Joachim Kuhs
Bremerhaven
Ein Holzstich zeigt die „Mosel“ kurz vor dem Anschlag in Bremerhaven Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Sunny Celeste | Bildagentur-online/Sunny Celeste

Bombenanschlag in Bremerhaven 1875
 

Ein Versicherungsbetrüger wird zum Massenmörder

Für 15.000 Taler wollte William King Thomas mehr als 400 Menschen töten. Der Kanadier plante einen ungeheuren Versicherungsbetrug, bei dem er im Dezember 1875 ein vollbesetztes Auswandererschiff aus Bremerhaven versenken wollte. Doch statt des erhofften Geldsegens sollte ihm die Tat einen langsamen Tod bescheren.

Bis Thomas seinen mörderischen Plan faßte, hatte er bereits ein wechselvolles Leben hinter sich. 1827 in Schottland als Alexander Keith Jr. geboren, wanderte seine Familie mit ihm nach Kanada aus. Im US-Bürgerkrieg soll er sich als Agent der Südstaaten versucht haben. Nachdem er wegen Betrugs gesucht wurde, zog er wieder nach Europa. Er lebte zeitweise in Wien, Linz, Leipzig und Dresden.

Auch hier geriet der spielsüchtige Lebemann wieder in Geldsorgen. 1873 reifte schließlich der Plan zum Massenmord. Er beauftragte einen Uhrmacher, ihm ein spezielles Uhrwerk anzufertigen, das zehn Tage lautlos laufen und dann einen schweren Schlagbolzen auslösen sollte. Den nötigen Sprengstoff für seine Bombe besorgte sich Thomas in einer Kölner Fabrik, wo er sich als Bergwerksbesitzer ausgab.

Der Zufall rettete Hunderte

Zweimal versuchte er seine Mordmaschine an Bord von Passagierschiffen zu bringen. Einmal gelang es ihm – aber die Zündung versagte.

Wegen seiner Geldsorgen wurde William King Thomas zum Massenmörder Foto: Wikimedia Gemeinfrei
Wegen seiner Geldsorgen wurde William King Thomas zum Massenmörder Foto: Wikimedia Gemeinfrei

Am 11. Dezember 1875 schien sein Vorhaben aufzugehen. Das Schiff Mosel des Norddeutschen Lloyd hatte am Vormittag bereits die meisten der rund 400 Passagiere in Bremerhaven an Bord genommen. Im Vorhafen sollten bei einem kurzen Stopp die letzten Reisenden und Frachtstücke aufgenommen werden.

Thomas war selbst an Bord, um die Aufnahme seiner 13-Zentner-Bombe zu verfolgen. Er wollte im englischen Southampton von Bord gehen, bevor der Sprengsatz auf dem Atlantik explodieren sollte. Ein Zufall verhinderte die ganz große Katastrophe.

Thomas griff selbst zur Waffe

Beim Verladen von Thomas’ Gepäckstück rutschte es vom Kran. Als das Faß auf dem Kaipflaster aufschlug, erschütterte eine gewaltige Detonation den Hafen. „Eine pilzförmige Rauchsäule von annähernd 200 Metern Höhe stieg über den Hafen. Überall lagen schreiende und wimmernde Menschen neben Trümmern. Die ganze Pier war mit Ruß bedeckt. Es war wie der Vorhof zur Hölle“, schilderte ein überlebender Matrose die Szenerie.

Die Bombe hatte einen vier Meter tiefen Krater in die Piermauer und ein Loch in das Schiff gerissen. 83 Menschen starben und 200 wurden verletzt.

Thomas hatte die Explosion an Bord der Mosel überlebt. Ihm war klar, daß er als Täter überführt werden würde. Er zog sich in eine Kabine der ersten Klasse zurück und wollte sich umbringen. Gegen 17 Uhr fand man den blutüberströmten Bombenleger. Er hatte sich zweimal in den Kopf geschossen und überlebt.

Die Leiche des Mörders wurde verscharrt

Bevor Thomas fünf Tage später seinen Verletzungen erlag, legte er noch ein Geständnis ab. Nach seinem Tod wurde sein Kopf abgetrennt und im Museum für Natur- und Völkerkunde in Bremerhaven ausgestellt, bevor er bei Aufräumarbeiten 1944 entsorgt wurde.

Das Verbrechen gilt als erster Anschlag mit einer Zeitbombe. So tragisch der Tod der 83 Opfer ist, wäre der Zufall nicht gewesen, hätten viel mehr Menschen ihr Leben verloren.

Das Schicksal der Hinterbliebenen löste im Deutschen Reich eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Für sie wurden 450.000 Mark gespendet.

An die Opfer dieses Verbrechens erinnert ein Denkmal auf dem Friedhof im Stadtteil Wulsdorf. Über das Grab des Massenmörders gibt es in der Bremer Lokalgeschichte unterschiedliche Angaben. Sein kopfloser Leichnam soll laut einer Version unter einem Weg des Friedhofs verscharrt worden sein.

Ein Holzstich zeigt die „Mosel“ kurz vor dem Anschlag in Bremerhaven Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Sunny Celeste | Bildagentur-online/Sunny Celeste
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