssen erkennen, daß der Stil ihrer Kleidung Teil ihres Auftretens und Wirkens auf ihre Mitschüler ist. Sie selbst müssen entscheiden, welche Kleidung zu ihnen paßt. Die Annahme, durch gleichmacherische Uniformierung der Schüler erreichen zu können, soziale Unterschiede zu überdecken, ist völlig falsch. Das Markenbewußtsein zeigt sich bei vielen Schülern nicht nur in der Kleidung, sondern auch bei der Auswahl der Schuhe, der Schultasche, der Armbanduhr, des Schmucks oder der Schreibausstattung. Die Schüler würden als Statussymbol auf andere Faktoren ausweichen, zum Beispiel auf ihr Mobiltelefon. Darüber hinaus ist das Leben der Schüler keinesfalls nur auf die Schule beschränkt. Für Markenklamotten bliebe nachmittags nach der Schule immer noch genug Zeit. Selbstverständlich wäre es ein zu begrüßender Nebeneffekt, wenn die weiblichen Schüler nicht mehr mit zu freizügigen Kleidungsstücken in die Schule kommen dürften. Dieses Problem läßt sich allerdings auch ohne Einheitskleidung, nämlich durch einfache Regeln, die das Tragen von zu freizügigen Kleidungsstücken verbieten, lösen. Ein besserer Umgang der Schüler untereinander kann nicht durch Einheitskleidung erreicht werden. Die Schule ist dafür da, daß die Schüler lernen miteinander umzugehen. Sie muß Werte vermitteln und erklären, daß es nicht der Preis der Hose ist, der den Wert und den individuellen Charakter eines jeden Menschen widerspiegelt. Im Leben nach der Schule gibt es nämlich glücklicherweise keine Einheitskleidung. Christopher Roßmann, Jahrgang 1986, ist Landesvorsitzender der Schüler Union Hessen ( www.su-hessen.de ).

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