Seelow
Sowjetisches Mahnmal bei der Gedenkstätte Seelower Höhen Foto: imago images / Jürgen Ritter
Schlacht bei den Seelower Höhen

Stalingrad an der Spree

Anfang April war man sich in der obersten Führung im klaren, daß die sowjetischen Angreifer ihre letzten Vorbereitungen zum Sturm auf Berlin trafen. Die 1. Weißrussische Front unter Georgij Schukow sollte frontal aus dem großen Oder-Brückenkopf zwischen Altwriezen und Lebus vorstoßen, während Iwan Konjevs 1. Ukrainische Front aus den Neiße-Brückenköpfen Forst und Muskau nach Nordwesten anzugreifen hatte, um Berlin weiträumig von Süden her zu umfassen.

Inzwischen war Küstrin nach verlustreichen Entsatzangriffen am 30. März der Übermacht erlegen; nur 1.000 Mann der Besatzung erkämpften sich den Ausbruch. Es gelang nicht mehr, die sowjetischen Brückenköpfe an der Oder einzuengen. Ein solcher Angriff einer Division der Russischen Befreiungsarmee unter General Andrej Wlassow schlug am 13. April fehl.

An der Westfront war den Alliierten am 23. März ihr Großangriff aus den Rhein-Brücken­köpfen bei Wesel und Remagen geglückt. Während sie über 330.000 Mann im sogenannten „Ruhrkessel“ einschlossen, drangen ihre Angriffsspitzen zügig in Richtung Weser und Elbe vor. Vielerorts hegte man an der Ostfront die Hoffnung, daß die amerikanischen Truppen früher als die sowjetischen Berlin erreichen mochten; jedenfalls setzte die Heeresgruppe Weichsel, die den Oderabschnitt von Stettin bis zur Einmündung der Neiße verteidigte, alles daran, um ein weiteres Vordringen der Roten Armee zu verhindern. Immerhin konzentrierte Schukow an der Oder sieben Armeen, zwei Panzerarmeen und mehrere Korps, die von zwei Luftflotten unterstützt wurden.

Hitler erwartete Hauptangriff an anderer Stelle

Der sowjetische Marschall Georgi Schukow Foto: dpa – Bildarchiv

Das letzte Aufgebot, darunter über 500 Panzer und Sturmgeschütze, wurde vor dem großen Oder-Brückenkopf beiderseits von Küstrin im Abschnitt der 9. Armee unter General Theodor Busse zusammengezogen, wo der Generalstab des Heeres den Hauptstoß erwartete. Ein tiefes, raffiniert angelegtes Stellungssystem sollte helfen, die sowjetische Angriffswucht aufzufangen. Man hatte drei hintereinander liegende Verteidigungsstreifen angelegt, wobei der entscheidende Widerstand in der „Großkampfstellung“ geleistet werden sollte, die etwa zwei bis vier Kilometer hinter der vordersten Linie lag. Unter Räumung der beiden vorderen Linien sollte diese Stellung unmittelbar vor dem Angriff bezogen werden, um dem Vernichtungsfeuer zu entrinnen. Starke Artillerie und Panzerabwehr gaben den Verteidigern Rückhalt. Eine motorisierte Flak-Division stand zum Erdeinsatz bereit.

Hitler hingegen rechnete mit dem Hauptangriff an der Lausitzer Neiße bei der 4. Panzerarmee und an der Front in Niederschlesien. Er erwartete nämlich, daß die Rote Armee aus politischen Gründen Böhmen und Mähren erobern wollte. Er entzog deshalb der Oderfront drei Panzerdivisionen und verlegte sie nach Süden zur Heeresgruppe Mitte, so daß der 9. Armee nur mehr drei gepanzerte Divisionen als Reserven verblieben. Diese Schwächung sollte sich als schwerer Nachteil erweisen.

Nachdem Vorausangriffe am 13. und 14. April den Generalangriff angezeigt hatten, ließ General Busse gemäß den Erfahrungen mit dem sowjetischen Kampfverfahren in der Nacht zum 16. April die „Großkampfstellung“ besetzen. Als am Morgen ein gewaltiger Artillerieschlag einsetzte, dessen Wucht alle bisherigen Feuerschläge übertraf, ging er ins Leere. Dann setzten sich die Infanteriemassen in Bewegung, wobei die Schützendivisionen im Zentrum tief gegliedert auf einer Breite von je ein bis zwei Kilometer vorgingen.

Hohe Verluste der Angreifer

Die starke deutsche Artillerie schoß Sperrfeuer. Sowjetische Garderegimenter, die im Zentrum des Angriffs sehr hohe Verluste erlitten, kamen über den Hauptgraben der Großkampfstellung nicht hinaus. Ungeduldig zog Schukow schon am Nachmittag seine beiden Panzerarmeen mit 1.400 Panzern vor, die aber in den eigenen Reihen heillose Verwirrung stifteten und schwere Verluste erlitten. Bis zum Abend wurden etwa zweihundert sowjetische Panzer abgeschossen.

In den nächsten Tagen konnte der Angreifer seine Einbrüche schrittweise erweitern, doch die Deutschen verhinderten hartnäckig den operativen Durchbruch. Besonders verbissen wurde um die Seelower Höhen gekämpft, wobei die Angreifer etwa 33.000 Mann verloren. Busse setzte seine letzten Reserven ein. Erst am 19. April mittags riß die Front aus Kräftemangel bei Prötzel, Buckow und Müncheberg und konnte nicht mehr geschlossen werden. Einige Kampfgruppen, die zum Gegenangriff antraten, wurden zurückgeschlagen. Versprengte Teile zogen sich auf den Stadtrand von Berlin zurück, während die Masse der 9. Armee mit drei Korps in Richtung Spreewald auswich, wo sie wenige Tag später eingeschlossen wurde.

Währenddessen hatten die Armeen Konjevs am 16. April nach heftigen Kämpfen zwischen Forst und Rothenburg Brückenköpfe gebildet und den Großteil der 4. Panzerarmee nach Süden abgedrängt. Deutsche Elitedivisionen erfochten ostwärts Bautzen noch örtliche Erfolge, doch die sowjetischen Hauptkräfte schwenkten nach Norden und stießen über Jüterbog und Zossen auf Potsdam und Berlin vor.

Soldatenfriedhof in Lietzen mit deutschen Soldaten, die bei der Schlacht um die Seelower Höhen gefallen sind Foto: imago images / Jürgen Ritter

Endkampf um Berlin

Am 20. April wurde das Lager des Heeresgeneralstabes in Zossen besetzt, der schleunigst ausweichen mußte und vier Tage darauf mit dem Wehrmachtführungsstab vereinigt wurde. Bei Torgau an der Elbe kam es am 25. April zur Kontaktaufnahme der 58. Gardedivision mit der 69. US-Infanteriedivision. Am selben Tag war Berlin von allen Seiten eingeschlossen, da inzwischen die Panzerkorps Schukows nördlich der Stadt vorbeigestoßen und nach Süden eingeschwenkt waren, wo sie bei Ketzin auf die Panzerspitzen Konjevs trafen. Potsdam wurde ebenfalls eingeschlossen. Hitler hatte sich am 22. April entschieden, in seinem Bunker zu bleiben und auf Entsatz zu hoffen.

In Berlin übernahm General Helmuth Weidling, der bisherige Befehlshaber des LVI. Panzerkorps, am 23. April die Verteidigung, der bis dahin vergeblich versucht hatte, die Verbindung zur 9. Armee herzustellen. In Berlin, das nur noch 2,5 Millionen Einwohner hatte, standen einige Heeres- und SS-Verbände, Alarm- und Ersatzeinheiten sowie Volkssturm mit insgesamt etwa 85.000 Mann und sechzig Panzern zur Verfügung. In der Stadt verlaufen drei bis vier Verteidigungslinien, wobei die Artillerie der Flaktürme in die Gefechte eingreift. Am 24. April beginnt der Endkampf um die Stadt, und tags darauf greifen fast 1.500 sowjetische Flugzeuge zweimal an.

Die Hoffnung auf Hilfe durch die 3. Panzerarmee, die an der Oder bei und südlich von Stettin kämpfte, zerrann, da die Armeen von Marschall Konstantin Rokossovskijs ebenfalls den Durchbruch an der Oder erzwangen. In dieser Lage befahlen Hitler und das OKW am 23. April Entsatzangriffe: Die neuformierte 12. Armee unter General Walther Wenck sollte von Südwesten auf Berlin stoßen und den Einschließungsring sprengen. Gleichzeitig sollte im Norden Berlins eine zusammengewürfelte Einheit von Oranienburg aus angreifen. Schließlich erhielt die eingeschlossene 9. Armee den Auftrag, südlich der Spree nach Nordwesten in den Rücken des Gegners vorzustoßen.

Es blieb nur die Kapitulation

Doch die Hoffnungen, Berlin freizukämpfen, zerrannen sehr schnell. Die 9. Armee war auf engem Raum bei Halbe zusammengedrängt und stand unter ständigem Feinddruck. Der Armee Wenck gelang es immerhin, mit fünf Divisionen nach Nordwesten bis Ferch vorzustoßen und am 29./30. April die Besatzung von Potsdam aufzunehmen, die zum Teil mit Booten über den Schwielow-See entkommen konnte. Die Armee hielt die Linie Beelitz – Treuenbrietzen bis zum 1. Mai, als sich endlich Reste der 9. Armee mit zahlreichen Flüchtlingen und Verwundeten unter chaotischen Verhältnissen und entsetzlichen Verlusten zu ihr durchgeschlagen hatten. Knapp 40.000 Mann erreichten die deutschen Linien.

Nach dem Selbstmord von Hitler und Goebbels am 30. April kapitulierte die Besatzung Berlins, wo nur mehr einzelne Widerstandsnester hielten, am 2. Mai morgens. Einige Reste kämpften weiter, während eine Kampfgruppe, der sich viele Menschen anschlossen, von Spandau nach Westen ausbrach, aber zum Großteil aufgerieben wurde. Die Bevölkerung hatte entsetzliche Ausschreitungen der Sieger zu erleiden. Bis zum 8. Mai konnten drei Armeen samt vieler Flüchtlinge die Elbe an mehreren Stellen überqueren und sich in amerikanische oder britische Gefangenschaft begeben.

Die in Sachsen und Schlesien kämpfenden Verbände gingen auf die amerikanischen Linien in Westböhmen zurück, wo aber den meisten von ihnen der Übertritt verweigert wurde. Generaloberst Alfred Jodl unterzeichnete am 7. Mai im Hauptquartier General Eisenhowers in Reims die Kapitulation der Wehrmacht, doch nach Protesten der sowjetischen Seite mußte dieser Akt in der Nacht zum 9. Mai in Berlin-Karlshorst wiederholt werden.

Der von vielen insgeheim gehegte Wunsch, daß die US-Truppen Berlin und den Großteil Brandenburgs besetzten würden, hatte sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Amerikaner und Briten räumten nach dem 9. Mai weite Gebiete in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg, die aufgrund der Vereinbarungen in Jalta der sowjetischen Besatzungsmacht zustanden.

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Dr. Heinz Magenheimer: ist österreichischer Militärhistoriker und lehrte an der Landesverteidigungsakademie Wien und an der Universität Salzburg. Sein Artikel erschien erstmals 2005 in der JUNGEN FREIHEIT.

Sowjetisches Mahnmal bei der Gedenkstätte Seelower Höhen Foto: imago images / Jürgen Ritter

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