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1.-April-Scherz mit Folgen: Wie ein Phantom die DDR foppte

1.-April-Scherz mit Folgen: Wie ein Phantom die DDR foppte

1.-April-Scherz mit Folgen: Wie ein Phantom die DDR foppte

Antarktis: Wem gehört der Kontinent? Deutschland vielleicht? Foto: picture alliance / blickwinkel/AGAMI/P. Morris | AGAMI/P. Morris
Antarktis: Wem gehört der Kontinent? Deutschland vielleicht? Foto: picture alliance / blickwinkel/AGAMI/P. Morris | AGAMI/P. Morris
Antarktis: Wem gehört der Kontinent? Deutschland vielleicht? Foto: picture alliance / blickwinkel/AGAMI/P. Morris | AGAMI/P. Morris
1.-April-Scherz mit Folgen
 

Wie ein Phantom die DDR foppte

Im Sommer 1982 erschien in der Zeitschrift Horizont – Sozialistische Wochenzeitung für Internationale Politik und Wirtschaft ein Beitrag unter dem Titel „Neue territoriale Ansprüche“. Das Blatt galt als mehr oder weniger offiziöses Sprachrohr der DDR-Diplomatie. Es war jedenfalls davon auszugehen, daß die dort erscheinenden Beiträge nicht im Widerspruch zur Linie des Ost-Berliner Außenministeriums standen.

In besagtem Beitrag ging es im Wesentlichen um Verhandlungen der 14 Konsultativstaaten des Antarktisvertrages, der 1961 in Kraft getreten war und laut dem territoriale Besitzansprüche für die Dauer von zunächst 30 Jahren eingefroren wurden. Hervorgehoben wird im Text des Autors namens Kurt Kaiser – natürlich –, daß die Sowjetunion bereits seit über 25 Jahren „intensive Forschungsarbeit“ auf dem sechsten Kontinent leiste.

Doch Brisanz schien eher ein Absatz in der Mitte des dreispaltigen Artikels zu haben. Dort ist die Rede vom „auffällig großen Interesse“ der BRD, die ebenfalls eine Forschungsstation unterhielt, an einem Anteil im ewigen Eis. „Wie der ehemalige Ministerialdirektor im Bonner Auswärtigen Amt, Dr. Dräcker, auf einer Reise zu dieser Antarktisstation ausplauderte, sollen mit der ständigen Präsenz von BRD-Wissenschaftlern in der Antarktis Voraussetzungen geschaffen werden, ‘unter Ausnutzung von Lücken im Antarktisvertrag Hoheitsrechte der BRD’ in dieser noch unerschlossenen Region zu begründen.“

Deutsche Flaggen auf dem Eis

Dahinter verberge sich, so entlarvt der Autor im typischen realsozialistischen Polit-Sprech, „die Sorge imperialistischer Monopole, bei der Erschließung der reichen Rohstoffvorkommen“, die dort unter dem Eis lagerten, zu kurz zu kommen. Zur Beruhigung seiner um Frieden, Völkerfreundschaft und Sozialismus besorgten Leser wies Kaiser am Schluß seines Artikels noch darauf hin, daß die mit den imperialistischen Gelüsten verbundenen Probleme erst nach 1991 akut werden dürften, denn so lange bleibe die Antarktis laut Vertrag ja ausschließlich den Wissenschaftlern vorbehalten.

Zwar hatte der Autor nicht die Quelle für seine Kenntnisse über die Plaudereien des „BRD“-Diplomaten verraten, doch war klar, daß er sich dabei nur auf den Artikel einer Zeitung aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet berufen haben konnte. Einige Monate zuvor war in der FAZ ein Artikel unter der Überschrift „Deutsche Flagge auf deutschem Eis“ erschienen. Schon die Unterzeile ließ aufhorchen: „Bahnbrechendes Tun des früheren Ministerialdirektors Dr. Dräcker in der Antarktis.“

Und gleich im ersten Absatz heißt es, der besagte ehemalige leitende Beamte des Auswärtigen Amts, „der immer wieder auf eine recht unorthodoxe diplomatische Weise auf sich aufmerksam gemacht hat“, sehe gute Chancen für die Bundesrepublik Deutschland, Souveränitätsrechte in der Antarktis zu erwerben. Und dann ist da auch noch die „Ausnutzung von Lücken im Antarktis-Vertrag“ erwähnt.

Imperialistische Frechheit

Denn, so berichtet der als Korrespondent in Santiago de Chile sitzende freie Mitarbeiter Willy Otten Philippengracht, Ministerialdirektor a. D. Dräcker habe praktische und sehr wichtige Vorarbeit geleistet, indem er auf einer „recht großen“ schwimmenden Eisscholle an vier „sicheren“ Stellen die Bundesflagge verankert habe. Damit seien nach einem alten völkerrechtlichen Prinzip grundsätzliche Souveränitätsrechte entstanden. Die bisher recht glücklose Außenpolitik der Bundesregierung könne nach dieser Tat wieder etwas mehr Mut fassen. Wobei man natürlich weiter im Auge behalten müsse, wohin die Scholle treibe und welche weiteren sie mitschleppe, denn das alles sei dann automatisch ein Teil Bundesrepublik. Nur im Falle der Schmelze gingen sämtliche Hoheitsrechte buchstäblich unter.

Ob solcher wahrlich imperialistischen Unverfrorenheit und Anmaßung ist die damalige Empörung im anderen deutschen Teilstaat nur allzu verständlich. Was die Sozialistische Wochenzeitung für Internationale Politik und Wirtschaft und ihr Autor allerdings übersehen haben, war das Datum, an dem der FAZ-Artikel über Druckers Treiben auf dem Treibeis erschien: am 1. April 1982, also heute vor 40 Jahren.

Mißfallen in der DDR

Stutzig wurden die Ost-Berliner Diplomatie-Fachleute auch offensichtlich nicht beim Lesen einiger weiterer Passagen über die Sondermission des Bonner Spitzenbeamten auf dem sechsten Kontinent. So schrieb der FAZ-Korrespondent unter anderem, Dräcker gehe sicher davon aus, daß viele seiner Kollegen aus dem Auswärtigen Amt sich um den ab 1991 dann möglichen Posten eines deutschen Antarktis-Gouverneurs reißen würden. Denn dort könne man ja den gesamten Sommer über bei Tageslicht arbeiten, was in deutschen Amtsstuben nicht der Fall sei. Und im Winter sei man wegen der Temperaturen praktisch von der Außenwelt abgeschlossen, so daß die lästigen Besuche von Ministern und Abgeordneten entfielen.

Das mit dem Horizont-Beitrag öffentlich belegte Mißfallen der DDR-Außenpolitiker sorgte bei ihren Bonner Kollegen wiederum für einige Genugtuung und viel Amüsement. Ost-Autor Kurt Kaiser und mit ihm jene Offiziellen, die solch einen Leitartikel in der Regel absegnen mußten, hatten sich per schwimmender Scholle verschaukeln und aufs (antarktische) Glatteis führen lassen. Denn bei jenem „ehemaligen Ministerialdirektor im Bonner Auswärtigen Amt, Dr. Dräcker“ handelte es sich um ein schon lange sein Unwesen treibendes Phantom namens Dr. h.c. Edmund F. (Friedmann) Dräcker, dessen vielfältige Missionen und  Sondergesandtschaften stets eines gemeinsam hatten: Sie waren ebenso spektakulär wie allein der Phantasie entsprungen.

Leben und Wirken Dräckers wurde innerhalb des Auswärtigen Amtes immer weitergesponnen, er tauchte in Korrespondenzen auf, wurde anwaltlich vertreten und zu Ordensverleihungen („Wider den tierischen Ernst“) eingeladen. Ein Archivar des Auswärtigen Amts legte eine Personalakte über ihn an und dokumentierte seine Tätigkeit. Ja, sogar im „Biographischen Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes“ erhielt Dräcker einen Eintrag samt (schwer identifizierbarem) Foto.

Diplomat mit Astrologie-Kenntnissen

Demnach ist der Sonder-Diplomat am 1. April (!) 1888 im maurischen Suleyken geboren und (möglicherweise) 1989 verstorben und war zunächst evangelisch, später buddhistisch, zuletzt verlieren sich seine Spuren als indischer Guru. Sein Lebensweg wurde zwar sehr ausgeschmückt, die Personalakte gibt die wesentlichen Eckdaten wieder: geboren als Sohn des Pfarrer Gotthilf Emmanuel Dräcker und seiner Frau Frühlinge, geborene v. Stoltze-Ohnezaster. Leutnant der Reserve im 3. Garde-Feldartillerieregiment, 1910 Eintritt als Attaché ins AA, diverse Auslandsaufenthalte, Studium der (unter anderem) Astrologie, Ministerialrat im Reichsfinanzministerium, 1952 Wiedereintritt ins AA, als Sonderbeauftragter im In- und Ausland eingesetzt, später Wanderastrologe bei Neu-Delhi.

Tatsächlich „geboren“ wurde Dräcker dagegen an einem heißen Sommertag des Jahres 1936 in Rom. Sein „Vater“ war der junge Diplomat Hasso von Etzdorf, damals Legationssekretär an der deutschen Botschaft in der italienischen Hauptstadt.

Name stammt von Brauerei

Der saß in einer öden Konferenz, als ein Amtsgehilfe in den Saal eilte, um Etzdorf mitzuteilen, ein Ministerialrat Dr. Dräcker vom Reichsfinanzministerium in Berlin wünsche ihn dringen zu sprechen. Daraufhin sprang der Diplomat auf und eilte aus dem Saal – direkt in eine Taverne an der Piazza dei Santissimi Apostoli. Dort gönnte er sich ein blondes „Birra Dreher“, und genau nach dieser Brauerei hatte von Etzdorf nämlich auf den Namen des von ihm als „Erlöser“ erfundenen Ministerialbeamten gebracht. Im Laufe der Jahre weihte der (tatsächlich 1989 Verstorbene) immer mehr Kollegen ein, so daß „Dräcker“ häufiger zu „dringenden Gesprächen“ rief – und ein weitreichendes Eigenleben führte.

Die Zeitschrift Horizont wiederum, für die unter anderem auch der kommunistische Journalist Max Kahane, Vater der Antonio-Amadeu-Stiftungsgründerin Anetta Kahane, tätig war, überlebte das Ende der DDR nur noch um ein Jahr und stellte 1991 ihr Erscheinen ein. Just also zu dem Zeitpunkt, als die Bundesrepublik einen Antarktis-Gouverneur hätte stellen sollen. Wie es von Dräcker vorausgesagt wurde. Am 1. April 1982, heute vor 40 Jahren. 

Antarktis: Wem gehört der Kontinent? Deutschland vielleicht? Foto: picture alliance / blickwinkel/AGAMI/P. Morris | AGAMI/P. Morris
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