„Groupe Union Droit“

Das Grüppchen der Götter

„Faschist“ ist zu einer Vokabel geworden, die alles und nichts bedeuten kann. Sie dient fast immer der Beschimpfung eines Gegners, selten als Charakterisierung im objektiven Sinn, praktisch nie als Selbstbezeichnung. Aber keine Regel ohne Ausnahme. In den romanischen Ländern gab es auch nach dem Ende des „Faschismus in seiner Epoche“ (Ernst Nolte) Einzelgänger oder Gruppen, die sich verhältnismäßig offen als „faschistisch“ bezeichneten.

Einer dieser Einzelgänger war der Franzose Maurice Bardèche, hochangesehener Literaturwissenschaftler und bekennender Faschist. Dabei gehörte er nicht zu den Nostalgikern des Vichy-Regimes. Ihn hatte erst die Erschießung seines Schwagers, des Schriftstellers Robert Brasillach, politisiert. Brasillach war seine Kollaboration mit den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs zum Verhängnis geworden. An der hatte Bardèche keinen Anteil, weshalb er den „Säuberungen“ der Jahre 1944 / 45 entkam. Aber das Todesurteil gegen Brasillach empörte ihn so sehr, daß er posthum Partei für die Achsenmächte ergriff.

Ein starkes Motiv Bardèches war der Antikommunismus. Doch die von ihm 1952 gegründete Zeitschrift Défense de l‘ Occident – „Verteidigung des Westens“, eigentlich des Abendlandes – richtete sich programmatisch nicht nur gegen Moskau aus, sondern auch gegen Washington.

Abwehr des Linkskurses an Universitäten

Letztes Plakat des Mouvement Occident 1968

Die Anhängerschaft für solche Ideen war im Frankreich der Nachkriegszeit begrenzt, aber durchaus vorhanden. In den massiven Auseinandersetzungen, die das Land phasenweise an den Rand des Bürgerkrieges brachten, spielten jedenfalls auch junge Leute eine Rolle, die durch Bardèche inspiriert worden waren. Sie organisierten sich seit Mitte der sechziger Jahre als „Mouvement Occident“ (MO).

Zu dessen Anhängern zählten in erster Linie Studenten, die dem Linkskurs an den Universitäten nicht nur argumentativ entgegentreten wollten, sondern bereit waren, dieselben Mittel wie die militanten Anarchisten, Maoisten, Trotzkisten und Stalinisten zu ergreifen. Das heißt man argumentierte und demonstrierte nicht nur, sondern besetzte gegnerische Büros, blockierte Veranstaltungen und suchte die gewaltsame Konfrontation mit Fäusten, Schlagstöcken, Steinen und fallweise Molotowcocktails. Die Folge war das Verbot des MO am 1. November 1968.

Damit verschwand der ideologische Impuls aber nicht. In einer programmatischen Schrift hatten die Anhänger der Bewegung sich zum Faschismus bekannt, in dem Sinne, daß „aller Faschismus Ausdruck eines Nationalismus ist, der allein den Willen der Jugend kristallisieren kann“. Ganz so unverfroren war man in der Nachfolgeorganisation des MO nicht. Sie entstand an der Universität Paris-Assas. Auslöser war ein neues Gesetz, das es den Studenten erlaubte, eigene Vertretungen zu wählen. Also wurde eine Liste mit dem unverfänglichen Namen „Union Droit“, dann „Groupe Union Droit“ (GUD), aufgestellt, zu deren Kandidaten allerdings auch einige Veteranen des MO gehörten.

Wechselseitige Attacken

Vor fünfzig Jahren, am 25. Februar 1969 trat der GUD an die Öffentlichkeit. Vorangegangen war ein Wahlkampf im amerikanischen Stil, mit attraktiven jungen Damen auf den Plakaten, harmlosen Slogans und bunten Luftballons. Die Linke hatte da längst begriffen, welcher Wolf im Schafspelz sich anschickte, Unterstützung für einen „Gegen-Mai“ (Maurice Duverger) zu sammeln. Aber sie konnte nicht verhindern, daß der GUD in Assas 15 Prozent der Stimmen bekam.

Nur machten dessen Anhänger unmittelbar nach Auszählung der Voten klar, daß es ihnen weder um demokratische Repräsentation noch um Klientelpolitik ging. Aktivisten des GUD stürmten die Stände und Büchertische der Linken, die im Eingangsbereich der Universität aufgestellt waren. Sie verprügelten jeden, der nicht schnell genug fliehen konnte. Am Folgetag nahmen die „gauchistes“ Rache an einigen Nationalisten, und in der Folge wiederholten sich die Zusammenstöße immer im Wechsel. Trotzdem gelang es dem GUD aus Assas eine Bastion zu machen, ein rechter Felsen in einer linken Flut, die die französischen Universitäten überspülte.

Dabei ging der GUD nicht in seinem Aktivismus auf. Man betrieb auch ideologische Schulung und machte recht geschickte Versuche, neue Anhänger zu gewinnen. Man verstand sich als Elite der kommenden Generation und vertrat mit aller Entschiedenheit ein nationalistisches, antikommunistisches und antiamerikanisches Programm. Man verwarf das bestehende „System“ und griff mit einer sonst verpönten Deutlichkeit Juden, Freimaurer und die „Hochfinanz“ als dessen Träger an.

Propaganda als Mittel

Aufmarsch als Saalschutz des Ordre Nouveau 1972

Typisch war auch die offene Sympathie für den Revolutionsfaschismus eines José Antonio Primo de Rivera oder eines Pierre Drieu la Rochelle. Damit war selbstverständlich nur eine Minderheit zu erreichen. Für alle übrigen setzte man auf Propagandamittel, die gewöhnlich eher die Gegenseite nutzte. Optisch auffallend war schon der an Pop Art erinnernde Schriftzug des GUD.

Hinzu kam das ironische Element in der Selbstdarstellung. Dazu gehörten Wortspiele wie „Waffen Assas“, „In GUD we trust“ oder „GUD is good for you“, aber auch das „GUD – Groupuscules des dieux“, das heißt „GUD – Grüppchen der Götter“; eine Assoziation, die sich aus dem schwedischen Wort „gud“ für „Gott“ ergab, weshalb die Anhänger des GUD auch als „gudars“, also „Götter“, bezeichnet wurden.

Beliebter war nur noch eine andere Identifikationsfigur: die schwarze Ratte. Nachdem die Linke begonnen hatte die gudars als „rats noirs“ zu beschimpfen, entwarf der Zeichner Jack Marchal Comics, deren Helden putzig-bösartige Nagetiere waren, eindeutig gekennzeichnet mit dem Armband samt Keltenkreuz, das die Leute des GUD in der Öffentlichkeit trugen.

Das alles mochte irritieren oder faszinieren, konnte aber so wenig wie das Auftreten der gudars mit langen Haaren und Jeans darüber hinwegtäuschen, daß sich der GUD in erster Linie als nationalistische Kampfgemeinschaft verstand. Seine Sommerlager waren keine Freizeitveranstaltungen, sondern dienten der Formierung eines Kaders und der körperlichen Ertüchtigung.

Front National führte zur Marginalisierung

Gürtelschnalle mit Keltenkreuz um 1970 Fotos: Alle Abbildungen aus dem Archiv des Verfassers

Mitglieder des GUD schlossen sich den christlichen Milizen im Libanon an, kämpften auf der Seite des Bergvolks der Karen gegen die kommunistische Regierung Kambodschas und später in den Reihen kroatischer Freikorps.

Aber auch wenn die gudars im Hinblick auf ihre Einsatzbereitschaft und ihre weltanschauliche Fixierung wie ein Spiegelbild der äußersten Linken wirkten, war unverkennbar, daß sie das Ziel, die Jungen zu gewinnen oder wenigstens die erreichten Positionen zu halten, nicht verwirklichen konnten. Hatte der GUD für die rechten Sammlungsbewegungen der frühen siebziger Jahre – den „Ordre Nouveau“ und den „Parti des Forces Nouvelles“ – einen Mix aus Jugendorganisation, Personen- und Saalschutz geboten, führte die Gründung des „Front National“ (FN) doch zu einer raschen Marginalisierung.

Der Weg mußte nicht zwangsläufig aus dem GUD in die Reihen des FN führen – es gab einige Militante, die sich später bei den Gaullisten oder den Liberalen wiederfanden -, aber es gab eine gewisse innere Logik solcher Entwicklungen. Damit verbunden war regelmäßig Disziplinierung und Mäßigung. Normalität hat den Niedergang des GUD wesentlich stärker beschleunigt, als die zeitweisen Verbote, die Um- und Neugründungen oder die große Zahl von Strafverfahren, der sich Mitglieder ausgesetzt sahen.

Propaganda gegen die Eröffnung von Disneyland Paris 1992 Foto: Aus dem Archiv des Verfassers

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