Burgherr

Auf der Burg Jagsthausen bei Reutlingen residiert Roman Herzog und genießt das Glück der späten Liebe zu seiner neuen Gemahlin, der Freifrau Alexandra von Berlichingen. Man pflegt die Künste und empfängt Gleichgestellte. Man erfreut sich an guten Zwecken, die man mit seinem oder ihrem Namen veredeln kann. Man reist in der Welt umher, läßt sich bedienen und sieht anderen Menschen aufmerksam bei der Arbeit zu. In solch einem Ambiente können herrschaftliche Gedanken über die Zukunft des Sozialstaates gut reifen. Roman Herzogs Umgang mit Kreisen, die es schon seit langen Generationen gewohnt sind, auf andere herabzublicken, verleiht seinem Auftreten eine Souveränität, die ihm früher nicht zu eigen war. Es ist ihm anzumerken, daß er sich nur noch für das Gemeinwesen und die es tragenden Werte verantwortlich fühlt, nicht aber für die Menschen, aus denen es sich zufälligerweise zusammensetzt. So lange er ein öffentliches Amt bekleidete, mußte er den leidigen Spielregeln der Demokratie genüge tun und dem Plebejer nach dem Munde reden. Diese Last ist nun von ihm gewichen. Wo schon ein legendärer Burgherr den Zeitgenossen trotzte, findet auch ein Roman Herzog die Kraft, nicht in die Weichheit des Alters zu verfallen. Statt dessen mögen es unbequeme Fragen sein, die ihn umtreiben: Ist es nicht so, daß er nie die Hand aufhalten mußte und dennoch seine zahlreichen Lebensziele erreicht hat? Warum nehmen sich die viel zu vielen draußen im Lande nicht ein Beispiel an ihm, anstatt immer nur vom Staat etwas zu fordern? Natürlich mag es so sein, daß die allermeisten, die nur auf sich selbst gestellt sind und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, in diesem Unterfangen scheitern – wahrscheinlich sogar früh und kläglich. Ist aber nicht genau so und nicht anders das Leben? Muß man denn wirklich auf einer traditionsreichen Burg leben, um zu erkennen, daß die Geschichte eine Geschichte erfolgloser Klassenkämpfe ist? Daß die Herren zwar manchmal wechseln, die Herrschaft aber bleibt? Roman Herzog weiß als Grundrechtsexperte zudem, daß die durch die Verfassung statuierte Freiheit des Einzelnen es nicht gerade erleichtert, ihn für die Erwerbsgesellschaft zu disziplinieren. Immer noch ist dies in der freien Marktwirtschaft die Kehrseite der Aufhebung der Leibeigenschaft. Erst langsam keimt die Hoffnung, daß die Existenzangst der Massen ein Ausmaß erreicht, das zum selbständigen Gehorsam und zur Einsicht in die berechtigten Lebensbedürfnisse der Bessergestellten zwingt. Bislang waren es die Ex-Sozialdemokraten unter Gerhard Schröder, denen am ehesten zugetraut werden konnte, die Reform unseres Gemeinwesens in diese Richtung zu treiben. Die Union schien hier, verleitet durch ihre Oppositionsrolle, auf billigen Populismus zu setzen. Mit der Herzog-Kommission hat sie jedoch in Erinnerung gerufen, daß auch sie eine Partei all jener ist, die den Abbau des Sozialstaates nicht fürchten müssen.

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