Die Benes-Brücke bei Aussig: Sogar Kinderwagen wurden in die Elbe gestürzt Foto: Wikimedia/Ralf Roletschek/fahrradmonteur.de mit CC 3.0 Lizenz http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Massaker von Aussig

Eine Mordaktion von Beneš’ Gnaden

Aussig in Böhmen am Dienstag, 31. Juli 1945. Gegen 15.30 Uhr zerreißt eine gewaltige Detonation die nachmittägliche Stille: Im Vorort Schönpriesen ist ein Munitionsdepot  explodiert. Die Druckwellen schleudern Eisenbahnwaggons durch die Luft, Fensterscheiben bersten, Häuser gehen in Flammen auf, mindestens zwei Dutzend Menschen werden getötet. Das Wasser im Feuerlöschteich färbt sich blutrot. Es beginnt eine Hatz auf Deutsche. Auch auf der Brücke über die Elbe tobt der Mob. Arbeiter der Firma Schicht AG, die nach Fabrikschluß zu ihren Wohnungen eilen, werden angegriffen, einige von ihnen erschlagen.

Herbert Schernstein, ein Altkommunist, der die Konzentrationslager Theresienstadt, Sachsenhausen und Ravensbrück überlebt hat, wird Zeuge des brutalen Geschehens: „Nach vier Uhr nachmittags trieben Angehörige der Svoboda-Garden (benannt nach dem tschechischen General und späteren Staatspräsidenten Ludvik Svoboda) alle Deutschen aus den umliegenden Häuserblöcken aus ihren Wohnungen und hetzten sie massenweise in die Elbe. Ich sah Frauen und Kinder in den Wellen verschwinden, auf der Ferdinandshöhe hatten Tschechen Maschinengewehrnester gegraben, aus denen sie auf die im Strom treibenden Menschen schossen.“ Allein im nahen Sachsen werden später achtzig Leichen aus der Elbe geborgen.

„Auch Kinderwagen wurden ins Wasser gestoßen“

Die Rot-Kreuz-Schwester Therese Mager erinnerte sich: „Auch Kinderwagen wurden ins Wasser gestoßen. Die Massenverfolgung dauerte bis in den späten Abend.“ Die tschechische Begründung für das Massaker: Das Waffendepot sei von deutschen „Werwölfen“ in die Luft gejagt worden, das habe dann zu spontanen Reaktionen geführt.

Genau dieser These wird später der Aussiger Stadtarchivar Vladimir Kaiser nach akribischen Recherchen energisch widersprechen: Die Greuel seien eine abgekartete Sache gewesen, eine geheimdienstlich-militärische Inszenierung des neuen Regimes in Prag, in der Absicht, den Siegermächten zu beweisen, daß man mit den Deutschen nicht mehr zusammenleben könne. Die „Großen Drei“ (Amerikaner, Briten und Russen) waren an jenem Tag in Potsdam zu ihrer elften Sitzung zusammengekommen. Der Fall Aussig: eine Vorstufe zur „wilden Vertreibung“.

Die Angaben des Tschechen Kaiser decken sich weitgehend mit den Forschungen des sudetendeutschen Historikers Otfried Pustejovsky, „daß die an den vier verschiedenen Stellen gleichzeitig begonnenen, nach vergleichbarem Muster durchgeführten und in dieselbe Richtung zielenden Verfolgungsmaßnahmen gegen Deutsche von in die Stadt Aussig eingeschleusten Schlägertrupps auf Weisung hin durchgeführt wurden“.

Als Organisator des Geschehens gilt der Stabshauptmann Bedrich Pokorny von der Abteilung „Z“ im tschechoslowakischen Innenministerium. Der ehemalige Gestapo-Konfident Pokorny, seit 20. Mai 1945 Mitglied der Kommunistischen Partei, hatte auch das Kommando beim „Brünner Todesmarsch“ Ende Mai; 1968, während des „Prager Frühlings“ nahm er sich das Leben.

Wie viele Menschen bei dem von oben angeordneten Pogrom umgekommen sind, ist bis heute unklar. Pustejovsky spricht von rund 100 Opfern, nach anderen Schätzungen waren es weit mehr: zwischen 1.000 und 2.700 Tote. Zu keinem Zeitpunkt wurde auch nur einziger tschechischer Täter namentlich identifiziert. Dafür scheint es eine Erklärung zu geben: Es waren viele ortsfremde Personen aus dem benachbarten Leitmeritz und aus Prag nach Aussig gebracht worden.

Elbbrücke ist immer noch nach Beneš benannt

Der Sozialdemokrat Alois Ullmann, der sechs Jahre im KZ Dachau verbracht hatte, beobachtete kurz vor dem Pogrom, wie einem aus der Hauptstadt kommenden Zug etwa 300 Personen „sehr zweifelhaften Aussehens“ entstiegen: „Diese Leute waren ungefähr im Alter von 18 bis 30 Jahren, und ich bekam den Eindruck, daß wieder einmal irgendwo eine Strafanstalt entleert wurde.“

Ullmann war es auch, der darüber berichtete, wie der damalige tschechische Bürgermeister, Vondra, „mit allen Mitteln versuchte, dem Wüten des zugereisten Mobs Einhalt zu gebieten, er wäre deshalb beinahe ebenfalls in die Elbe geworfen worden“. Genau einen Monat später, am 31. August 1945, war Ullmann zu Gesprächen in der Hauptstadt: „Ich hatte den Eindruck, daß bei den Prager Amtsstellen große Verlegenheit über die Vorgänge herrschte.“

Die Brücke über die Elbe trägt noch heute den Namen des Vertreiber-Präsidenten Edvard Beneš. Alle Appelle ehemaliger Aussiger Bürger, sie umzubenennen, wurden ignoriert. Seit Sommer 2005 gibt es allerdings am Geländer eine Tafel. Zweisprachig lautet die Inschrift: „Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945.“ Ohne Vorwissen sei die Entschlüsselung dieser lapidaren Botschaft kaum möglich, sagt der in Offenbach am Main lebende sudetendeutsche Pädagoge Gerolf Fritsche.

Er hat jüngst in einem Brief an die Stadtverwaltung von Aussig angeregt, der Brücke den Namen des deutschen Bürgermeisters Leopold Pölzl zu geben. Der Sozialdemokrat Pölzl war nach 1938 nicht emigriert und hatte unter kontinuierlicher Verfolgung durch die Gestapo zu leiden. 1944 kam er auf mysteriöse Weise im Aussiger Stadtkrankenhaus zu Tode. Auch Fritsche hatte mit seiner Petition bislang keinen Erfolg.

JF 31-32/15

Die Benes-Brücke bei Aussig: Sogar Kinderwagen wurden in die Elbe gestürzt Foto: Wikimedia/Ralf Roletschek/fahrradmonteur.de mit CC 3.0 Lizenz http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

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