Der Stoff der Tragödie

Nach dem Tode von Jassir Arafat war die westliche Welt optimistisch: Nun sei der Weg für einen Friedensschluß im Nahen Osten frei. Vergessen schien die bisherige Sicht, Premier Ariel Scharon sei das Haupthindernis bei der Lösung des palästinensisch-israelischen Konfliktes. Scharons Rückzugsplan aus Gaza verwandelte sich von einem strategischen Trick in eine handfeste Friedensinitiative. Und der neue Palästinenserführer Mahmud Abbas schien Picassos Friedenstaube täglich ähnlicher. Aber wie begründet ist dieser Optimismus? Kann eine jahrzehntelange oder gar jahrhundertealte systematische Erziehung zu Haß über Nacht aus den Köpfen dreier Generationen verschwinden? Die internationalen Medien ignorierten den Aufruf von Abbas, den "Kampf weiterzuführen", ebenso wie die Ablehnung der Hamas, ihren Terror einzustellen – ganz zu schweigen von den Hetztiraden der Hisbollah und der Mullahs in Teheran.

Man sollte im Vorfeld des Weihnachtsfestes keine düsteren Vorahnungen verbreiten – aber neben all den psychologisch schwer überwindbaren Hürden gibt es eine Handvoll schier unlösbarer Fragen: das Heimkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, die zukünftige Grenze und die Verbindung zwischen Gaza und dem Westjordanland in einem zukünftigen Palästinenserstaat. Man sollte sich nicht der Illusion verschreiben, es gäbe in der Geschichte keine unlösbare Konflikte, in denen zwei moralisch gleichermaßen berechtigte Positionen aufeinanderprallen. Seit Nietzsche wissen wir, daß daraus der Stoff der Tragödie gewebt wird.

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