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Buchvorstellung in Berlin: „Heimatvertriebene haben Empathie verdient“

Buchvorstellung in Berlin: „Heimatvertriebene haben Empathie verdient“

Buchvorstellung in Berlin: „Heimatvertriebene haben Empathie verdient“

Der Journalist Werner Sonne hat zusammen mit Thomas Kreutzmann ein Buch über Heimatvertriebene geschrieben. Er trägt ein dunkles Jackett, dazu ein weißes Hemd
Der Journalist Werner Sonne hat zusammen mit Thomas Kreutzmann ein Buch über Heimatvertriebene geschrieben. Er trägt ein dunkles Jackett, dazu ein weißes Hemd
Der Journalist Werner Sonne hat zusammen mit Thomas Kreutzmann ein Buch über deutsche Heimatvertriebene nach 1945 geschrieben Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache
Buchvorstellung in Berlin
 

„Heimatvertriebene haben Empathie verdient“

Im Saal herrscht beklommene Stille, als es um das Leid einer ukrainischen Mutter geht, die ihren Sohn beim Massaker von Butscha verloren hat. Das Bild der Frau, die in tiefer Trauer ihre Hände vor dem Gesicht hält, ist das Buchcover von Thomas Kreutzmanns und Werner Sonnes Abhandlung „Schuld und Leid. Das Trauma von Flucht und Vertreibung 1945-2022“. Letzterer nennt es „ein Symbol für das Schicksal so vieler“. Bei vielen Deutschen wecke dieses Bild schmerzhafte Erinnerungen an den Winter 1944/45, als die Vertreibung aus Ost- und Mitteleuropa begann. Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung am Anhalter Bahnhof im Zentrum Berlins und deren öffentliche Förderer haben ganze Arbeit geleistet. Im Juni 2021 eröffnet, bietet dieser Ort auf über 5.000 Quadratmetern eine Bibliothek, eine ständige Ausstellung, wechselnde Sonderausstellungen und mehr. Hier wird die Erinnerung an die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus dem heutigen Ost- und Mitteleuropa nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebendig gehalten.

Die Journalisten Thomas Kreutzmann und Werner Sonne sprechen am Dienstag vor einigen hundert Gästen. Ihr Buch befaßt sich mit den Schicksalen deutscher Heimatvertriebener und spannt einen Bogen zu heutigen Fluchtbewegungen. Das Thema ist brandaktuell, der Veranstaltungssaal ist fast vollständig gefüllt. Die Buchpremiere und die anschließende Podiumsdiskussion treffen einen Nerv.

Melnyk: „Die Geschichte wird zeigen ob ich Recht hatte“

Das zeigt besonders die anschließende Podiumsdiskussion, an der neben den beiden Autoren die Rektorin des Dokumentationszentrums Gundula Bavendamm, der Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen Stephan Mayer und der ehemalige Bundestagsabgeordnete und frühere DDR-Oppositionelle Markus Meckel teilnehmen. Auch der scheidende ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, ist anwesend. Zu Beginn wird er gefragt, ob seine mitunter äußerst harsche Rhetorik nicht auch kontraproduktiv im Sinne der ukrainischen Sache gewesen sei. Seine Antwort: „Die Geschichte wird zeigen ob ich Recht hatte, oder ob ich überzogen habe.“ Das Mantra „Keine Waffen in Kriegsgebiete“ könne er mit Blick auf die Lage in seinem Land seit der ersten russischen Annexion 2014 „nicht verstehen“.

Herr Meckel sieht das ähnlich. Als Sozialdemokrat findet er, „die Fokussierung auf Moskau“ sei schon seit Anfang der 1990er Jahre ein Fehler gewesen. Bundespräsident Steinmeier hatte 2021 gefordert, Deutschland dürfe mit Blick auf den Angriff auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg das „größere Bild nicht aus dem Blick verlieren“, um damit die deutsch-russische Kooperation bei Nord Stream 2 zu rechtfertigen. Diese Argumentation nennt Meckel „absurd“, zumal die Pipeline gebaut wurde, nachdem Moskau bereits Teile der Ostukraine annektiert hatte.

Deutliche Kritik an Bundespräsident Steinmeier

Um den Fokus wieder beim Kernthema des Abends und des Dokumentationszentrums anzusetzen, fragt die Moderatorin Herrn Kreutzmann nach der Motivation für sein Buch über deutsche Heimatvertriebene. „Diese Menschen haben Empathie verdient“, lautet seine klare Antwort. In der DDR sei das Thema totgeschwiegen worden, um die russischen Partner nicht zu verärgern, im Westen seien viele Vertriebene auf Ablehnung gestoßen. Daß diese Menschen inzwischen erfolgreich integriert seien ließe ihn hoffen, daß dies auch mit Flüchtlingen aus anderen Weltregion zu schaffen sei.

Im Saal herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, daß Deutschland sich zu abhängig von russischer Energie gemacht habe und die Ukraine Hilfe aus Europa brauche. Steinmeiers Nord Stream-Rechtfertigung halten die Diskutanten für unzulänglich. Der überraschendste Moment des Abends ist, daß die Rektorin des Hauses, Frau Bavendamm, anmerkt, daß die Erinnerung an die Schrecken der NS-Zeit kein guter Ratgeber für heutige Politik sei. Dafür erntet sie Applaus. Melnyk formuliert es in gewohnt provokantem Duktus etwas schärfer: Putin habe „den Sieg über Nazi-Deutschland monopolisiert“. Das Moskauer Narrativ der Entnazifizierung der faschistischen Ukraine zeige genau das.

Immer wieder führen kurze Fragen zu ausufernden Antworten voller historischer Exkurse. Die Moderatorin räumt zum Ende ein, nicht alle Fragen untergebracht zu haben. Was bleibt ist die Erkenntnis, daß die Nazi-Keule auch nach 80 Jahren weltweit funktioniert und das Deutschland seine Außen- und Sicherheitspolitik überdenken muß.

Der Journalist Werner Sonne hat zusammen mit Thomas Kreutzmann ein Buch über deutsche Heimatvertriebene nach 1945 geschrieben Foto: picture alliance/dpa | Soeren Stache
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