Soldaten des deutschen Kaiserreichs in Brüssel 1914 Foto: picture alliance / arkivi
Erster Weltkrieg

Ein Verzicht auf diplomatische Zugeständnisse

Diese „grundsolide, detaillierte und farbenreiche Studie über eines der schlimmsten Reizthemen des Ersten Weltkrieges“, so bekennt Gerd Krumeich im Vorwort zu Ulrich Kellers Untersuchung über den belgischen Guerillakrieg im August 1914, habe ihn von der ersten bis zur letzten Zeile in den Bann geschlagen.

Ein Lob, das schwer wiegt. Weil es der Düsseldorfer Emeritus, ein Matador in der Arena der WK-I-Forschung, mit einer in seinem Metier unüblichen Selbstkritik verknüpft. Und mit dem noch selteneren Eingeständnis, als Wissenschaftler durch den Zeitgeist korrumpiert worden zu sein. Als nämlich 2001 John Horne und Alan Kramer ihr Werk über die „Deutschen Kriegsgreuel 1914“ veröffentlichten, das auch in deutscher, 2004 im Hausverlag von Jan Philipp Reemtsmas Institut für Sozialforschung erschienenen Übersetzung überwiegend „enthusiastische Rezensionen“ erntete, habe er die Lektüre als „intellektuelle Befreiung“ empfunden.

Weil es ihm die Last des generationstypischen deutschen Schuldgefühls erleichterte. Nicht, indem die Autoren das Vorgehen des kaiserlichen Heeres gegen Belgiens Zivilbevölkerung, das binnen vier Wochen 5.000 Menschenleben forderte, auch nur ansatzweise gerechtfertigt hätten. Vielmehr setzten sie im Gegenteil alles daran, um die „spezifisch deutsche Einzigartigkeit“ brutalster militärischer Gewalt zu exponieren, die womöglich im Erbgut der Deutschen ihren wahren Ursprung habe. Trotzdem beruhigten sie Krumeichs schlechtes Gewissen, weil in ihrer Darstellung „so richtig böse niemand mehr war“.

Belgischer Widerstand trug Züge eines „Volkskrieges“

So kann man irren. Denn tatsächlich repetierten Horne und Kramer nur neunzig Jahre alte belgische Propagandalügen über brutale deutsche Invasoren, die an der unschuldig-wehrlosen Bevölkerung eines neutralen Kleinstaates unvergleichliche Kriegsverbrechen verübten. Aber im Unterschied zu seinen so schuldstolzen wie leichtgläubigen Kollegen beschlichen den selbstkritischen Krumeich Zweifel, ob die zentrale Botschaft der Iren, belgische Heckenschützen habe es gar nicht gegeben, sie seien von den Deutschen erfunden worden, um Massenerschießungen von Zivilisten zu legitimieren, „ganz stimmen konnte“.

Und an diesem Punkt verrät der Emeritus noch etwas Aufschlußreiches über das hierzulande politisch korrekt eingezäunte Milieu der Zeitgeschichtsforschung. Habe er doch beschlossen, den gegen die Stimmigkeit „revoltierenden Details“ des Buches „irgendwann einmal nachzugehen“. Irgendwann kam dann nie, auch weil „diese Fragestellung äußerst unbequem war und drohte, einen in der internationalen scientific community zu isolieren“. Selbst ein so renommierter Historiker wie Gerd Krumeich fürchtet also soziale Isolation, falls er erinnerungspolitisch unerwünschte Themen anzupacken wagt.

Ulrich Keller plagen solche Ängste nicht. Als ein in den USA tätiger Kunsthistoriker ist er in doppeltem Sinne bundesrepublikanischen Zunftzwängen nicht unterworfen und durfte, wie Krumeich neidisch bemerkt, unbeirrbar „auf dem Wege der Revision“ voranschreiten. Es sagt viel über unsere geschichtswissenschaftliche Kultur, wenn die Konsensstörung häufig von außen kommen muß.

Quellenklitterungen und Manipulationen

Wobei im Fall der Belgienlegenden Keller einem anderen Außenseiter, dem pensionierten Studiendirektor Gunter Spraul, den Vortritt lassen mußte. Dessen voluminöse Monographie über den „Franktireurkrieg 1914“ erschien 2016 (JF 12/16) und ließ vom Ruf der zum „Standardwerk“ hochgelobten „German Atrocities“ der irischen Mythennacherzähler nichts übrig. Trotzdem hat Keller, dessen Manuskript der „rückhaltlos kollegiale“ Spraul mit „großer militärhistorischer Detailkompetenz durchsah“, den Nordpol nicht zum zweiten Mal entdeckt.

Nur im Endresultat stimmen die sonst inhaltlich und methodisch stark divergierenden Studien „komplett“ überein: „Der 60 Jahre alte Forschungskonsens von der Fiktivität des belgischen Franktireurkriegs ist unhaltbar, da auf systematischer Ächtung des Großteils der verfügbaren Quellen beruhend.“Anders als Spraul, der sich auf die Auswertung einiger hundert Regimentsgeschichten aus der Zwischenkriegszeit konzentrierte, stützt sich Keller vornehmlich auf eine schon „quantitativ einzigartige“ Aktenüberlieferung im Bundesarchiv. Sie bewahrt die 1920 vom Reichsgericht protokollierten Zeugenaussagen deutscher Soldaten und Offiziere, die im Kampf mit belgischen Heckenschützen gestanden hatten.

Ein Fundus, den die vor Quellenklitterungen und Manipulationen jeden Kalibers nicht zurückschreckenden Herren Kramer und Horne zu „98 Prozent“ ignorierten! Der Widerstand der belgischen Zivilgesellschaft trug alle Züge eines „Volkskrieges“, der Junge und Alte, Männer und Frauen mobilisierte. Er hielt den deutschen Vormarsch nach Nordfrankreich nicht auf, war aber so massiv, daß er ihn verzögerte. Wie es dabei zuging, dokumentieren unzählige Protokolle über Gefechte in Löwen, Lüttich, Dinant und Andenne, jenen stark zerstörten Städten, die in der Entente-Propaganda die „Vergewaltigung Belgiens“ durch „die Hunnen“ symbolisierten.

Belgischen Kriegsverbrechen folgten deutsche Exzesse

In jedem von Keller streng anhand der Akten rekonstruierten Fall ging die völkerrechtswidrige Gewalt jedoch von Zivilisten oder von Zivilkleidung tragenden belgischen Soldaten aus. Sie steigerte sich nicht selten bis zur Mißachtung des Roten Kreuzes und bis zu Bestialitäten wie der Verstümmelung getöteter deutscher Soldaten. Etwa in den Gärten der Lütticher Arbeitersiedlung Herstal, wo Frauen („eine Schar höllischer Furien“) „Menschenjagd“ auf preußische Grenadiere machten. Die Feuerüberfälle der Einwohnerschaft, aus Fenstern und Dachluken, aus Häusern, unter denen viele zu „Festungen“ ausgebaut waren, forderten deswegen deutscherseits einen „erstaunlich hohen Blutzoll“.

Schon bei der ersten Stadterkundung eines Bataillons in Dinant fielen zwei Kompaniechefs und sechzehn Mann durch das heftige Feuer gut verschanzter Freischärler, die überdies 116 Soldaten, darunter alle Offiziere, teils schwer verwundeten. Nicht nur alle, primär wallonische Volksschichten beteiligten sich. Auch die frankophone katholische Priesterschaft ließ es bei der Aufputschung der Bevölkerung nicht an fanatischer Militanz fehlen.

Désiré Mercier, Erzbischof von Mecheln, entpuppt sich in Kellers Schilderung geradezu als katholischer Haßprediger. Übrigens keine für das Oberhaupt der belgischen Kirchenhierarchie ungewohnte Rolle, wie sich aus Kellers Hinweis ergibt, er habe das von 1885 bis 1910 währende „grauenhafte Wüten“ von König Leopold II. im Kongo, ein „Menschheitsverbrechen mit zehn Millionen Toten“ (Adam Hochschild), „wärmstens unterstützt“. Nicht von ungefähr tauchten daher die Handamputationen, mit denen die belgische Kolonialjustiz kongolesische Diebe am Fließband zu bestrafen pflegte, als „abgehackte Hände belgischer Kinder“, vermeintliche Untaten des deutschen Heeres, in der alliierten Propaganda wieder auf.

„Ins Reich historischer Tatsachen“

Der kühle Analytiker Keller betont oft, er wolle keine „Aufrechnung“ betreiben, wenn er den belgischen Guerillakrieg endlich „ins Reich historischer Tatsachen repatriiert“. Vor diesem Verdacht bewahren ihn seine peniblen Nachweise deutscher Notwehrexzesse. Am Ende entsteht daher nicht abermals ein moralinhaltiges Schwarz-Weiß-Bild, auf dem diesmal allein Belgier die Täter, Deutsche die Opfer sind, sondern eine der Kriegswirklichkeit entsprechende Geschichte des Handelns und Leidens aller Beteiligten.

Seine quellenkritische Legendenzerstörung ergänzend, setzt sich Keller eingehend mit den in Krumeichs Vorwort angedeuteten volkspädagogischen Restriktionen auseinander, die nach 1945 das Umfeld für die gedankenlose Perpetuierung belgischer Geschichtsklitterungen schufen. Schon im Juli 1930 hätte damit eigentlich Schluß sein können. Damals verhandelte eine deutsch-belgische Delegation über die Franktireur-Kontroverse und einigte sich auf eine Kompromißformel, wonach die belgische Seite nicht länger die Verbrechen der Freischärler verschweigen, die Deutschen zugeben wollten, bei der Sanktion an manchen Orten „über das Ziel hinausgeschossen zu sein“.

Doch öffentlich gemacht wurde der Kompromiß nicht, so daß nach 1945 „Neuverhandlungen“ anstanden. Es galt, die leidige Franktireur-Frage auf den Stand vor 1930 zurückzuversetzen, um Bedenken zu zerstreuen gegen die EWG- und Nato-Integration der mit der NS-Vergangenheit belasteten Bundesrepublik. Deswegen geschichtspolitisch wehrlos, zeigte sich die Bonner Diplomatie unfähig zu Einsprüchen gegen die Kriminalisierung der kaiserlichen Armee, der, wie man auch im Auswärtigen Amt wußte, eben keine „Einsatzgruppen“ gefolgt waren.

„Ärgerliches, rechtskonservatives Machwerk“

So entstand 1958 die Auftragsarbeit des Münsteraner Historikers Peter Schöller. Sie vertrat den auf einem Festakt in Löwen abgesegneten, nunmehr offiziösen bundesdeutschen Standpunkt, belgische Heckenschützen habe es nie gegeben. „In der politisch korrekten Geschichtsschreibung kamen Franktireurs hinfort nicht mehr vor.“ Wie stark solche „eingebettete“ Forschungsfreiheit noch die Stunde regiert, belegt die in ihrer dümmlichen Arroganz für den neudeutschen Status-quo-Byzantinismus typische Abfertigung, die der Potsdamer Militärhistoriker Michael Epkenhans der Belgien-Monographie Gunter Sprauls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7. November 2016) angedeihen ließ.

Gönnerhaft heißt es dort, Spraul habe „manche neue Quelle erschlossen“, die belege, daß Franktireurs „keine reine ‘Einbildung’“ gewesen seien. Weil jedoch die Basis seiner Arbeit, die Regimentsgeschichten, von Epkenhans, der wie Horne und Kramer durch ignorante „Quellenächtung“ unangenehm auffällt, pauschal als „problematisch“ bewertet werden und „das Reichsarchiv“ in Sachen Franktireurs ebenso wie die Reichsleitung in ihren Weißbüchern ohnehin „fälschte“, habe Spraul nur ein „ärgerliches, rechtskonservatives Machwerk“ vorgelegt, das offensichtlich die von Horne und Kramer natürlich nur „vermeintlich“ beschmutzte nationale Ehre wiederherstellen wolle.

Immerhin schließt der von Ahnungslosigkeit geprägte Verriß mit dem leichte Irritation verratenden Zugeständnis, nunmehr wolle man „ohne nationale Scheuklappen“ alle verfügbaren Akten sine ira et studio lesen. Dazu hat der 1955 geborene Epkenhans in den letzten Jahrzehnten nämlich partout keine Zeit gefunden. Hätte man ja gleich drauf tippen sollen: Zeitmangel und nicht etwa die von Krumeich erwähnte Angst vor sozialer Isolation hinderte die geschmeidige Generation Epkenhans, den Schleier des diplomatischen Agreements von 1958 zu lüften. Mal schauen, ob sich Ulrich Kellers Meisterwerk genauso rotzfrech abbügeln läßt!

JF 50/17

Soldaten des deutschen Kaiserreichs in Brüssel 1914 Foto: picture alliance / arkivi

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