HAMBURG. Der Spiegel hat mehrere Bilder aus seiner Berichterstattung über den Irankrieg entfernt, nachdem unabhängige Gutachten KI-Manipulationen nachgewiesen hatten. Betroffen sind Aufnahmen eines angeblichen iranischen Flugzeugträgers, einer Explosion in Teheran sowie Porträts des neuen Obersten Führers Modschtaba Chamenei neben seinem Vater Ali Chamenei. Die Fotos waren über das Agenturnetzwerk von SalamPix verbreitet worden, einem lokalen Anbieter, der seine Inhalte an die französische Agentur Abaca Press liefert. Von dort gelangten sie in die Datenbanken deutscher Medien, darunter Zeit, Süddeutsche Zeitung, WDR, Stern, Deutschlandfunk, Deutsche Welle, Welt, taz und B.Z.
Die forensische Analyse des deutschen Unternehmens Neuramancer ergab bei fünf Verdachtsfällen klare Hinweise auf KI-Eingriffe. Beim Bild des Flugzeugträgers wiesen unlogische Schatten und strukturelle Unstimmigkeiten auf eine vollständige Generierung hin. Bei der Explosionsaufnahme aus Teheran fanden sich in den Metadaten Spuren des KI-Tools Flux 2, was auf nachträgliche Bearbeitung hindeutet. Ein angebliches Historienfoto iranischer Schulmädchen aus dem Jahr 2022 erwies sich hingegen als authentisch. Zwei weitere Aufnahmen – ein Vorschaubild von Ali und Modschtaba Chamenei sowie ein Botschaftsgebäude in Niger – gelten laut Gutachten mit hoher Wahrscheinlichkeit als KI-generiert.
Agenturen und Zeitungen reagieren sofort
Die Bilderkette begann bei SalamPix, einer im Iran aktiven Agentur, deren Arbeitsweise noch ungeklärt ist. Abaca-Press-Chef Jean-Michel Psaila bestätigte auf Anfrage des Spiegels, dass ein iranischer Fotograf ungekennzeichnetes Material von einer Plattform der Revolutionswächter in den Agenturpool eingespeist hatte. Die Revolutionswächter unterstehen direkt dem iranischen Regime und verfügen über eigene Geheimdienststrukturen. Der Fotograf bestritt, selbst KI-Tools eingesetzt zu haben, räumte aber ein, die Herkunft der Dateien nicht ausreichend geprüft zu haben. Kontaktversuche des Hamburger Magazins zu SalamPix blieben bisher erfolglos.
In Deutschland reagierten die Agenturen umgehend auf die Vorwürfe. Die dpa-Bildagentur Picture Alliance blendete alle SalamPix-Inhalte aus ihren Datenbanken aus und leitete eine interne Klärung ein. Imago Images sperrte den Zulieferer mit der Begründung, dieser erfülle nicht die nötigen Qualitätsstandards. Die Agentur ddp verschickte eine sogenannte Kill Notice, um die weitere Nutzung der Bilder durch Medienkunden zu unterbinden. Bereits zuvor hatte das niederländische ANP rund 1.000 SalamPix-Fotos zurückgerufen, nachdem eigene Experten Auffälligkeiten festgestellt hatten.
„Spiegel“ räumt Fehler ein
Der Spiegel räumte ein, im Redaktionsprozess „Fehler gemacht“ zu haben. Künftig sollen Bildlieferungen aus Krisenregionen strengeren Kontrollen unterliegen. Die Redaktion verwies auf ihre internen KI-Richtlinien, die fotorealistische Generierung oder Bearbeitung von Nachrichtenbildern explizit verbieten. Trotz dieser Vorgaben war ein manipuliertes Agenturfoto kurzzeitig auf Spiegel Online erschienen, bevor es nach einem Leserhinweis ausgetauscht wurde. Dieser Vorfall wird ebenfalls aufgearbeitet.
Hintergrund des Problems ist die zunehmende Verbreitung hochwertiger KI-Bilder, die selbst für geschulte Redaktionen schwer zu identifizieren sind. Während leichte Retuschen in der Branche üblich seien, berge generative KI die Gefahr sinnentstellender Veränderungen oder hinzugefügter Informationen, hieß es seitens der Redaktion. Man wolle das Risiko durch Schulungen und technische Tools minimieren.
JF nicht betroffen
Die Aufklärung des Falls gestaltet sich schwierig, da SalamPix keine Kooperation signalisiert. Ungeklärt bleibt, ob die Manipulationen gezielt zur Desinformation eingesetzt wurden oder auf nachlässige Qualitätskontrollen zurückgehen. Die Agentur Abaca Press, die das Material an internationale Partner wie Reuters, Getty und ANP weiterleitete, verteidigte zunächst ihre Zusammenarbeit mit SalamPix.
Die betroffenen Artikel wurden mit einem Transparenzhinweis versehen. Der Spiegel betonte, dass alle identifizierten Fälschungen aus dem Online-Angebot entfernt wurden. Printausgaben, in denen die Bilder möglicherweise erschienen sind, werden nicht nachträglich korrigiert. Auch die JUNGE FREIHEIT nutzt Agenturen, allerdings keines der fraglichen Bilder. (sv)







