Herr Brendel, was ist an Ihrem Buch „Medienfuzzi: Alles außer woke“ so heiß, daß der Verlag es wie eine heiße Kartoffel fallengelassen hat?
Oliver Brendel: Das frage ich mich auch, zumal er es war, der die Idee zu dem Buch hatte. Ich bin also nicht etwa mit einem Skript unterm Arm hausieren gegangen, als wäre es Sauerbier.
Eigentlich hätte es am 20. Oktober erscheinen sollen.
Brendel: Hach, mein Geburtstag, das wäre zu schön gewesen! Für mich war das wegen dieser Koinzidenz fast schon ein spirituelles Ding. Aber dann hieß es erst, das Erscheinen verzögere sich und plötzlich das Projekt sei gestoppt.
Warum?
Brendel: Der Verleger sei in die USA geflogen – und hatte dabei leider Zeit, das Manuskript zu lesen.
Aber gab es denn zuvor kein Exposé sowie einen Austausch zwischen Autor und Verlag während der Arbeit?
Brendel: Doch klar, und natürlich gab es auch Änderungsvorschläge, die aber stets zur allseitigen Zufriedenheit gelöst wurden. Daher sind, nach allem was ich weiß, die Verlagsmitarbeiter über die Entscheidung auch nicht gerade glücklich.
Brendel: „Frechheit gegenüber den Mächtigen ist die Pflicht der Satire“
Wo lag das Problem?
Brendel: Der Verleger hat Sorge, mit Klagen überzogen zu werden. Er findet das Buch auch nicht gut, es sei voller Beleidigungen und Zoten.
Letzterem ist zuweilen nicht zu widersprechen.
Brendel: Na ja, Sie wissen schon, daß es Satire ist?
Ist bekannt.
Brendel: Also, was hat man denn erwartet? Zumal der Verlag mein Programm ja kennt, deshalb ist er schließlich auf mich zugekommen.
Friedrich Merz etwa bescheinigen Sie eine „Muschi-Gedächtnis-Frisur“.
Brendel: Ach, völlig harmlos! Halb Deutschland nennt ihn „Fotzenfritz“, und woher kommt das? Vom Titanic-Magazin, dem vom Mainstream verehrten Zentralorgan der deutschen Satire. Oder schauen Sie nur mal fünf Minuten Böhmermann oder erinnern Sie sich, wie er für sein „Ziegenficker“-Gedicht als Held gefeiert wurde!
Sie können auch die jüngste Bambi-Verleihung nehmen, wo der Ruf eines Preisträgers „Fick die AfD!“ mit tosendem Applaus goutiert wurde. Es erzeugt allerdings einen falschen Eindruck, mein Buch auf einige schlüpfrige Stellen zu reduzieren, und vor allem verkennen solche Vorwürfe, wie die Figur des Medienfuzzi angelegt ist.
Nämlich?
Brendel: Ursprünglich war er eine Satire auf den Typus Medienmanager, den ich im Laufe meiner Karriere beim Privatfernsehen kennengelernt habe, also ein alter weißer Mann und Sexist. Ohne gelegentliche Ausflüge unter die Gürtellinie ist die Figur ergo nicht authentisch. Und was den Vorwurf der Beleidigung angeht: Frechheit gegenüber den Mächtigen erachte ich als die Pflicht der Satire.
„Ich habe ja sogar einmal die Grünen gewählt“
Eigentlich ist der Langen Müller Verlag aber doch für sein politisch mutiges Programm bekannt, Stichwort: Thilo Sarrazin, Norbert Bolz oder Gloria von Thurn und Taxis.
Brendel: Richtig, und ich betrachte mich weiterhin als großen Freund des Verlags. Übrigens bin ich auch dem Verleger nicht gram, obgleich ich ihm mehr Mut gewünscht hätte. Schließlich ist das Buch dank des Unternehmers Thomas Eglinski, der sich als Fan meiner Show herausgestellt hat, nun doch noch erschienen. Wobei uns Langen Müller auch unterstützt hat, dessen wunderbaren Mitarbeitern ich nochmals herzlich danke!
Nein, den Vorwurf mache ich nicht dem Verleger, sondern den ultrabösen Gutmenschen, den politischen Schergen der Bundesinsolvenz Deutschland und ihren verkniffenen Schreibknechten von den „Qualitätsmedien“, vor allem den öffentlich-verächtlichen Gebührenschändern. Denn das ist das eigentlich Alarmierende meines Falls: Daß wir schon so weit sind, daß es selbst ein so couragierter Verlag wie Langen Müller nicht mehr wagt, ein Buch wie meines zu verlegen – das nun eigentlich jeder lesen sollte, um zu erfahren, was in Deutschland bereits nicht mehr geht.

Was „geht denn nicht mehr“, was steht nun eigentlich in „Alles außer woke“?
Brendel: Luisa Neubauer würde es wohl empört den Aufstand des toxischen Patriarchats nennen. Dabei ist es im Grunde nur eine humorvolle Bestandsaufnahme des größten Problems unseres Landes: Nämlich, daß nichts mehr einen Sinn ergibt – sei es die Migrationspolitik, die Energiepolitik, die Wirtschaftspolitik, ebenso wie das Verhältnis zu Rußland. Daß Männer auch Frauen sind, ergibt keinen Sinn, 72 Geschlechter ergeben keinen Sinn und auch nicht, jeden und alles als „Nazi“ zu begiften. Keinen Sinn ergibt auch der Fall Wolfram Weimer – der eigentlich schon so weit zurücktreten müßte, daß er über den Rand der Erdscheibe stürzt.
Kurz, ich würde mir so sehr wünschen, mal wieder etwas zu hören oder zu lesen, bei dem ich mir denke: Ja, das ist nachvollziehbar, logisch und sachlich! Und so seltsam es klingen mag, aber im Grunde ist mein Satirebuch ein Beitrag dazu, daß die Dinge wieder ernsthaft und vernünftig werden. Dazu gehört auch, daß endlich Schluß ist mit der Heuchelei – denken Sie etwa an die jüngste Rede des Bundespräsidenten zum Jahrestag des 9. Novembers: Deren Logik, die Demokratie müsse man vor den Wählern retten, ist übrigens auch so eine Sache, die keinen Sinn ergibt. Ebenso wie die AfD ständig mit Gewalt in Verbindung zu bringen, während sie am meisten von allen Parteien darunter leidet.
Überhaupt all diese gräßliche rechte Gewalt in unseren Straßen! Überall ziehen Räääächte mit Baseballschlägern durch die Städte und hauen alles kurz und klein – leider nur kriegt sie niemals jemand zu Gesicht. Aber vermutlich sind sie wie die Heinzelmännchen, die in der Nacht kommen und auch nie jemand sieht. Oder es liegt daran, daß all die „Gegen Rächts!“-Aufmärsche die Sicht versperren, ebenso wie die staatlich finanzierte Antifa. Ich wohne in Berlin in einem Bezirk, der Antifa-Herzland ist und begegne diesen Typen täglich. Das sind Menschen, die um ihre Ideologie durchzusetzen zu allem bereit sind – außer zur Diskussion.
Trotz seines Humors liest sich Ihr Buch im Grunde wie das Protokoll einer Enttäuschung, ja Entfremdung.
Brendel: Definitiv, vor allem aber ist es eine Enttäuschung über mich selbst: Daß ich alles, was sie uns erzählen, einmal brav geglaubt habe. Ich habe ja sogar einmal die Grünen gewählt – wie alle anderen etablierten Parteien allerdings auch. Außer der CSU, weil meine Mutter mir drohte: Wenn du die nicht wählst, enterbe ich dich! Aber Sie wissen ja, wie Kinder sind. Enterbt hat sich mich jedoch dennoch nicht – zumindest nicht deshalb, sondern erst später, wegen meiner drei Ehefrauen. Vielleicht bin ich ja deshalb heute ein so besonders erbitterter Kritiker des Systems, eben weil ich einmal daran geglaubt habe. So wie ehemalige Raucher ja auch die schlimmsten Nichtraucher sind.
„Reise ins Herz des politischen und des gesellschaftlichen Irrsinns“
Ist „Alles außer woke“ also eine Reise ins Ich?
Brendel: Es ist vor allem eine Reise ins Herz des politischen und gesellschaftlichen Irrsinns – aber ja, vielleicht auch das. Ich war früher einfach ein ignoranter, unpolitischer, desinteressierter Heiopei, ein Medienfuzzi eben. Ich bin auf jeden Zug aufgesprungen, und was der Spiegel, die Süddeutsche und die Tagesschau sagten, das war für mich wahr.
Auf der Basis habe ich auch diskutiert und mich selbst dann nicht beirren lassen, wenn ich merkte, daß jemand mehr wußte und besser argumentieren konnte. Bis ich schließlich beruflich nach Ungarn und Rußland kam und mich ein Kulturschock traf – allerdings bezüglich meines eigenen Landes! Denn ich stellte fest, wie ich bei uns über diese Länder belogen und getäuscht worden war.
Und ich begann mich zu fragen: Wenn sie uns in dieser Hinsicht nach Strich und Faden belügen, in welcher dann noch? Und wenn die Büchse der Pandora einmal offen ist, tja, dann hört es nicht mehr auf: immer neue Lügen krochen daraus hervor. Nun möchte ich auch möglichst vielen anderen Menschen die Augen öffnen, mit meinem Buch und meiner Show.
Die läuft seit 2022 auf Youtube unter dem Titel „Der Medienfuzzi“ und war eigentlich als Mediensatire gedacht. Was ist daraus geworden?
Brendel: Geplant war ein alternatives „Zapp“ – wie dieses schlafschafbrave Medienmagazin des NDR-Fernsehens heißt. Aber dann ist die Sendung von Beginn an unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Entwicklung zur politischen Satire geworden.
Präsentiert von ihrem Namensgeber, dem Medienfuzzi. Wer ist das?
Brendel: Wie gesagt, ein alter, weißer, chauvinistischer Sack – also ein klassischer Medienmann. So wie ich ihn in meiner Karriere oft kennengelernt habe: Sich selbst extrem überschätzende Alphatiere, die in Wahrheit aber keine Substanz, doch die Fähigkeit haben, trotz totaler Ahnungslosigkeit sicher aufzutreten und die deshalb erfolgreich sind.
Allerdings ist mein Medienfuzzi ein wenig anders angelegt, da er sich zwar auch für den Größten hält, aber selbst an den einfachsten Dingen scheitert. Denn ich finde, wenn ich Witze über andere Menschen mache, was ja durchaus verletzend ist – und weshalb ich eigentlich fast immer nur Mächtige als Ziel wähle –, dann mache ich auch Witze über mich selbst. Na ja, und vor diesem Szenario werden dann aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen durch den Fleischwolf gedreht, und zwar nach dem Motto: Alles außer woke!
„Der ÖRR ist reiner Medieninzest. Nirgendwo habe ich mehr Hybris erlebt“
Aber warum macht ein ehemals erfolgreicher Sat.1/Pro7-Manager für Unterhaltungsfernsehen plötzlich von der Seitenlinie einen politischen Youtube-Kanal?
Brendel: Gute Frage, denn als ich 1995 beim Fernsehen im Entertainmentbereich anfing, waren wir alles, aber eines nicht: politisch. Ich glaube, ich kannte von keinem meiner Kollegen die politische Einstellung, das war einfach kein Thema. Doch als Pro7 dann 1997 an die Börse ging, begann sich alles zu verändern. Natürlich ging es beim Privatfernsehen von Anfang an darum, Erfolg zu haben, um Geld zu verdienen.
Aber zu Beginn war das mit Kreativität, Risiko und mutigen Experimenten verbunden. Wir entwickelten verrückte Ideen und probierten sie einfach aus. Es war eine irre Zeit, im Grunde der Wilde Westen des Fernsehens. Doch nun ging es nur noch ums Geldverdienen, bloß keine Experimente mehr, sondern am besten nur Kopien von Konzepten, die sich bereits anderswo bewährt hatten und damit sicheren Erfolg zu versprechen schienen. Nicht mehr kreativer Wahnsinn regierte die Sender, sondern Angst – nicht mutige Programmmacher, sondern die Marktforschung.
Und irgendwann wurde es dann auch politisch. Leute wie Joko und Klaas sind ein gutes Beispiel: Zwar leisten sie im Entertainmentbereich respektable Arbeit, denn sie sind vielleicht die letzten im deutschen Privatfernsehen mit eigenen Ideen, aber sie glauben auch, sie wären Gesandte des Guten, Botschafter des Besseren und Zuchtmeister der Zuschauer zu deren moralischer Erziehung.
Und so ist es inzwischen überall: Böhmermann, Grönemeyer, Hape Kerkeling, oder nehmen Sie die schon erwähnte jüngste Bambi-Verleihung. Dabei sind das alles im Grunde typische Medienfuzzis: vollkommen ahnungslos, aber sich völlig überschätzend und daher in der Lage, vor den Menschen total selbstsicher aufzutreten.
Ich kann das auch, ich kann sehr gut irgendwo auftreten und den Leuten „voller Überzeugung“ irgendwelchen Bullshit erzählen. Mein Problem ist nur, ich weiß, daß es Bullshit ist, und ich fühle mich hinterher schlecht. Irgendwann wollte ich das nicht mehr und merkte, daß ich das tun muß, woran ich auch glaube. Außerdem bin ich zum Fernsehen gegangen, um Spaß und Erfolg zu vereinen, nicht Geld und Macht.
Später haben Sie auch für den ÖRR gearbeitet. Welche Erfahrungen machten Sie dort?
Brendel: Für den Bayerischen Rundfunk und den NDR habe ich zwei Unterhaltungsformate produziert und selten in der Medienbranche Menschen getroffen, die weniger kreativ waren und weniger den internationalen Markt kannten. Das hat sie alles gar nicht interessiert. Der ÖRR ist reiner Medieninzest. Auch habe ich nirgendwo mehr Hybris erlebt. Niemand, wirklich niemand dort sieht sich als Diener der Allgemeinheit, nicht mal der kleinste Praktikant – obwohl ja alles von ihr bezahlt wird. Viele Bürger glauben immer noch, das müsse aber doch das Selbstverständnis des ÖRR sein. Doch dieses Denken ist dort vollkommen inexistent.
Und ich kann mit meiner Erfahrung nur sagen, daß wenn unsere Demokratie überleben soll, der ÖRR verschwinden muß. Allen voran ZDF-Chef Norbert Himmler, der sich mittlerweile zu einem Finsterling wie ein James-Bond-Schurke entwickelt hat.
„Immer mehr Leute sehnen sich nach einem Ventil“
Inzwischen gibt es Sie auch bei Kontrafunk, montags im „Abendjournal“ mit der Glosse „Brendels Abwasch“.
Brendel: Weil sich auch dessen Gründer, Burkhard Müller-Ullrich, als Fan des Medienfuzzis herausgestellt hat. Ganz fuzzihaft darf ich in der Sendung über alles herziehen, was es wirklich verdient hat. Ich mache sozusagen den Abwasch des Tages und bemühe mich, die Fenster der Gedanken der Zuhörer von dem schrecklichen Dreck zu reinigen, mit dem unsere Politiker und Medien uns täglich beschmutzen. Allerdings ist das ja nur ein kleines Format. Ein größeres soll aber entwickelt werden – „schaun mer mal“, wie der Münchner sagt.
Und schließlich treten Sie inzwischen mit der Show „Oliver Brendel. Held, Lump, Clown“ auch live auf. Warum aber bisher immer nur in Leipzig?
Brendel: Weil auch der Geschäftsführer des Riverboat Leipzig sich als großer Freund meiner Show – mein Gott, sie sind überall! – erwiesen und mich gefragt hat, ob ich das mal versuchen will. Na klar! Denn ich liebe es, immer wieder etwas Neues auszuprobieren, vor allem, wenn ich anfangs davor Angst habe. Natürlich sind das – noch – keine Großveranstaltungen, aber immerhin erfolgreich.
Die Leute sehnen sich eben nach einem Ventil: Denn obwohl es politisch jeden Tag schlimmer und undemokratischer wird, ist der Medienfuzzi doch kein zynischer, resignierter Typ. Sondern ich bin erstaunlicherweise immer noch voller Freude und glaube ganz tief in mir drin, am Ende wird mit unserem Land wieder alles gut.
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Oliver Brendel war ab 1995 Produzent und Senderverantwortlicher für TV-Shows wie „Arabella“, „The next Uri Geller“, „Sportfreunde Pocher“ oder „Extrem schön“. Nach 15 Jahren bei Pro7/Sat.1 – zuletzt als „Vice-President“ und fünf Jahren als Entwicklungschef der Constantin Entertainment (ehemals KirchMedia Entertainment), ein Beteiligungsunternehmen der Constantin Film – war er freier Produzent unter anderem für den NDR und BR.
2022 startete der 1970 geborene Münchner als „Der Medienfuzzi“ seine gleichnamige Youtubeshow mit inzwischen 115.000 Abonnenten.
Nachdem er 2012 „Ich bin dann mal gelähmt. Vom Ironman zum Pflegefall und zurück“ veröffentlichte (2016 unter dem Titel „Drölfzigmal klingeln“ neu aufgelegt) sowie 2020 „Synapsensalat. Tränen lachen Du sollst“, ist nun sein neues Buch erschienen: „Medienfuzzi. Alles außer woke“
Mehr zu Oliver Brendel: Pro7-Manager und „Grünenfresser“ Oliver Brendel: „Irrsinn, Krawall und falsche Tatsachen“, „Der Medienfuzzi – einmal Karriere und zurück“ und Fragebogen: Oliver Brendel.





