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Geschichte der DDR: Wehe dem, der beim Bautzen-Forum falsch denkt

Geschichte der DDR: Wehe dem, der beim Bautzen-Forum falsch denkt

Geschichte der DDR: Wehe dem, der beim Bautzen-Forum falsch denkt

Bautzen-Forum: Das gefürchtete Zuchthaus Bautzen, "Gelbes Elend" genannt, steht sinnbildlich für DDR-Unrecht.
Bautzen-Forum: Das gefürchtete Zuchthaus Bautzen, "Gelbes Elend" genannt, steht sinnbildlich für DDR-Unrecht.
Das gefürchtete Zuchthaus Bautzen, „Gelbes Elend“ genannt, steht sinnbildlich für DDR-Unrecht. Foto: picture-alliance / dpa | dpa
Geschichte der DDR
 

Wehe dem, der beim Bautzen-Forum falsch denkt

„Kontrolle“ und „Zugriff“: Das 36. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung gab sich kämpferisch. Vom ursprünglichen Anliegen der DDR-Opfer ist wenig geblieben. Dafür regiert der Zeitgeist ungeniert.
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Seit 1990 findet jährlich das Bautzen-Forum statt, veranstaltet von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Zeitzeugen und Wissenschaftler richten den Blick auf das SED-Regime, insbesondere auf Repression und Aufbegehren in der zweiten deutschen Diktatur. So jedenfalls die Gründungsabsicht. Das gut besuchte 36. Bautzen-Forum fand am 7. und 8. Mai statt. Überschrieben war es mit „65 Jahre Mauerbau – Grenzen überwinden“, wobei laut Ankündigung auch ausdrücklich „die Mauern in den Köpfen“ zur Sprache kommen sollten, „die bis heute unser Denken, Erinnern und Zusammenleben prägen“.

Den Besuchern, die sich am Veranstaltungsort, dem Gemeindehaus der Bautzner St. Petri-Kirchgemeinde drängten, wurden allerdings nur sehr bedingt historisch-sachliche Reflexionen geboten. Niemand erwartet auf einer parteinahen Veranstaltung Lob für den politischen Gegner. Aber hier geriet der – von vornherein intendierte und als Idee zu begrüßende – Brückenschlag in die unmittelbare Gegenwart zur politischen Beschimpfung, Ausgrenzung und Feindbildsuggestion vom feinsten.

Von „verlorener Kontrolle“ und der Notwendigkeit, mittels bildungspolitischer Einflussnahme „Zugriff“ zu haben – die Worte sind tatsächlich gefallen – war die Rede. Nicht zuletzt ein Affront insbesondere gegenüber den zahlreichen Teilnehmern, die in der DDR verfolgt und inhaftiert waren. Das ursprüngliche Anliegen des Bautzen-Forums trat, wie auch schon in den vergangenen Jahren, in den Hintergrund.

Bautzen-Forum rückt „Mauer in den Köpfen“ ins Blickfeld

Bereits der Grußwort- und Eröffnungsbereich wurde reichlich für Positionierungen genutzt. Matthias Eisel, ehemaliger Leiter des Landesbüros Sachsen der FES, jetzt hier als Vertreter des Bautzen-Komitees, arbeitete sich daran ab, dass die AfD „Stimmung mache“ mit einem angeblich guten Verhältnis der Sowjetunion zur DDR, was ihm unverständlich sei. Er als ehemaliger DDR-Bürger könne sich nicht an eine entsprechende Nähe erinnern. Woraus schöpften heutige „Russland- und Putin-Verehrer“? Eisel baute damit den sattsam bekannten Popanz einer bedingungslos an der Seite der gegenwärtigen russischen Politik stehenden AfD auf.

Als Vertreterin des Sächsischen Landtags sprach die SPD-Abgeordnete Laura Stellbrink, die erklärte, den „Feinden der Demokratie“ könne man nur geschlossen begegnen, das Parteibuch sei dabei egal. Ganz egal dann doch nicht, wie aus ihren sonstigen Ausführungen hervorging. In Ungarn sei nach 16 Jahren gerade eine Diktatur abgesetzt worden. Dass es hier hakte, bemerkte sie selbst und verbesserte zu „abgewählt“, womit die Aussage nicht mehr nur falsch, sondern auch noch unsinnig wurde.

Zurück beim Thema des diesjährigen Bautzen-Forums, den „Mauern in den Köpfen“, bemerkte Stellbrink, dass die „ostdeutsche Perspektive“ noch immer zu kurz käme, womit der auch den Rest der Veranstaltung prägende Grundtenor angestimmt war: Der deklassierte, etwas dümmliche und daher öfter auch  seltsame politische Positionen vertretende, von der DDR oder ihrem Nachhall geprägte Mitbürger bedarf einer führenden Hand.

Zeitzeugin hinterlässt nachhaltigen Eindruck

Den einzigen längeren Vortrag des diesjährigen Bautzen-Forums hielt Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. In 15 mitunter zugespitzten Thesen erweiterte er die Perspektive auf „die Mauer“, etwa, indem er auf die innerdeutsche Grenzschließung von 1952 verwies oder auf Verflechtungen der Ost- und Westberliner Gesellschaft sowohl vor als auch nach dem 13. August 1961. Hochmuth streute Anekdotisches ein wie Geschichten von DDR-Grenzsoldaten, die Zettel über die Mauer warfen, mit denen sie um Zigaretten oder nahtlose Strümpfe baten – die sie auch bekamen, ebenfalls per Wurf über die Mauer.


Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen haben sich, so Hochmuth, in der Zeit der Trennung verfestigt. Für die DDR-Bevölkerung habe der Mauerbau kurzzeitig eine politische Liberalisierung zur Folge gehabt. Aber auch Hochmuth lenkte zum Ende seiner anregenden Ausführungen ins Fahrwasser der Veranstaltung ein. Anknüpfend an die Arbeit von Stefan Mau, der nicht mehr von einer Ost-West-Angleichung in Deutschland ausgeht, erklärte Hochmuth, damit könnte man an sich ja leben, wenn es denn nicht die „demokratische Kultur beschädigen“ würde.

Dem Vortrag folgten vier Podien über die Frage von „Gehen oder Bleiben?“ in der Diktatur, die Erinnerung an die Teilung, die mit der Teilung verbundenen „transgenerationalen Folgen“ und die Überwindung der „Mauer in den Köpfen“. Einen nachhaltigen Eindruck dürfte die Zeitzeugin Gabriele Zimnak hinterlassen haben. Eloquent schilderte die Lehrerin, die ihre Kinder nicht in der DDR aufwachsen lassen wollte, den Kampf um eine legale Ausreise. Immer wieder stellte die in Halle an der Saale lebende Familie, unter Berufung auf die Schlussakte von Helsinki, Ausreiseanträge, die – stets nur mündlich – abgelehnt wurden.

Zerknirscht wegen AfD-Anwesenheit bei Jahrestagen

Wegen konstruierter bzw. absurder Vorwürfe wie „Verbindungsaufnahme“ und  „Übermittlung von Nachrichten“ war Zimnak schließlich mehrere Jahre inhaftiert, bevor sie von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Einen hohen Preis habe die Familie bezahlt, aber es nicht bereut, erklärte die überzeugte Katholikin selbstbewusst.

Aufmerksam gemacht wurde auf den Podien auf unterschiedliche, auch nicht politische Fluchtgründe und darauf, dass die innerdeutsche Grenze in der historischen Wahrnehmung stark von der Berliner Mauer dominiert wird. Ansonsten war zu erfahren, dass Silke Klewin, Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, überlegt, im Falle einer AfD-Regierung das Land zu verlassen. Christian Stöber, Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund konnte berichten, dass es seitens der „rechten Szene“ auf seine Einrichtung „zum Glück“ noch keine „Angriffe wie auf KZ-Gedenkstätten“ gebe. Susanne Muhle von der Stiftung Berliner Mauer musste zerknirscht einräumen, bei Jahrestagen sei „die AfD-Fraktion natürlich vor Ort“.

Alexander Leistner, Vertreter einer Soziologie-Professur in Lüneburg, möchte einen „Internetführerschein Ü50“ einführen, da ansonsten Nutzer wie „Horst1953“ – wohl ein fiktiver Beispielname – weiterhin öffentlich Unfug in die Welt setzen könnten, einfach so. Wie bestellt, meldete sich zum Schluss eine Bautznerin aus dem Publikum zu Wort, die den vielen Westdeutschen dankte, die „Demokratie und Bürgertum hierher bringen“ würden. Ein Schauspiel? Eine Parallelwelt? Nein, O-Töne vom 36. Bautzen-Forum.

Aus der JF-Ausgabe 22/26.

Das gefürchtete Zuchthaus Bautzen, „Gelbes Elend“ genannt, steht sinnbildlich für DDR-Unrecht. Foto: picture-alliance / dpa | dpa
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