Investition

George W. Bush ist ohne eine Mehrheit der Stimmen und damit – streng betrachtet – unter Mißachtung eines demokratischen Prinzips ins Amt gekommen. Er ist aus diesem Grund in besonderem Maße dafür sensibilisiert, wenigstens ex post bei den Bürgern seines Landes auf Akzeptanz zu stoßen. Im Management dieses Problems hat er das Glück des Tüchtigen gehabt. Vor dem 11. September 2001 waren lediglich 40 Prozent der Amerikaner mit dem Verlauf der Dinge in ihrem Staat zufrieden. Nach der Ausschaltung des Taliban-Regimes gerade einmal drei Monate später war die Zustimmungsrate bereits auf 70 Pro­zent emporgeschnellt. Auch danach hat der Präsident Gespür für die massenpsychologische Konjunktur an den Tag gelegt. Seine im Jahr 2002 erodierende Popularität vermochte er im Frühjahr 2003 durch den Blitzsieg über den Irak wiederherzustellen. Es kam ihm zugute, daß sich die Aversionen der Amerikaner nicht nur gegen den bemitleidenswert unterlegenen Kriegsgegner richten mußten, sondern auch die Feindbilder Frankreich und Deutschland die Nation hinter dem Sternenbanner und dem Mann im Oval Office einten. Als die Öffentlichkeit immer grimmiger rumorte, weil zwar die militärische Auseinandersetzung souverän gewonnen worden war, eine bezahlbare Friedensordnung ohne Blutzoll aber immer noch nicht in Sichtweite gerückt schien, brachte – wie in einem guten Drehbuch – die Festnahme des abgehalfterten Oberganoven die Menschen wieder auf gute Gedanken. Bush weiß, daß sich auch solche Festtagsstimmungen immer wieder sehr schnell verflüchtigen. Er hat zwar mit Osama bin Laden noch einen weiteren weltbekannten Bösewicht im Ärmel und darf darauf hoffen, daß dieser zu einem für die Präsidentschaftswahlen dieses Jahres günstigen Termin gleichfalls dingfest gemacht werden kann. Ansonsten drohen ihm aber langsam die Themen auszugehen. Neue Kriegsschauplätze lassen sich ad hoc nur schwer motivieren, und die notorischen Schurkenstaaten punkten durch sympathische Gesten freiwilliger Unterwerfung. Es ist daher verständlich, daß Bush den Blick von einer Erde, auf der seinem Land niemand Paroli bieten will und kann, abwendet und gen Himmel richtet. Natürlich geht es ihm dabei zunächst darum, wie weiland John F. Kennedy ein klein wenig Aufbruchsstimmung zu erzeugen, die ihm eine zweite Amtszeit bescheren könnte. Er dürfte aber über das Selbstbewußtsein verfügen, weiter in die Zukunft zu denken, zumal er sich über weitere Wahlen keine Gedanken machen muß. Die USA werden auch nach ihm vor der Aufgabe stehen, ihren Führungsanspruch psychologisch durchzusetzen. Sie können die eine Welt aber nur hinter sich bringen, wenn sich die Menschheit nicht mehr als allein, sondern fremden Lebensformen im Universum gegenüber fühlt. Diese müssen erst einmal gefunden werden. Das neue Weltraumprogramm ist in diesem Sinne eine Investition in eine amerikanische Zukunft der Welt.

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