Brauchen wir die Einheitsschule?

Das jetzige Schulsystem in Deutschland hat große Schwächen, die überarbeitet werden müssen. Dabei muß auch offen über die Schulstruktur diskutiert werden. Das traditionelle mehrgliedrige Schulsystem darf dabei keine heilige Kuh sein, zumal es längst nicht mehr nur dreigliedrig ist. Wenn man Förderschulen und andere Einrichtungen dazu nimmt, kann man fast schon von einem neungliedrigen System sprechen. Es muß sehr genau überlegt werden, ob es nicht sinnvoll ist, die Schüler in Deutschland länger gemeinsam lernen zu lassen. Denn wir sehen ja, daß beispielsweise die Untersuchungsergebnisse für die Grundschulen schon recht positiv sind. Darauf könnte man aufbauen, indem das gemeinsame Lernen zunächst bis zur achten oder neunten Klasse ausgedehnt wird. Das wäre sinnvoll, da Kinder, die länger gemeinsam unterrichtet werden, von der Unterschiedlichkeit der einzelnen Schüler profitieren. Durch ein verlängertes gemeinsames Lernen kann auch vermieden werden, daß man Ressourcen verschwendet, indem Kinder falsch einsortiert werden. Daneben ist die Frage, wie wir es vermeiden können, daß es weiterhin in unserem Schulsystem nur eine Durchlässigkeit nach unten gibt. Auf 40 Schüler, die vom Gymnasium über die Realschule in der Haupt- oder Förderschule landen, kommt ein Schüler, der den Weg nach oben geht und es beispielsweise von der Realschule auf das Gymnasium schafft. Das zeigt, daß es sich weniger um eine Durchlässigkeit handelt als vielmehr um ein Aussortieren. Wir brauchen keine Diskussion, ob das jetzige Schulsystem noch zu retten ist oder nicht. Wir brauchen eine Schule für alle, die eine Vielfalt von Strukturmöglichkeiten offenläßt. Wir müssen dabei zukunftsgerecht sehen, was wir von anderen Ländern lernen können und wie wir das mit unserer Schultradition verknüpfen können. Wilfried Wolfgang Steinert ist Vorsitzender des Bundeselternrates und Schulleiter der Waldhofschule in Templin. Die Pisa-Studie und auch schon einige andere ähnliche Studien vorher haben für Deutschland eindrucksvoll belegt, daß die Bundesländer um so schwächer abschnitten, je länger und je gründlicher sie ihr Schulwesen in den letzten Jahrzehnten „reformiert“ haben. Bayern und Bremen sind hierfür die beiden Extrembeispiele. Im Freistaat Bayern waren zudem gerade auch die schwachen Schüler wesentlich besser als in Bremen, wo inzwischen allerdings wieder mehrere Gymnasien entstehen. Schon die sogenannte BIJU-Studie (Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter) des Max-Planck-Instituts hatte vor längerer Zeit einen Lernrückstand von zwei Jahren zwischen Realschülern und Gesamtschülern im Fach Mathematik am Ende der Sekundarstufe ergeben. Die Entwicklung etwa der Comprehensive Schools in England und der Collèges in Frankreich zeigt ähnliche Befunde. In diesen Ländern gibt es seit langer Zeit sehr gut ausgebaute Privatschulsysteme, die gute Bildung gegen Geld anbieten. Das sollten wir in Deutschland gerade nicht anstreben. Pisa-Sieger Finnland mit vierzig Prozent Schulen unter 50 und nur drei Prozent mit über 500 Schülern und vollkommen anderen Rahmenbedingungen ist als Vergleich für uns nicht geeignet. Was wir in Deutschland brauchen, ist ein gut ausgestattetes, begabungsgerechtes gegliedertes Schulsystem mit hoher Durchlässigkeit. Dazu die notwendigen zusätzlichen Unterrichtsstunden, um Schüler zu fördern, die dies brauchen, und um besonders Begabten zusätzliche Angebote zu machen. Und Lehrer, die sich vorrangig dem Kerngeschäft Unterricht widmen können. Der Zugang zur weiterführenden Schule darf auf keinen Fall an sozialen Hürden scheitern. Hier müßten die einzelnen Bundesländer ihre Bildungsausgaben wesentlich erhöhen. Max Laveuve ist Vorsitzender des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz.

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