„Wir wollten das Reich retten“

Freiherr von Boeselager, Sie haben im Frühjahr 1943 nicht nur selbst geplant, Adolf Hitler zu erschießen, sondern unterstützten unter Einsatz Ihres Lebens auch das Attentat Graf Stauffenbergs vom 20. Juli 1944. Wird der 20. Juli heute in Deutschland angemessen gewürdigt? Boeselager: Lassen Sie mich anhand eines Beispiels antworten: Während sich viele Politiker heute nur allzu gerne als Erben des 20. Juli darstellen, haben sie gleichzeitig zahllose Alteigentümer um die Rückgabe ihres von den Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg geraubten Besitzes betrogen. Wenn Sie bedenken, daß für die Männer des 20. Juli der Kampf gegen die Diktatur Hitlers gleichbedeutend war mit dem Kampf für die Idee des Rechtsstaates, so stellt dieses Verhalten eine Verhöhnung dar. An diesem Beispiel wird schmerzhaft deutlich, wie es tatsächlich um die Anerkennung des 20. Juli in Deutschland bestellt ist. Inzwischen besuchen Sie die Feierlichkeiten zum Jahrestag des 20. Juli nicht mehr. Boeselager: Die verantwortlichen Politiker haben mit diesem Verhalten nicht nur das Rechtsstaatsprinzip gebrochen, sie haben sich dazu auch der handfesten Lüge bedient, die Sowjets hätten den Verzicht auf Rückgabe 1990 zur Bedingung für die deutsche Einheit gemacht. Solange aber die Politiker den 20. Juli für ihre Zwecke instrumentalisieren, fahre ich nicht dorthin. Zeigen sich denn unsere Politiker wenigstens in politischer Hinsicht dem 20. Juli würdig? Boeselager: Nach den Vorstellungen der Männer des 20. Juli sollte das Deutsche Reich zu seiner historisch gewachsenen, ausgeprägt föderalistischen Struktur zurückkehren. Und darin steckt mehr als eine Staatsstruktur, darin steckt auch eine Idee von der Demokratie, nämlich der Gedanke der Subsidiarität. Das neue alte Deutsche Reich sollte also ein hohes Maß an demokratischer Struktur und Bürgerverantwortung sicherstellen. Also ist nichts dran an der verbreiteten Auffassung, die Deutschen hätten Rechtsstaat und Demokratie nach 1945 von den USA gelernt? Boeselager: Natürlich nicht, die Deutschen sollten wieder zu Staatsbürgern werden, wie vor der Diktatur. Doch angesichts dieses Zieles stellt das steigende Desinteresse der Deutschen an ihrem Staat heute einen Indikator dafür dar, daß unsere Politiker offenbar alles andere als gute Sachwalter des 20. Juli sind. Statt zu Staatsbürgern haben sie die Deutschen zu Konsumenten gemacht und statt unsere nationale Identität zu einer europäischen zu erweitern, betreiben sie mittels der EU lediglich Raubbau am Nationalstaat, sprich Abbau von Demokratie. Leider haben die Deutschen heute meist keine Vorstellung mehr vom religiösen Sinn ihres Lebens und von ihren Pflichten gegenüber dem Staat. Das erscheint mir sehr gefährlich. Warum haben sich die Männer des 20. Juli verpflichtet gefühlt, gegen Hitler zu handeln? Boeselager: Weil sie Deutschland liebten, Patrioten waren, von den Verbrechen Hitlers wußten und diese stoppen wollten. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann gab in einem Interview mit dieser Zeitung (JF 30/01) zu, daß es dem zeitgenössischen Gedenken an den 20. Juli vor allem um den „Aufstand des Gewissens“, nicht aber um das Motiv „Rettung des Reiches“ geht. Ist das zu trennen? Boeselager: Nein, das kann man nicht trennen! Es ging ganz entscheidend um die Rettung des Reiches – und zwar nicht des kleindeutschen Reiches von 1937, sondern des Großdeutschen Reiches mit Österreich, dem Sudetenland, dem Memelland, also Deutschland in den Grenzen von 1938. Wie begegnen Sie dem Vorwurf, die Männer des 20. Juli hätten nur an Deutschland, nicht aber an den Mord an den Juden gedacht? Boeselager: Es ging uns um die Menschenverachtung der Nazis allgemein, die Juden waren für uns eine Opfergruppe unter mehreren. Wir haben nicht „von den Juden“, sondern „vom Unrecht her“ gedacht. Schließlich wurde klar, daß Deutschland gar nicht mehr zu retten war – trotzdem hat man gehandelt. Und von welcher tiefen Sittlichkeit Stauffenberg, Tresckow und die anderen erfüllt waren, zeigt sich darin, daß ihnen klar war, daß sie, selbst wenn das Attentat gelingen sollte, als Verräter verfemt werden würden. Denn dann hätte es geheißen, hätte Hitler noch gelebt, hätten wir den Krieg noch gewonnen und säßen noch in Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Nein, sie hatten nichts zu gewinnen, es ging ihnen allein um ihre Verantwortung. Diese selbstlose Opferbereitschaft rechtfertigt sie gegenüber jeder Anklage. Sie sind 1936 Soldat geworden, warum? Boeselager: Eigentlich wollte ich in den diplomatischen Dienst, doch dann hat mich der Wehrdienst beim Reiterregiment Nr. 15 in Paderborn überzeugt, Offizier zu werden. Ihr Bruder, der später zum Soldatenmythos gewordene Reiterführer Georg von Boeselager, war damals bereits bei der Kavallerie. Boeselager: Er hatte sich von Anfang an für den Soldatenberuf entschieden. Was waren seine Beweggründe? Boeselager: Er liebte das Reiten über alles und war der geborene Soldat, mit einem bewunderswerten Sinn für Menschenführung, Bewegung im Gelände und Taktik. Ihr Großvater riet Ihnen 1936: „Es gibt Krieg, werde Soldat!“ Wäre der richtige Ratschlag nicht gewesen, „Werde bloß nicht Soldat, suche Dir etwas Sicheres“? Boeselager: Das kam nicht in Frage, denn wenn das Vaterland in Gefahr geriet, dann hätten die Boeselagers ihre Pflicht zu erfüllen. Ganz klar! Wie haben Sie das Aufkommen des Nationalsozialismus erlebt? Boeselager: Mit Skepsis. Viele junge Menschen waren damals von der Dynamik dieser Variante des Sozialismus beeindruckt, der die alten bürgerlichen Verhältnisse so erfolgreich aufrollte. Boeselager: Unsere Familie war konservativ und hindenburgtreu gesonnen und hatte Vorbehalte gegen die Nazis. Ich weiß nicht, was meine Eltern gewählt haben, aber ich vermute Deutschnational, also DNVP. Wir Kinder sind zwar zunächst HJ-Pimpfe geworden, aber sobald wir alt genug waren, wechselten wir in den deutschnationalen Jungstahlhelm über. Wie haben Sie den Kriegsbeginn 1939 erlebt? Boeselager: Nicht mit Begeisterung, aber in dem Glauben, dieser Krieg würde geführt, um den Angriff der Polen zu stoppen und das an Deutschland verübte Unrecht des Versailler Diktats zu tilgen. Als 1941 der Rußlandfeldzug begann, erlebten wir, wie viele Menschen sich dort über unseren Einmarsch freuten – Sie können sich nicht vorstellen, wie verhaßt die Kommunisten bei den Russen zunächst waren. Stellen Sie sich vor, einer unserer Spähtrupps kam mit 2.000 Gefangenen zurück! Lieber sich den Deutschen ergeben, als für Stalin kämpfen, das war vielfach die Devise. Diese Haltung wandelte sich erst, als im Rücken der Front die Verbrechen begannen. Wie haben Sie von diesen Verbrechen erfahren? Boeselager: Inzwischen war ich als Oberleutnant Ordonnanzoffizier bei Feldmarschall Günther von Kluge. Es gingen seltsame Meldungen ein, wie „fünf Zigeuner sonderbehandelt“. Wir begannen nachzufragen, schließlich stellte sich heraus, man hatte die Leute erschossen. Es wurde offenbar, daß Juden und Zigeuner im Rücken der Front ermordet wurden. Wir dachten natürlich noch nicht an Massenvergasungen. War Ihnen klar, wer dahintersteckte? Boeselager: Ganz klar – da gab es kein „Wenn das der Führer wüßte“! Das waren die Nazis, schändlich: Unsere Reichsregierung war eine Verbrecherbande! Das war ein Schlag ins Genick. Und mehr und mehr wurde auch deutlich, daß hinter dem Morden System steckte. Wie reagierten Sie auf das Reifen dieser Erkenntnis? Boeselager: Mit Orientierungslosigkeit: Mir war völlig unklar, wie man auf so etwas reagieren sollte. Ich war in einem Rechtsstaat großgeworden, und so war diese Erkenntnis zuerst kaum zu verarbeiten. Wie hat Ihr Bruder reagiert? Boeselager: Er war damals an anderer Stelle im Einsatz, wir trafen uns auch im Urlaub nicht, und es war natürlich nicht möglich, solche Dinge per Feldpost zu besprechen. Immer mehr wurde aber in Gesprächen mit Kameraden klar, daß Hitler ein Verbrecher war und Deutschland in den Abgrund führen würde. Irgendwann sprach mich Tresckow dann an, man wolle konkret etwas unternehmen. Bei einem Besuch der Heeresgruppe Mitte sollte Hitler von acht Offizieren erschossen werden, einer davon waren Sie. Boeselager: Ja, und auch mein Bruder gehörte dazu. Abgesichert sollte die Aktion durch Teile des Reiterverbandes „Boeselager“ werden. Der Reiterverband „Boeselager“ wurde 1943 von Ihrem Bruder aufgestellt, umfaßte zunächst 2.000 Mann und war auch dann noch in der Lage, Aufträge zu erfüllen, wenn im Schnee und Schlamm Rußlands alle Fahrzeuge steckenblieben. Warum waren die Männer Ihres Bruders bereit, für ihn durchs Feuer zu gehen? Boeselager: Weil sie ihm vollkommen vertrauten. Sie bewunderten ihn als Soldaten und waren überzeugt von seinen Führungsfähigkeiten, die sie immer wieder erlebten. Gab es im Gefecht eine Krise, war mein Bruder sofort zur Stelle, vorne bei seinen Männern. Er hatte einen Instinkt für die Situation, sah Gefahren und die Reaktion des Feindes häufig richtig voraus, und bei Eintreten einer Änderung hatte er meist schon einen passenden Gegenbefehl parat. Waren Georg und Sie bündisch geprägt? Boeselager: Im Jungstahlhelm bekam man etwas davon mit. War Georg ein Romantiker wie Graf Stauffenberg, der bekanntlich unter dem Einfluß Stefan Georges und des Geheimen Deutschland stand? Boeselager: Nein, er war eher unmittelbar veranlagt, so verband er etwa mit dem Reiten keinen romantischen Traum, er liebte einfach nur Pferde. Sind sich er und Stauffenberg einmal begegnet? Boeselager: Ich weiß es nicht. Haben Sie Graf Stauffenberg einmal persönlich getroffen? Boeselager: Ja, bei einem Besuch Stauffenbergs beim Stab der Heeresgruppe Mitte, allerdings nur zwischen Tür und Angel. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen? Boeselager: Ich war erschreckt, daß dieser schwerverwundete Mann den Anschlag ausführen sollte. Er konnte einem nicht einmal mehr die Hand geben, in Afrika hatte er eine ganz, die andere zur Hälfte verloren. Was strahlte er aus? Boeselager: Ich habe nichts Besonderes bemerkt. Natürlich habe ich ihn wegen seines Mutes bewundert. Hitler entging der von Ihnen im Frühjahr 1943 mitvorbereiteten Falle an der Front. Boeselager: Entgegen der ursprünglichen Planung hatte Himmler Hitler nicht begleitet. Kluge verwahrte sich gegen ein Attentat, wenn nicht auch Himmler ausgeschaltet werden würde, da er sonst einen Bürgerkrieg – Wehrmacht gegen SS – befürchtete. So haben Sie schließlich den Sprengstoff für Graf Stauffenbergs Bombe besorgt, mit der er am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler zu töten. Boeselager: Ich konnte das Material aus unseren Beständen ohne Probleme abzweigen. Ich entschied mich für zwei Sprengsätze mit Säure-Zünder, weil dieser absolut lautlos lief, und transportierte alles persönlich nach Berlin, wo ich es Helmuth Stieff übergab. Danach sind Sie an die Front zurückgekehrt, um mit Ihrem Bruder den Einsatz seiner Soldaten für den Staatsstreich mitzuorganisieren. Boeselager: Geplant war, aus der allgemeinen Rückzugsbewegung der Front heraus unsere Männer auf einem Feldflugplatz zu sammeln und nach Berlin einzufliegen, um die Zentrale der SS in der Prinz-Albrecht-Straße zu besetzen. Das heißt, es sollte direkt aus dem Gefecht – nach einem Ritt von etwa 200 Kilometern und dem Transport mit bereitgestellten Flugzeugen – zum Staatsstreich gehen. Wußten die Männer davon, daß sie für Graf Stauffenberg gegen Hitler kämpfen sollten? Boeselager: Nein, wir verließen uns darauf, daß sie meinem Bruder folgen würden, aber seien Sie gewiß, sie wären gefolgt. Ihre Männer hatten den Sammelort bereits erreicht, als der Befehl kam, statt die Flugzeuge zu besteigen, an die Front zurückzukehren. Boeselager: Ja, uns blieb nichts, als uns unauffällig wieder einzureihen. Am Abend erfuhren wir vom Scheitern des Versuchs. Warum sind Sie nicht verhaftet worden? Boeselager: Die Kameraden, die unsere Rolle im Widerstand kannten, haben sich alle erschossen, bis auf Fabian von Schlabrendorf und Helmuth Stieff, doch beiden ist trotz Folter kein Wort über die Lippen gekommen. Das hat uns gerettet, doch fiel Georg wenige Wochen später. Insgesamt habe ich drei Brüder an der Front verloren. Wie empfanden Sie das Scheitern des Aufstandes, den Tod Ihrer Kameraden? Boeselager: Fürchterlich, einfach fürchterlich! Das können Sie sich gar nicht vorstellen, man fühlte sich zutiefst verzweifelt, ließ alle Hoffnung fahren. Hitler würde Deutschland nun in den Abgrund führen und viele Millionen Deutsche mit sich reißen. Dann kam am 8. Mai 1945 das, was Sie unbedingt verhindern wollten, der Untergang des Deutschen Reiches. Boeselager: Schrecklich, man konnte sich nicht vorstellen, wie es danach noch weitergehen sollte. Für uns bedeutete das Scheitern Graf Stauffenbergs das unaufhaltsame finis germaniae. Stauffenberg verpflichtete sich am 3. Juli 1944 in einem Schwur, den Kampf um Deutschland notfalls auch nach der Besatzung, gegen die Alliierten fortzusetzen. Eine Tatsache, die bei allen offiziellen Gedenkfeierlichkeiten heute totgeschwiegen wird. Boeselager: Weil das völlig dem Zeitgeist widerspricht! Ich sprach ja bereits von der skandalösen Instrumentalisierung des 20. Juli durch unsere Politiker für ihre Zwecke. Dabei wäre es dringend notwendig, sich auch auf diesen Teil des Vermächtnisses Stauffenbergs zu besinnen, damit Deutschland künftig wieder eine Rolle seiner Bedeutung gemäß als Macht in Mitteleuropa übernimmt. Freiherr Philipp von Boeselager ist Teilnehmer des 20. Juli und Bruder des berühmten Reiterführers Georg von Boeselager. Der deutschnationale Offizier plante zunächst gemeinsam mit Bruder Georg, Hitler zu erschießen, besorgte dann die Bombe, mit der Graf Stauffenberg den Diktator zu töten versuchte, und organisierte schließlich, erneut zusammen mit seinem Bruder, den Marsch des Reiterverbandes „Boeselager“ auf Berlin. Zuvor kämpfte der 1917 auf dem Stammgut Heimerzheim bei Bonn geborene Sproß einer jahrhundertealten rheinischen Adelsfamilie in Frankreich und Rußland – fünfmal wurde er verwundet. Als Ordonnanzoffizier Generalfeldmarschalls Günther von Kluge war er schließlich im Stab der Heeresgruppe Mitte eingesetzt, wo Henning von Tresckow – neben Graf Stauffenberg im Berliner Bendlerblock – das zweite Zentrum des militärischen Widerstandes gegen Hitler organisierte. Die Standhaftigkeit seiner Kameraden rettete ihn vor den Fleischerhaken in Plötzensee. Nach seiner Versetzung ins Oberkommando des Heeres (OKH) im August 1944 beendete der Major den Krieg kämpfend als Regimentskommandeur in Ungarn. Von den Briten interniert, wurde der Ritterkreuzträger im Juli 1945 entlassen. Er studierte Forstwirtschaft, wurde Mitglied der CDU und diente als Oberstleutnant der Reserve bei der Bundeswehr. Das Angebot, ein Mandat im ersten Deutschen Bundestag zu übernehmen, schlug er aus, statt dessen bewirtschaftete er ein weiteres Stammgut der Familie in Kreuzberg/Ahr, wo er heute noch lebt. Mit Blick auf die Euthanasie in der NS-Zeit verließ er nach dem Einknicken der Union in der Frage des Abtreibungskompromisses aus Protest die Partei: „Denn das Recht auf Leben zählte zu den zentralen Zielen, für deren Wiederherstellung die Männer des 20. Juli fielen.“ weitere Interview-Partner der JF

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles

CATCODE: Article_Interview