Keine ethische Frage

Wochenlang ist im Winter 2002 in allen Medien über die Stammzellforschung gestritten worden. Im Februar beschloß der Deutsche Bundestag mit knappem Ergebnis die sogenannte Stichtagsregelung. Danach dürfen ausgewählte Forscher mit embryonalen Stammzellen experimentieren, deren Ursprung vor dem 1. Januar 2002 liegt und die nicht in Deutschland entstanden sind. Man wollte dadurch verhindern, daß Embryonen speziell für die Forschung produziert werden. In Staaten wie den USA, Großbritannien oder Israel läuft die Stammzell-Forschung längst auf Hochtouren. Um beim erhofften pharmakologischen Durchbruch nicht leer auszugehen, beschloß die EU-Kommission nun ein großzügiges Förderprogramm. Das beinhaltet, daß Experimente, die nach deutschem Recht verboten sind, mit dem Segen der EU und sogar mit deutschen Geldern durchgeführt würden. Dagegen meldet die Bundesregierung nun Protest an. Österreich, Italien und Spanien könnten sich der Opposition anschließen. Nachdem die Europäer mit ihren Umweltsorgen den Markt schon seit Jahren gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel (GVO) gesperrt hatten, erklingt nun wieder die Stimme des Gewissens. Und immer sind es die Deutschen, von denen die Angst ausgeht. An der christlichen Ethik kann es nicht liegen. Denn jedes Jahr werden in Deutschland Hunderttausende von Embryonen im Zuge einer Abtreibung vernichtet – ganz legal. Und diese Abtreibungen geschehen nicht im Blastozystenstadium, wo die Stammzellgewinnung ausschließlich stattfindet, sondern bis zum dritten, bei schweren Mißbildungen sogar bis zum siebten Monat. Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Der höchste westliche Wert ist nicht das menschliche Leben, sondern die individuelle Freiheit. Im Interesse der Schwangeren darf also abgetrieben werden. Aber in wessen Interesse liegt die Stammzellforschung? Vorgeblich im Interesse der Kranken – aber wo sind diese Patienten? Wissen sie noch nichts von ihrem Glück – oder sind sie vielleicht noch gar nicht geboren? Das Individuum, das von der moralischen Übertretung profitieren soll, hat noch kein Gesicht. Die Hoffnungen an die neue Technik sind groß, doch die Forschung geht eher schleppend voran. Vieles, was anfangs möglich schien, rückt schon wieder in den Bereich der Science Fiction. Auch unter den Fachleuten gibt es Pessimisten, die mehr Schwierigkeiten sehen als produktive Ansätze. Hinzu kommt, daß immer wieder Forscher auftreten, die behaupten, das Potential der embryonalen Stammzellen, ihre „Totipotenz“, sei auch auf anderen Wegen – ohne Zerstörung von Embryonen – zu erreichen, und zwar schon in Kürze. Durch diese unklare Forschungslage entsteht in der Öffentlichkeit eine verständliche Unsicherheit. Unsicherheit aber ist das Einfallstor für Ideologen und Moralisierer, von denen Deutschland schon immer besonders viele hatte. Sie tun so, als hätte es die jahrzehntelange Abtreibungsdebatte nicht gegeben und werfen erneut die metaphysische Frage nach dem Wert des ungeborenen Lebens auf. Darum geht es aber längst nicht mehr. Nehmen wir an, ein Querschnittsgelähmter würde durch eine Stammzelltherapie wieder laufen können – bei Ratten ist das in diesen Tagen zum ersten Mal gelungen. Die Bilder würden durch alle Medien gehen. Wer würde dann noch Einspruch erheben, weil bei dem Verfahren Zellen verbraucht werden, die zuvor als Nebenprodukt einer künstlichen Befruchtung in flüssigem Stickstoff gelagert hatten? Konsequente Lebensschützer müßten es tun, denn nach deren christlichen Grundsätzen hat der Mensch nicht das Recht zu entscheiden, welches menschliche Leben mehr wert ist als das andere. Er müßte in Ehrfurcht vor der Schöpfung alles seinen Gang gehen lassen. Doch das Individuum zählt nach heutigen Maßstäben mehr als ein metaphysisches Prinzip. Das ist längst allgemeiner Konsens. Weil es kein Weltanschauungsstreit ist, bilden sich seltsame Allianzen. So hält die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Maria Böhmer, schon die Stichtagsregelung für „ethisch nicht vertretbar“ und teilt ihre Meinung mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), während Unionskollege Peter Hintze sowie die CDU/CSU-Sprecherin für Bildung und Forschung, Katherina Reiche, davor warnen, „komplexe (biologische) Vorgänge als Problem und nicht als Chance zu begreifen.“ Was immer aus dem Vorhaben wird, die Spezialisierung von Zellen nach Wunsch zu steuern und das so gewonnene Material zum „Auspolstern“ defekter Organe zu verwenden, Reiches Bedenken bleiben aktuell. Wollen wir Europäer auch in Zukunft jeden wissenschaftlichen Rückschlag nutzen, um unser Urteil bestätigt zu finden, daß früher alles besser war und es solche Probleme gar nicht gegeben hat? Es ist in der Tat philosophisch zu fragen, was dieser ganze Fortschritt bringt und ob die Menschen durch immer mehr Medizin wirklich gesünder werden. Nur vorwärts kommen wir durch solche Fragen nicht. Darüber sollte man sich im klaren sein. Durch seine genußvollen Rückzugsgefechte wird das „alte Europa“ immer mehr abgehängt.

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