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Ein Geschichtsdenker und sein Wirken: Ernst Nolte: Dem Moralisieren widerstehen

Ein Geschichtsdenker und sein Wirken: Ernst Nolte: Dem Moralisieren widerstehen

Ein Geschichtsdenker und sein Wirken: Ernst Nolte: Dem Moralisieren widerstehen

Historiker Ernst Nolte: Sein intellektuelles Erweckungserlebnis war das Studium bei Martin Heidegger
Historiker Ernst Nolte: Sein intellektuelles Erweckungserlebnis war das Studium bei Martin Heidegger
Historiker Ernst Nolte: Sein intellektuelles Erweckungserlebnis war das Studium bei Martin Heidegger Foto: picture-alliance / akg-images / Bruni Meya
Ein Geschichtsdenker und sein Wirken
 

Ernst Nolte: Dem Moralisieren widerstehen

Am 11. Januar wäre der Historiker Ernst Nolte 100 Jahre alt geworden, der sich als „Geschichtsdenker“ verstand. Er hatte zu Lebzeiten unter anderem eine Entwicklung der „Vergangenheitsbewältigung“ zu einer all-gegenwärtigen Zivilreligion vorausgesagt.
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Am 11. Januar wäre der aus Witten an der Ruhr stammende Historiker Ernst Nolte – er selbst wollte, jedenfalls in späteren Jahren, kein reiner „Historiker“ sein, sondern verstand sich als „Geschichtsdenker“ – einhundert Jahre alt geworden. Ernst Nolte verstarb am 16. August 2016 in Berlin, nachdem ein Jahr zuvor sein „unerkanntes Hauptwerk“, nämlich „Historische Existenz“ (1998), noch einmal – mit einem luiziden Vorwort des Verfassers – neu erschienen war.

Daß dieses späte Hauptwerk kaum mehr rezipiert worden war, hat ihn geschmerzt. Hannah Arendt hatte einst über ihren Mentor Martin Heidegger gesagt, der Sturm, der durch dessen Denken ziehe, stamme nicht aus diesem Jahrhundert, sondern komme aus dem Uralten und hinterlasse ein Vollendetes, das, wie alles Vollendete, heimfalle zum Uralten. Das läßt sich aber auch von Ernst Nolte sagen, dessen frühester Gewährsmann und Archimedischer Punkt freilich nicht Platon war, sondern Homer und die Ilias.

Studium bei Heidegger war Noltes Erweckungserlebnis

Ernst Noltes intellektuelles Erweckungserlebnis war das Studium bei Martin Heidegger – der für Nolte der „letzte große Metaphysiker“ Europas war und ihn vom katholischen Glauben entfremdete – im „unvergeßlichen Sommersemester“ 1944. Der Sohn eines Volksschulrektors war wegen Adaktylie der linken Hand wehruntauglich und konnte daher seit dem Sommersemester 1941 in Freiburg im Breisgau Germanistik und Altphilologie studieren.

Er trat in die Kameradschaft Friedrich Ludwig Jahn ein, wo Walter Jens sein Leibbursche war. Sein jüngerer Bruder Heinz hingegen fiel im Zweiten Weltkrieg, ein Umstand, auf den Nolte später seine lebenslange Beschäftigung mit geschichtlichen Fragen im allgemeinen und dem Nationalsozialismus im besonderen zurückführte.

Seit dem Kriegsende unterrichtete Ernst Nolte, der im März 1945 ein abgekürztes Staatsexamen hatte ablegen können, Griechisch und Latein an Gymnasien. Ein erstes Promotionsprojekt bei Martin Heidegger scheiterte an dessen Entfernung von der Universität nach Kriegsende. Seit etwa 1950 nahm er jedoch parallel zu seinem Lehrerberuf auch seine Studien an der Universität Freiburg wieder auf und wurde 1952 mit der Schrift „Selbstentfrem-dung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx“ für das Fach Philosophie promoviert.

Der Historiker schrieb über die politische Rechte in Europa

Seit 1959 wandte sich Nolte, der seit 1953 an einem Gymnasium in Bad Godesberg unterrichtete, verstärkt geschichtlichen und geschichtsphilosophischen Fragestellungen zu. Sein Aufsatz „Marx und Nietzsche im Sozialismus des jungen Mussolini“ wurde – obwohl sein Autor bislang als Historiker gar nicht ausgewiesen war – 1960 von Theodor Schieder zur Veröffentlichung in der Historischen Zeitschrift (HZ) angenommen.

Der Kölner Ordinarius Schieder war es auch, der Nolte dann den Vorschlag machte, sich – als sein Assistent – ganz der historischen Forschung und Lehre zu widmen. Vierzig Jahre später schrieb Nolte: „Der zunächst überraschende Gedanke entsprach mehr, als ich zunächst wußte, der Tendenz meiner Entwicklung.“ Der genannte Aufsatz hatte sich bereits als Vorstudie zu einem umfassenden Buch über die Entwicklung der radikalen politischen Rechten in Europa, die vor allem deren reaktiven Charakter als Gegentendenz zu einer radikal-egalitären Linken herausstellen sollte, verstanden.

Dieses Opus magnum – „Der Faschismus in seiner Epoche“ (1963), Noltes mit Abstand bekanntestes Werk – wurde 1964 durch die Universität zu Köln als Habilitationsschrift angenommen. 1965 wurde er als Professor für Neuere Geschichte an die Universität Marburg berufen, 1973 an die Freie Universität Berlin, wo er 1991 emeritiert wurde.

Nolte wollte Totalitarismustheorie entemotionalisieren

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Der „Faschismus in seiner Epoche“ wurde zeitgenössisch ganz überwiegend positiv rezipiert. Sein Verfasser galt zunächst überwiegend als „linker“ Historiker, und zwar weil er als erster nichtmarxistischer, westdeutscher Historiker überhaupt den die verschiedenen Spielarten der radikalen Rechten überwölbenden Begriff des Faschismus verwendete und außerdem, weil die ganze Tendenz des Buches auf eine Überwindung der bis dahin herrschenden Totalitarismustheorie Hannah Arendts hinauszulaufen schien, deren moralisierender und selbst-affirmativer Stil in der Nachkriegszeit wohl emotionale Bedürfnisse der Überlebenden befriedigte, jedoch wenig zu analysierender Erkenntnis beitrug, weswegen sie letztlich eher zivilreligiösen als wissenschaftlichen Charakter hatte.

Dem setzte Nolte seine vor allem an Max Weber geschulte, von ihm selbst phänomenologisch genannte, in der Sache eher typologische Methode entgegen, die übrigens auch bereits die Herangehensweise Carl Schmitts geprägt hatte. Dabei versucht man sich die Bedeutung eines Begriffes durch die Frage zu erschließen, was denn dessen krassestes Gegenteil wäre; es geht sozusagen um angewandte Dialektik. Später hat Nolte demgegenüber betont, er habe die Totalitarismustheorie keineswegs überwinden, sondern vielmehr ausdifferenzieren und entemotionalisieren wollen, eine Selbstumdeutung, die auch mache seiner eher „rechten“ Freunde und Bewunderer lange als problematisch empfanden.

Was dies praktisch bedeuten sollte, zeigte Nolte dann sehr viel später, als er sich auch dem Nachdenken über den Islamismus zuwandte („Die dritte radikale Widerstandsbewegung“, 2009). Hier wird dann auch der Faschismus (wie eben auch die radikale Linke) zu einer Abwehrbewegung gegen die Moderne, nicht aber mehr – das eigentliche Skandalon im Faschismus-Buch – letztlich im Anschluß an Lenin zur Kampfform und Rüstung des liberalen Systems. 

Lobpreisungen aus Italien

Noltes glanzvolle akademische Karriere wurde durch den sogenannten Historikerstreit im Anschluß an seinen hellsichtigen Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ 1986 in der FAZ beendet. Der Artikel enthielt – neben erstaunlich akkuraten Vorhersagen über die weitere Entwicklung der „Vergangenheitsbewältigung“ zu einer allgegenwärtigen Zivilreligion – den Hinweis auf einen möglichen kausalen Nexus zwischen Gulag und Holocaust, zwischen Klassenmord im Bolschewismus und Rassenmord im Nationalsozialismus.

Daß Nolte seine Bemühungen, die Motive der Nationalsozialisten „verstehbar“ werden zu lassen (nicht aber ihr Handeln zu rechtfertigen!) in den frühen 1990er Jahren um die Beobachtung ergänzte, es habe auch eine Art „jüdische Kriegserklärung“ an die Nationalsozialisten gegeben, schnitt ihn in Deutschland zunehmend von Publikationsmöglichkeiten ab.

Vor allem in Italien wurde er jedoch weiter anerkannt und verehrt; Nolte sprach hervorragend Italienisch. Im Historikerstreit setzte Jürgen Habermas das Dogma von der „Unvergleichbarkeit“ des Nationalsozialismus durch, das gegenwärtig seinerseits im Rahmen „antikolonialistischer“ Diskurse abgewickelt wird.

JF 02/23

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