Joachim Kuhs

 

Planloser Elefant

Wie der Elefant im Porzellanladen stellt sich die US-Armee bei der Belagerung des Imam-Ali-Schreins in der Schiiten-Hoch-burg Nadschaf an. Von zwei Optionen, die sie hat – die Macht im Irak den Ajatollahs zu überlassen oder kurzen Prozeß mit Fanatikern wie Muktada al-Sadr zu machen – kann sie sich für keine ganz entscheiden. Daß die mächtigste Streitmacht der Erde es wochenlang nicht schafft, einen Haufen islamistischer Paramilitärs zu entwaffnen, die sich „Armee des Mahdi“ nennen, darf deren Anführer schon als Erfolg verbuchen. Damit demontieren die Amerikaner ihre eigene Übergangsregierung – und geben Einpeitschern wie al-Sadr Auftrieb, die den Massen eine so vage wie griffige Vision bieten: den Gottesstaat nach dem Rezept ihrer iranischen Hintermänner. Dagegen scheint der Elefant noch immer keinen Plan zu haben, was aus dem Irak einmal werden soll. Während sich Strategen des Marine Corps bereits auf zehn Jahre Dauerkampf mit irakischen Aufständischen einrichten, treibt jede Granate, die rund um die schiitischen Heiligtümer detoniert, den Keil zwischen kraftprotzenden „Befreiern“ und mißtrauischen „Befreiten“ tiefer. Eine Erstürmung des Schreins von Nadschaf durch „ungläubige“ GIs könnte da leicht einen Volksaufstand auslösen. Dem will die US-Führung dadurch entgehen, daß sie die wenig kriegstaugliche irakische Nationalgarde vorschickt. Statt das Schiiten-Heiligtum durch US-Soldatenstiefel zu entweihen, läßt man also Iraker auf Iraker schießen. Die „Befreiung“ des Zweistromlandes durch die Bush-Krieger mündet direkt in den Bürgerkrieg.

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